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5 Fragen zur Industrie 4.0, die heute noch fast niemand (offen) stellt

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INDUSTRIE
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Haben Sie in letzter Zeit auch etwas über Industrie 4.0 gelesen? Es ist derzeit nicht leicht, diesem Thema zu entgehen. Wir lesen über enorme Produktivitätsfortschritte, die dadurch ausgelöst werden sollen, über eine einheitliche Technologie-Plattform, die als Voraussetzung benötigt wird oder dass Deutschland nur über den Weg der Digitalisierung seine starke Position als Exportnation wird verteidigen können. Es gibt nur ein Problem:

Der Mensch und die konkrete Transformation der HR-Arbeit kommen in dieser Diskussion zu Industrie 4.0 noch zu selten oder nur sehr abstrakt („Humanisierung") vor.

Wenn doch, dann geht es um die Frage der Qualifizierung der Mitarbeiter für den Umgang mit immer intelligenteren Maschinen und um die Sorge, dass die zunehmende Automatisierung immer mehr Jobs vernichten wird.

Daneben gibt es aber, gerade aus Sicht der mit der Digitalisierung einhergehenden notwendigen Transformation der HR-Arbeit, weitere ganz wesentliche Voraussetzungen für die Umsetzbarkeit von Industrie 4.0:

1. Industrie 4.0 erfordert immer besser qualifizierte Mitarbeiter

Auch die Fabrik 4.0 wird nicht menschenleer sein. Uns geht nicht aufgrund zunehmender Automatisierung die Arbeit aus, uns gehen die qualifizierten Mitarbeiter aus, die hochkomplexe Maschinen steuern und überwachen können! Die Mitarbeiter, die solche Maschinen überwachen, müssen immer besser qualifiziert sein.

Aufgrund der demografischen Entwicklung (die Babyboomer gehen auf die Rente zu, junge Menschen wachsen nicht in gleicher Anzahl nach) werden qualifizierte Mitarbeiter allerdings immer knapper.

Frage: Wo kommen diese qualifizierten Mitarbeiter für Industrie 4.0 her?

2. Industrie 4.0 wird den Bedarf an Schichtarbeit verstärken

Industrie 4.0 bedeutet Investitionen. Weil die vernetzt miteinander agierenden Maschinen noch komplizierter und teurer werden, müssen sie erst recht rund um die Uhr, also im Schichtbetrieb, genutzt werden.

Frage: Ist heute schon geklärt, ob wir dieses Mehr an Schichtarbeit wollen und können?

3. Industrie 4.0 erfordert flexibleren Einsatz der Mitarbeiter

Aufgrund kurzer Lieferfristen und immer individueller gefertigter Produkte („Losgröße eins") werden Produktions- und damit Schichtpläne in immer kürzeren Fristen erstellt und modifiziert. Die hochqualifizierten Mitarbeiter müssen daher sehr flexibel eingesetzt werden - flexibel im Hinblick auf ihre Arbeitszeit und ihren Arbeitsort - je nach Auftragslage in kürzeren oder längeren Schichten, in verschiedenen Hallen und an unterschiedlichen Maschinen.

Dies immerhin wurde auch schon an anderer Stelle öffentlich dargestellt, nämlich in der Studie zur Produktionsarbeit der Zukunft von Fraunhofer IAO.

Frage: Sind Unternehmen und Mitarbeiter auf mehr Flexibilität eingestellt?

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4. Qualifizierte Mitarbeiter lassen sich nicht einfach fremdbestimmen

Die knapper werdenden, gut qualifizierten Mitarbeiter werden sich bezüglich ihrer Arbeitszeit nicht komplett fremdsteuern lassen, sondern sich Arbeitgeber suchen, bei denen neben aller Flexibilität auch planbare Freizeit übrig bleibt. Für manche Unternehmen kann dies zum existentiellen Risiko werden.

Frage: Ist den Unternehmen dieses Risiko bewusst und haben Sie Lösungen dagegen?

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5. Unternehmen müssen bedarfsgerechte Arbeitszeitmodelle finden, die auch für Mitarbeiter attraktiv sind

Arbeitgeber sind als Voraussetzung für Industrie 4.0 also gezwungen, flexible Arbeitszeitlösungen zu finden, die ihren Produktionsanforderungen genügen (bedarfsgerechter Einsatz der Mitarbeiter, flexibel dem jeweiligen Produktionsplan entsprechend) und gleichzeitig auf Zustimmung bei ihren Mitarbeitern stoßen.

Frage: Haben Unternehmen die Flexibilität 4.0 schon aus Mitarbeitersicht sichergestellt?

Das ist eine enorme Herausforderung, die in den öffentlichen Diskussionen zu Industrie 4.0 heute noch überhaupt nicht vorkommt. Es klingt fast wie die Quadratur des Kreises: Flexibler, dem Produktionsbedarf entsprechender Einsatz von Mitarbeitern in Schichtsystemen - und die Mitarbeiter sollen das auch noch attraktiv finden? Ja, nur so wird es funktionieren.

Und das Gute ist: Es kann auch funktionieren, denn die Lösung ist schon bekannt. Wir nennen sie „Arbeitszeit 4.0".

Industrie 4.0 braucht Arbeitszeit 4.0!

Arbeitszeit 4.0 bedeutet, die Anforderungen einer hochflexiblen Produktion mit den Anforderungen hoch qualifizierter Mitarbeiter an ihre Work-Life-Balance auf einen Nenner zu bringen. Kurzfristige Anpassungsnotwendigkeiten der Schichtzeiten und Besetzungsstärken auf der einen, individuelle Wünsche und Prioritäten für die persönliche Arbeitszeit auf der anderen Seite.

Dies ist eine große Herausforderung, für deren Bewältigung flexible Schichtsysteme, strukturierte Planungsprozesse, intelligente Softwaresysteme zur Einsatzplanung und innovative Lebensarbeitszeitmodelle benötigt werden. All diese Komponenten gibt es aber bereits und es gilt, sie der Ausgangssituation der jeweiligen Organisation entsprechend zu konfigurieren.

Unterschiedliche Flexibilitätsspielräume von Mitarbeitern nutzen

Wesentlich ist dabei auch, die sehr unterschiedlichen individuellen Flexibilitätsspielräume der Mitarbeiter zu identifizieren und zu nutzen: Die einen sind Lerchen (Frühaufsteher), die anderen Eulen (Nachtschwärmer). Die einen können wegen Kinderbetreuung nur gelegentlich am Nachmittag arbeiten, andere sind während bestimmter Lebensphasen stärker flexibel.

Die einen freuen sich über bezahlte Mehrstunden, die anderen bevorzugen Freizeit. In Summe lassen sich daraus viele Optionen schneidern, sofern man nicht versucht, alle Mitarbeiter über einen Kamm zu scheren.

Spannungsfeld Unternehmens- und Mitarbeiterinteressen auflösen

Wir bewegen uns hier in einem Spannungsfeld von Interessen von Unternehmen und Mitarbeitern. Deshalb wäre es nicht realistisch anzunehmen, dass es die perfekte Lösung gibt, die Unternehmens- und Mitarbeiterinteressen immer zu 100% in Deckung bringt. Das ist aber auch nicht zwingend erforderlich.

Realistisch wäre dagegen, dass eine Lösung gemäß Arbeitszeit-4.0-Konzept dazu führt, dass das Unternehmen seine Produktionpläne zu 90% so effizient und kurzfristig umsetzen kann, wie es für die Erfüllung aller Kundenwünsche optimal wäre, und die Mitarbeiter dabei gleichzeitig 90% ihrer Arbeitszeitwünsche realisieren können.

Wahrheit 4.0 jenseits von Billard-Tisch & Co

Die Welt von Industrie 4.0 bedeutet weder die Unterwerfung des Menschen unter die Herrschaft der Maschinen noch eine schöne neue Arbeitswelt und die Realisierung aller Blütenträume, wo wir alle auf Rutschbahnen in die Kantine gleiten und uns zwischen zwei Besprechungen im Ruheraum, am Billardtisch oder am Tischfußballgerät regenerieren.

Zwischen ökonomischer Notwendigkeit und individueller Work-Life-Balance gilt es, einen Mittelweg zu finden. Wenn diese „Wahrheit 4.0" deutlich angesprochen und offensiv angegangen wird, lassen sich auch dafür konstruktive Lösungen finden.

Übrigens wird die Problematik innovativer Arbeitszeitlösungen nicht nur die produzierende Industrie betreffen. Aber das muss an anderer Stelle noch einmal ausführlicher erläutert werden.

Aber vielleicht sorgt dieser Beitrag jetzt schon dafür, dass diese 5 essentiellen Fragen offen gestellt und beantwortet werden. Dem Erfolg der Industrie 4.0 wäre es zu wünschen!

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade "Was hat HR mit der verdammten digitalen Transformation zu tun, verdammt noch mal?! ". Hashtag der Blogparade ist:#ZukunftHR.

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