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Vom Migrationshintergrund zum Persönlichkeitsvordergrund

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Michaela Rehle / Reuters
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In allen Integrationsdebatten wird oft nur darüber diskutiert, ob und inwiefern gewisse Bevölkerungsschichten überhaupt oder gar besser in die Gesellschaft integriert werden können. Wie wäre es mal damit, Integration nicht als Einzelaufgabe bestimmter Bevölkerungsgruppen, sondern als gesamtgesellschaftliche Pflicht zu betrachten?

Miteinander statt übereinander bestimmen und diskutieren!

In jeder Integrationsdebatte sind die Fronten schnell klar: Auf der einen Seite die bösen, integrationsunwilligen Beteiligten, die nichts als Probleme verursachen und einem Teil des ach so vorbildlichen Rests der Gesellschaft ein Dorn im Auge sind.

Ihnen gegenüber stehen die elitären Musterbeispiele gelungener Integration, die meist ein hohes gesellschaftliches Ansehen genießen, da sie ein öffentliches Amt bekleiden und wegen ihrer vermeintlichen Vorbildfunktion auf dem Präsentierteller von Talkshow zu Talkshow gereicht werden, damit auch jeder mitbekommt, wie man sich zu integrieren hat.

Anschließend folgt jedes Mal die gleiche Standpauke: Pausenlos bekunden sie die Sprach- und Integrationsmängel der Mitglieder bestimmter Bevölkerungsschichten und wie schlecht sich der Integrationsdiskurs doch deshalb entwickeln würde. Dann wird häufig versucht, diese empirische Prognose mithilfe persönlicher Wahrnehmungen und Anekdoten zu untermauern.

Aber bringen uns solche Pauschalurteile denn weiter und sind dafür immer erst Diskussionen über die Fehler anderer, anstatt die Reflektion über sich selbst nötig? Klar ist es einfacher, sich als selbsternannten Mentor und Superhelden vom Rest der Gesellschaft zu entziehen und die integrationsunwilligen als Opfer zu determinieren, aber was bringt diese Überheblichkeit und der herablassende Blick auf die hinterbliebene Mehrheitsgesellschaft, dessen Teil man stets ist, es aber nicht wahrhaben will?

Anstatt immer nach Möglichkeiten der Profilierung zu suchen, wie wäre es mal mit einem Diskurs auf Augenhöhe? Einem Dialog mit-, statt übereinander?

Ferndiagnostisches Expertentum vs. reale Interaktionen

Irgendwie muss man den ganzen Integrationsexperten aber auch Recht geben. Zuhause vom Chefsessel aus, lässt es sich doch viel besser regieren, kritisieren und im Nachhinein dementieren, als vor Ort, oder?

Als Außenstehender Trauer bekunden, Fehlverhalten kritisieren, sein Mitgefühl äußern und ganz wichtig: pauschalisieren! Wenn dies dann medial aufgegriffen oder anderweitig angesprochen wird, heißt es dementieren was das Zeug hält, um bloß keinen Imageverlust zu erleiden. Alles im Sinne des Showgeschäfts versteht sich.

Diese Doppelmoral, bestehend aus Außenbild und persönlichen Vorteilen bröckelt allein, wenn man fragt, wie viele dieser Schein-Experten sich doch mal ein eigenes Bild von den Verhältnissen vor Ort gemacht haben und sich konkret damit befasst haben, woran die Integration wirklich scheitert und wie sie mithelfen können, diese voranzubringen.

In Talkshows bricht oft sinnloses Gelächter aus, es tritt plötzliches Schweigen ein oder es wird ganz "professionell" zur nächsten Frage übergeleitet. Man macht es sich einfach, indem man die selbsternannten "Opfer", zu denen aus Sicht dieser "Integrationsexperten" jeder gehört, mit dem man nicht einer Meinung ist, immer schön weiterkritisiert und immer tiefer in die altbekannte Opferrolle steckt.

Wie? Ganz einfach: Mithilfe von kulturalistischem Rassismus. Dieser argumentiert vornehmlich mit kulturellen oder religiösen Unterschieden zwischen den Gesellschaftsgruppen. Genau, wenn einem keine anderen Vorwände mehr einfallen, um sich als Held zu deklarieren und die anderen zu diffamieren, kommt die Religion und der Migrationshintergrund wieder ins Spiel.

Politik darf in diesem Gemisch nicht fehlen, um die Stimmungsmache erst so richtig in Gang zu setzen. Dazu noch die kulturellen Unterschiede und fertig ist der problematische Sündenbock.

Damit nicht genug: Das hochgelobte Idol muss natürlich, nach all seiner Kritik, seiner Vorbildfunktion gerecht werden und einen Königsweg zur Lösung aller Integrationsprobleme vorschlagen, ganz bequem vom Schreibtisch aus, versteht sich.

Dabei helfen auch gerne geschönte oder gar erfundene Studien und Statistiken, die komischerweise wortwörtlich die eigene Meinung wiedergeben. Ist das realitätsferne Pauschalurteil bekundet, folgt im Studio oft tosender Beifall.

Dieses ferndiagnostische Expertentum lässt Schein-Experten vielleicht im Rampenlicht erstrahlen, aber leider erlöschen dabei das Licht ihrer Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe sowie die damit verbundene Authentizität der Person.

Wichtiger ist es, den Realitätssinn und Ehrgeiz vor Bequemlichkeit und Ruhm sowie öffentliches Ansehen zu stellen, um so ein möglichst sachliches, reales und differenziertes Bild von dem zu lösenden Problem zu bekommen. Doch dabei sollte man zu allererst mit der Kritik bei sich selbst beginnen, bevor man mit dem Finger auf andere zeigt.

Vom Migrationshintergrund zum Persönlichkeitsvordergrund!

Anstatt sich täglich von selbsternannten Helden bestimmte Rollenbilder aufzwingen zu lassen, sollten wir daran arbeiten, genau diesen zu zeigen, was für starke Persönlichkeiten doch in uns stecken. Der Migrationshintergrund ist zweifelsfrei ein Teil unserer bikulturellen Identität, aber gewiss nicht der Einzige.

Nehmt euch die Zeit, um andere durch eure Charakterstärke zu beeinflussen und nicht nur durch eure tollen Deutschkenntnisse. Auch wenn solche Oberflächlichkeiten für euer Gegenüber oft ein Anlass für ein gutgemeintes Lob sind, nehmt es dankend an, aber entgegnet und verdeutlicht eurem Gegenüber, dass Charakterstärke, gesellschaftliches Ansehen oder der berufliche Erfolg einer Person, nicht in Beziehung zu dessen Herkunft, Hautfarbe oder Religion stehen.

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Diese gebetsmühlenartigen Paradigmen und Reduzierungen auf den Migrationshintergrund schränken uns nicht nur gedanklich, sondern auch physisch ein. Dabei ist Bi- bzw. Interkulturalität weitaus mehr als ein Merkmal, das Menschen auszeichnet.

Es bereichert sie, stärkt ihr Selbstbewusstsein und öffnet ihnen das Tor in eine neue, bunte und pluralistische Gesellschaft. Also lasst dem Migrationshintergrund seinen Spielraum und zeigt, was für unentdeckte Talente noch in eurer multikulturellen Persönlichkeit stecken - also in jedem von uns!

Integration: Gruppen- statt Einzelaufgabe!

"Integration ist keine Einbahnstraße" - schon wieder so ein Satz dem man ewig begegnet. Aber was steckt eigentlich dahinter? Der Versuch aus vielen einzelnen Persönlichkeiten einen Gedanken zu schaffen?

Erst einmal sollte man sich von diesem Einheitsgedanken lösen. Natürlich leistet jeder seinen Beitrag zur Integration, indem er die Sprache erlernt, das Grundgesetz respektiert und die Landesgegebenheiten akzeptiert, aber heißt das unbedingt, das jeder gleich denkt, handelt und fühlt? Nein!

Und das ist es, was wir begreifen müssen. Da jeder individuell und in seinem Ermessen agiert, gilt es, sich mehr und mehr über diese Eigengedanken auszutauschen, um so einen gemeinsamen Konsens zu finden.

Somit ist Integration gewiss keine Einzel-, sondern eine Gruppenaufgabe, die es durch konstruktive und gemeinschaftliche Diskurse zu erfüllen gilt - auf Augenhöhe, mit Respekt, Toleranz und interkulturellem Miteinander!

Erst so wird mit der Zeit deutlich, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht nur messbar an ihren Deutschkenntnissen, ihrer Herkunft oder ihrem Glauben sind, sondern mit ihren Talenten genauso dazugehören und einen Teil zu einem bunteren Deutschland beitragen, wie jeder andere auch.

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Am 31. August ist es ein Jahr her, dass Angela Merkel gesagt hat: "Wir schaffen das."

Wie haben Flüchtlinge euren Alltag verändert? Was hat die Politik richtig gemacht und wo läuft etwas falsch? Wart ihr vielleicht am Anfang kritisch, aber habt jetzt ein gutes Gefühl? Oder ist es vielleicht genau anders herum?

Nehmt an der Diskussion teil und schickt eure Artikel und Videos an Blog@huffingtonpost.de

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