Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Bunmi Laditan Headshot

Ich habe keine Lust, meinen Kindern eine magische Kindheit zu bescheren

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
PRINZESSIN
Thinkstock.com
Drucken

Wenn unsere Gro├čm├╝tter und Urgro├čm├╝tter sehen k├Ânnten, welchem Druck sich moderne M├╝tter aussetzen, w├╝rden sie denken, wir seien verr├╝ckt.

Seit wann hei├čt "gute Mutter sein", dass man tagelang irgendwelche Kunstwerke f├╝r seine Kinder basteln, ihre Zimmer wie aus dem Ikea-Katalog gestalten und sie in die neuesten, trendigsten Outfits stecken muss?

Ich glaube nicht eine Sekunde, dass M├╝tter von heute ihre Kinder mehr lieben als unsere Urgro├čeltern es getan haben. Wir f├╝hlen uns nur verantwortlich, die Liebe zu unseren Kindern mit unglaublich teuren Geburtstagspartys zu beweisen, auf denen es Muffins gibt, die man mit 18 verschiedenen Garnierungen selbst gestalten kann.

F├╝r ein paar Jahre war ich selbst in dem Modell "├ťbermutter" gefangen. Es zwingt einen dazu, die besten Ideen zu haben, sie fehlerfrei auszuf├╝hren und dann als Beweis ein Foto auf Facebook oder irgendeinem Blog zu teilen, damit auch jeder sieht, wie toll man ist.

Pl├Âtzlich kam es ├╝ber mich: Wir m├╝ssen die Kindheit unserer Kinder doch gar nicht so magisch gestalten. Die Kindheit ist von Natur aus magisch, auch wenn sie nicht perfekt ist. Meine Kindheit war nicht perfekt und wir waren nicht reich. Aber meine Geburtstage waren immer toll. Denn meine Freunde waren da. Es ging mir nicht um die Geburtstagsgeschenke, die Dekoration oder ├ähnliches. Wir haben Luftballons geknallt, sind im Garten herumgelaufen und haben Kuchen gegessen. Ganz einfach. Aber wenn ich mich an diese Zeiten zur├╝ckerinnere, dann erscheinen sie magisch.

Weihnachten. Mit vier Kindern und einem begrenzten Einkommen bekam jedes Kind etwa zwei Geschenke von unseren Eltern. Keine speziellen Weihnachtsschlafanz├╝ge. Wenig Dekoration, wenn ├╝berhaupt. Wir haben nicht einmal Pl├Ątzchen gemacht. Das, was diese Zeit des Jahres so besonders gemacht hat, waren die N├Ąchte, in denen ich mit meinem Bruder im Bett lag und dachte, wir h├Âren das Christkind. Es hat so viel Spa├č gemacht, wach zu bleiben, zusammen zu kichern und den n├Ąchsten Morgen sehnlichst zu erwarten. Es war magisch. Ich habe nichts vermisst.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mit meinen Eltern irgendetwas gebastelt habe. In der Vorschule und der Grundschule habe ich gebastelt. Die einzigen "Basteleien", an die ich mich noch erinnern kann, machte meine Mutter in ihrer Freizeit. Das brummende Ger├Ąusch ihrer N├Ąhmaschine hat mich oft in den Schlaf getragen. Sie machte Accessoires aus Klamottenfetzen und verkaufte sie. Oder n├Ąhte unsere Kleidung.

Zu Hause spielten wir. Immer. Nach der Schule liefen wir von der Bushaltestelle nach Hause, schmissen unsere Rucks├Ącke in die Ecke und meine Mutter schubste uns aus dem Haus. Wir sind mit den Nachbarskindern umhergesprungen bis zum Abendessen. Die Zeiten haben sich ge├Ąndert, und nur sehr wenige Eltern f├╝hlen sich wohl, wenn ihre Kinder alleine unterwegs sind. Aber auch wenn wir im Haus waren, spielten wir mit unseren Spielsachen oder Videospielen. Wir machten Burgen aus Decken. Wir schauten Fernsehen. Wir rutschten die Treppen auf Kissen hinab. Unsere Eltern waren nicht daf├╝r verantwortlich, uns zu unterhalten. Wenn wir gesagt h├Ątten, dass wir uns langweilen, h├Ątten wir im Haushalt helfen m├╝ssen.

Ich denke zur├╝ck und muss l├Ącheln. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie viel Spa├č das alles machte.

Meine Eltern k├╝mmerten sich darum, dass uns warm war und wir gen├╝gend zu essen hatten. Sie planten spezielle Aktivit├Ąten f├╝r uns (freitags gab es immer Pizza). Doch im allt├Ąglichen Leben konnten wir immer Kinder sein. Sie spielten nur sehr selten mit uns. Und neben Geburtstagen oder bestimmten Feiertagen bekamen wir kein Spielzeug geschenkt. Unsere Eltern waren in der N├Ąhe, falls wir etwas brauchten oder sich jemand weh tat. Aber sie waren nicht unsere Unterhaltungsquelle.

Heute wird Eltern eingeredet, dass sie mit ihren Kindern permanent Hand in Hand und Gesicht zu Gesicht gehen m├╝ssen. "Was brauchst du, mein Liebling? Wie kann ich deine Kindheit unglaublich toll und einzigartig gestalten?"

Eine magische Kindheit entsteht nicht durch die Eltern, sondern durch die Kindheit selbst. Missbrauch und grobe Fehler k├Ânnen sie nat├╝rlich besch├Ądigen, aber f├╝r ein normales Kind geh├Ârt Magie zur Kindheit dazu. Sie erscheint ganz von selbst. Das Betrachten der Welt mit den Augen eines Kindes ist magisch. Den Winter erleben und als 5-J├Ąhriger zum ersten Mal Schnee sehen, das grenzt an Magie. Sich in den Spielsachen auf dem Flur des Elternhauses zu verlieren, ist magisch. Steine sammeln und sie in der Tasche aufbewahren, ist auch magisch. Genauso wie das Spazieren mit einem Ast.

Es ist nicht unsere Verantwortung, t├Ąglich gek├╝nstelte Erinnerungen f├╝r unsere Kinder zu erzeugen.

Nichts davon verleugnet, wie wichtig Zeit mit der Familie ist. Aber es ist ein gro├čer Unterschied, ob man sich auf die gemeinsame Zeit konzentriert oder auf die Konstruktion von gewissen "Aktivit├Ąten". Letzteres f├╝hlt sich gezwungen an und basiert auf bestimmten Zielen, w├Ąhrend ersteres nat├╝rlicher und entspannter ist. Es ist unglaublich, welchen Druck sich Eltern machen, um ihren Kindern m├Âglichst einzigartige Erlebnisse zu erm├Âglichen.

Mir wurde erz├Ąhlt, dass ich mit f├╝nf Jahren im Disneyland war. Ich habe keinerlei Erinnerung daran, aber ich kenne die verblassten Fotografien. An was ich mich allerdings erinnere, ist das Piraten-Halloween-Kost├╝m, welches ich stolz trug. Ich erinnere mich daran, wie ich Pflaumen vom Baum vor unserem Haus pfl├╝ckte, wie ich im Garten ├╝ber Steine sprang oder wie ich mit meinem Hund an der Eingangst├╝r spielte.

Ich erinnere mich nicht an die Urlaube, f├╝r die meine Eltern solange sparten: Die Urlaube waren eigentlich immer stressig. Der "magischste Ort auf der Welt" in meiner Kindheit war nicht der Vergn├╝gungspark, es war mein Zuhause, mein Bett, mein Garten, meine Freunde, meine Familie, meine B├╝cher und meine Gedanken.

Wenn wir aus unserem Leben ein Gro├čereignis machen, werden unsere Kinder das Publikum und ihr Appetit f├╝r Unterhaltung w├Ąchst. Schaffen wir gerade eine Generation, die sich nicht mehr an der Sch├Ânheit des Allt├Ąglichen erfreuen kann?

Wollen wir unseren Kinder beibringen, dass Magie etwas ist, das mit Geschenken kommt - oder das Magie etwas ist, das sie von alleine entdecken k├Ânnen?

Es schadet unseren Kindern zwar nicht, wenn wir ausgefallene Veranstaltungen, t├Ągliche Basteleien oder einen teuren Urlaub planen. Aber wenn der Wunsch danach durch Druck entsteht oder durch den Glauben, dass das eben zu einer guten Kindheit dazu geh├Ârt, wird es Zeit, seine Einstellung zu ├╝berdenken.

Eine Kindheit ohne Basteleien kann magisch sein. Eine Kindheit ohne einen einzigen Urlaub kann es auch sein. Die Magie, die wir unseren Kindern so sehr w├╝nschen, ist nichts, was wir als Eltern kreieren k├Ânnen. Diese Magie wird von unseren Kindern in ruhigen Momenten an einem Bach oder in einem Park selbst geschaffen. Und entfacht aus dem unschuldigen Lachen eines jungen Lebens.

Wir h├Âren immer wieder, dass sich Kinder heutzutage zu wenig bewegen. Aber der Muskel, der vielleicht am allerwenigsten benutzt wird, ist die Vorstellungskraft.