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„Industrie 4.0 Human" - der Mensch als Erfolgsgarant und Profiteur, nicht als Opfer der neuen Industrie

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Die Öffentlichkeit wird bei Digitalisierung und Industrie 4.0 hin- und hergerissen zwischen Blütenträumen der „Neuen Arbeit" / „Arbeit 4.0" und Schreckensszenarien von massenhaften Verlusten der Arbeitsplätze. Was in der Regel fehlt: eine klare Vision und aktive Gestaltung der „humanen" Seite der Industrie 4.0, bei der die Interessen von Unternehmen und Mitarbeitern so abgestimmt werden, dass Mitarbeiter zum Erfolgsgaranten für Industrie 4.0 werden und vom Wandel profitieren statt Opfer der Revolution zu sein.

Arbeit 4.0 betrachtet Arbeit oft isoliert, wo eine ganzheitliche Sicht notwendig ist. Wir sprechen daher lieber von „Industrie 4.0 Human" und sehen hier eine neue Erfolgspartnerschaft. Hierbei kann das Personalmanagement als Transformator eine Schlüsselrolle spielen!

Eines ist klar ... der Wandel ist ein Muss

Die Anforderungen an die Produktion der Zukunft sind hoch, denn die Märkte werden immer volatiler, die Anzahl der global agierenden Marktteilnehmer wächst und Produkte müssen kundenspezifisch ausgerichtet sein. Gleichzeitig sind die Erwartungen an Niveau und Qualität der Produktion hoch. Dies erfordert flexiblere, reaktionsfähigere Produktionssysteme und Mitarbeiter.

Industrie 4.0 daher nachhaltig Trendthema

Industrie 4.0 ist durch diese Entwicklungen zu einem absoluten Trendthema in der produzierenden Industrie geworden, selbst wenn z.B. in den USA andere Begriffe genutzt werden (Industrial Internet) und einige schon das Ende verkündet haben. Industrieunternehmen, die erfolgreich und wettbewerbsfähig sein wollen, kommen nicht umhin, sich mit dem Thema und der intelligenten Fabrik (Smart Factory) auseinanderzusetzen.

Was aber ist Industrie 4.0? Für Definitionen verweisen wir gerne auf die Plattform 4.0. Klar ist aber: Sämtliche am Produktionsprozess beteiligten Komponenten sowie der Mensch werden dabei miteinander vernetzt. Kommunikation und damit Information sind wichtige Produktionsfaktoren.

Zu den Technologien, die Industrie 4.0 ermöglichen, zählen Cyber-Physische Systeme, aber auch aktuelle technische Entwicklungen wie zum Beispiel die umfangreiche Nutzung von mobilen Endgeräten in der Produktion. Insgesamt entsteht so eine agile und kollaborative Produktion in Netzwerk-Strukturen, die den Anforderungen besser gerecht wird als frühere Produktionskonzepte.

Industrie 4.0 ist in Deutschland aber nicht nur ein Unternehmensthema. Darüber hinaus kann und soll Industrie 4.0 dafür sorgen, dass „Made in Germany" den Anspruch als renommiertes Gütesiegel bewahren kann und dass Deutschland als Produktionsstandort und Exporteur von Produktionstechnologie weiterhin an der Spitze bleibt, sofern wir unsere Chancen rechtzeitig nutzen und entsprechende Lösungen bereitstellen.

Das Thema ist somit gesetzt, so dass es keine Option, sondern ein Muss ist, auch über die Konsequenzen für die Arbeit und die Mitarbeiter in der Produktion nachzudenken. Und das wird an vielen Stellen getan. Sowohl die „Netzgemeinde" beschäftigt sich damit als auch die Verbände und Sozialpartner sowie auch in großem Maße die Politik, insbesondere das Bundesministerium für Arbeit („4.0").

Arbeit wird sich massiv wandeln

Und dieses breite Engagement ist auch gerechtfertigt. Die Auswirkungen von Industrie 4.0 werden revolutionär sein, sich jedoch evolutionär bemerkbar machen. Aber was bedeutet dies konkret, insbesondere für die Arbeit? Das Wichtigste vorweg:

Industrie 4.0 heißt nicht,
dass Maschinen Menschen ersetzen.

Die Produktionsarbeit wird sogar aufgewertet.


Wie aber wird die Produktionsarbeit der Zukunft im Detail aussehen? Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation IAO fasst die Erwartungen an die künftige Ausgestaltung der Produktion in der Studie „Produktionsarbeit der Zukunft - Industrie 4.0" u.a. in folgenden Hauptaussagen zusammen:

  • Industrie 4.0 heißt mehr als Vernetzung cyber-physischer Systeme.
  • Automatisierung wird für immer kleinere Serien möglich - dennoch bleibt menschliche Arbeit weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Produktion.
  • Flexibilität ist der Schlüsselfaktor für die Produktion - in Zukunft noch kurzfristiger als heute.
  • Flexibilität muss zielgerichtet und systematisch organisiert werden - „Pauschal-Flexibilität" reicht nicht mehr aus.

Fragen, die sich stellen ... Quintessenz der Studie: Mehr an Automatisierung, aber keine menschenleere Fabrik, vor allem aber eine neue Flexibilität der Produktion. Alle „Horrorszenarien" sind daher ebenso ungeeignet wie ein einfaches „Weiter so". In diesem Kontext beschäftigen wir, die GFOS und der VDMA Fachverband Software, uns mit folgenden Fragestellungen für die betriebliche Praxis:

  • Welche Folgen hat das für die Menschen, die in der Produktion tätig sind?
  • Wie kann diese Flexibilisierung geschaffen werden?
  • Wie sehen diese künftigen Arbeitswelten aus?
  • Kann Industrie 4.0 vielleicht sogar eine Antwort auf den Fachkräftemangel und den demografischen Wandel sein?

Unsere Antwort: Industrie 4.0 Human versus (nur) Arbeiten 4.0
Wir bei GFOS sprechen dabei gerne von der „Industrie 4.0 Human". Wir glauben, dass eine klare Vision und aktive Gestaltung der „humanen" Seite der Industrie 4.0 notwendig ist, bei der die Interessen von Unternehmen und Mitarbeitern so abgestimmt werden, dass Mitarbeiter zum Erfolgsgaranten für Industrie 4.0 werden und zugleich vom Wandel profitieren statt Opfer der Revolution zu sein.

„Industrie 4.0 Human" aus Sicht der Mitarbeiter:
Aus Sicht der Mitarbeiter bietet „Industrie 4.0 Human" enorme Chancen. Sie kann den Mitarbeitern neue Spielräume eröffnen und Arbeit attraktiver werden lassen. Hier nur einige Hinweise in diese Richtung:

  • Industrie 4.0 ermöglicht die Selbstorganisation in kleineren Einheiten in hohem Maße. Selbstorganisation macht den Arbeitsalltag abwechslungsreicher und auch verantwortungsvoller. Ergebnis von Industrie 4.0 Human kann also die Schaffung von qualifizierten Arbeitsplätzen beziehungsweise die Aufwertung von Produktionsarbeit sein.
  • Dabei wachsen auch Aufgaben traditioneller Produktions- und Wissensarbeiter in der Industrie 4.0 weiter zusammen. Produktionsarbeiter übernehmen vermehrt Aufgaben für die Produktentwicklung.
  • Selbstorganisation bietet zudem eine flexiblere Antwort auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer in Richtung ihres Arbeitszeitmanagement. Mehr denn je ist es notwendig, nicht nur am Kunden-Markt, sondern auch am Arbeitnehmer-Markt flexibel zu sein. Hier entscheidet sich, welches Unternehmen die raren Fachkräfte für sich gewinnen kann.
  • In Zeiten des demografischen Wandels wird es notwendig und möglich sein, ältere Mitarbeiter, die über eine Menge Know-how verfügen, länger in das Berufsleben einzubinden. Dies ist zum Beispiel realisierbar, indem Abläufe genau auf die Möglichkeiten der Belegschaft abgestimmt werden. Ältere Arbeitnehmer profitieren also von der „Inklusion" in der „Industrie 4.0 Human" und werden nicht „zum alten Eisen".

„Industrie 4.0 Human" aus Unternehmenssicht
Eine Kompetenzpartnerschaft und die schöne neue Welt von Arbeiten 4.0 wird nur gelingen, wenn Industrie 4.0 ökonomisch gelingt und „human" ausgerichtet wird. Unternehmen sind nicht Selbstzweck. „Industrie 4.0 Human" bietet aber auch aus Unternehmenssicht eine Vielzahl von Vorteilen:

  • Die höhere Qualifikation von Mitarbeitern bedeutet zusammen mit einem Mehr an Automatisierung eine höhere Produktivität

  • Die Flexibilität für die Mitarbeiter muss und kann kombiniert werden mit einer Flexibilität für die Unternehmen bzw. ihrer Kunden. Hier ist ein Win & Win notwendig und motivierbar, wenn beide Seiten in Summe profitieren

Neue Partnerschaft und HRM für „Industrie 4.0 Human"
Nur durch diese neue Partnerschaft kann ein gemeinsamer nachhaltiger Erfolg realisiert werden, der Mitarbeiterzufriedenheit und Unternehmenserfolg gemeinsam sicherstellt.

Bei dieser „partnerschaftlichen" Transformation für die „Industrie 4.0 Human" kann die Personalabteilung eine Schlüsselrolle einnehmen. Oft wird die Personalabteilung kritisiert, weil sie zu wenig gestalterisch bei der Industrie 4.0 und der Digitalen Transformation mit aktiv ist. Hier bieten sich enorme Chancen

  • als Moderator der Transformation
  • als Mit-Gestalter der neuen Arbeitswelten in der Produktion
  • als Steering-Partner für neue Arbeitszeit-Modelle und -Prozesse
  • als Unterstützer neuer Führungsmodelle
  • als Kommunikator nach innen und außen
  • als Weiterbilder für die neuen Qualifikationen

Die Liste lässt sich noch kreativ erweitern. Das Personalmanagement muss diese Chance nur aktiv angehen und nutzen.

Die richtigen Technologien für „Industrie 4.0 Human"!
Ganz ohne „Human- und Produktions-Technologien" geht dann aber auch „Industrie 4.0 Human" nicht. Workforce-Management-Systeme und Manufacturing Execution Systeme bieten die Intelligenz, um die oben skizzierten Szenarien zu unterstützen.

Workforce-Management-Systeme mit integrierter Personaleinsatzplanung, Mobile Module und Qualifikationsmanagement sind für die Umsetzung dieser neuen Konzepte essenziell. Nur mit einer funktionalen, ausgereiften Software zur Personaleinsatzplanung kann das Management eine einfache, exakte, transparente Planung der Mitarbeiter gewährleisten, sodass immer Mitarbeiter mit den richtigen Skills zur richtigen Zeit am richtigen Arbeitsplatz sind und auch die Mitarbeiter selbst von dieser Flexibilität profitieren. Zudem bieten diese Systeme vielseitige Auswertungsmöglichkeiten, die die Software dann auch zu einem wichtigen Instrument für die Unternehmensstrategie machen.

Bei aller Dezentralität, die Teil des Industrie 4.0-Konzepts ist, ist es dennoch sinnvoll, eine zentrale Instanz zur Koordinierung und Synchronisation einzurichten. So können MES (Manufacturing Execution Systeme) bereits heute eine Brücke in die Zukunft bauen und als virtuelle Ebene zum Teil schon jetzt Konzepte vorwegnehmen, die essentiell für Industrie 4.0 sein werden. Sie bieten synergetisch die Unterstützung der Produktionssteuerung, die notwendig ist, um in der Produktion Flexibilität sicherzustellen.

Ideal ist eine Kombination aus beidem, so dass die Flexibilität von Produktion und Workforce harmonisch gesteuert wird.

Der Mensch bleibt entscheidend
Zusammenfassend: Auch im Umfeld von Industrie 4.0 muss der Mensch wichtigste und entscheidende Instanz bleiben. Schließlich bringen die qualifizierten Mitarbeiter ihre langjährige Erfahrung sowie ihre Kreativität und Flexibilität in die verschiedensten Prozesse ein. Technologien wie Workforce Management Systeme und Manufacturing Execution Systeme erlauben es, die Interessen von Unternehmen und Mensch in der „Industrie 4.0" als neue Kompetenzpartnerschaft zu harmonisieren.

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade "Was hat HR mit der verdammten digitalen Transformation zu tun, verdammt noch mal?! ". Hashtag der Blogparade ist:#ZukunftHR.


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