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Deshalb fliehen die Menschen aus Syrien

12/09/2015 13:00 CEST | Aktualisiert 12/09/2016 11:12 CEST
Anantha Vardhan via Getty Images

Europa steht mitten in der Flüchtlingskrise. Die meisten Flüchtlinge kommen aus dem Kriegsgebiet Syrien. Doch was bewegt Millionen von Menschen, aus ihrer Heimat zu fliehen. Ein Überblick.

Vor fünf Jahren wurde der Arabische Frühling in Tunesien ausgelöst. Der Wille nach Freiheit und Demokratie setzte sich bald auch in Ländern wie Ägypten, Libyen oder Syrien um. Es war der Anfang einer Revolution getragen von jungen Menschen, welche sich ihr Recht in die eigenen Hände nehmen wollten. Jedoch konnte der Traum, Syrien in ein demokratisches Land mit mehr Rechten und Freiheiten zu überführen, nicht verwirklicht werden.

Es herrscht Bürgerkrieg in Syrien und über 220.000 Menschen sind bereits gestorben. Das Land ist gespalten. Verschiedene Gruppierungen wollen sich die Vormachtstellung in Syrien ergreifen oder erhalten; dies mit aller Gewalt. Die Regierung um Assad ist offiziell immer noch an der Macht. Der Kampf gegen die FSA (Freie Syrische Armee), die Terrormiliz IS oder anderer oppositioneller Milizen hält an.

Der Bürgerkrieg in Syrien hat jedoch auch unmittelbare Folgen auf die Inlandspolitik europäischer Staaten. Der große Zustrom von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten ist eine dieser Folgen. Um die Lage und Ursachen dieser Konsequenzen besser zu verstehen, ist es von Nöten sich der gegenwärtigen Situation in Syrien bewusst zu sein.

Beginn des Traumes eines demokratischen Syriens

Laut Angaben der Weltbank lag die Einwohnerzahl Syriens im Jahre 2011 bei knapp 22 Millionen Bürgern. Der Anteil der christlichen Bevölkerung ist mit 10%, verglichen zu anderen arabischen Ländern, relativ hoch. Syrien wird seit 1970 diktatorisch vom Assad-Clan unter Hafiz al-Assad regiert. Nachdem dieser im Jahre 2000 verstarb, erhielt sein Sohn Baschar al-Assad die Macht und ist seither der Staatspräsident Syriens.

Während der Amtszeit Baschar al-Assads verschlimmerten sich die Korruptionsverhältnisse. Die global wirkende Nichtregierungsorganisation Transparency International berichtet annuell über den Korruptionsgrad verschiedener Länder. Hierbei ist zu erwähnen, dass der Korruptionsindex von 0, also totaler Korruption, bis zu 10, keiner Korruption, geht. In Syrien betrug im Jahre 2011 der Korruptionsindex 2,6 (Vergleich Deutschland 2011: Korruptionsindex 8,0).

Zu dieser korrupten politischen Gesamtsituation kommen weitere Faktoren hinzu, welche Proteste und Demonstrationen in Syrien auslösten. Das Durchschnittsalter in Syrien beträgt im selben Jahr laut Expertenschätzungen 21,9 Jahre (Vergleich Deutschland 2011: 44,9 Jahre). Des Weiteren betrug die Alphabetisierungsrate unter den 15 bis 25 Jährigen damals 94%.

Im Allgemeinen verfügt die Bevölkerung also über einen guten Bildungsstand. Dennoch beträgt die Jugendarbeitslosigkeit schätzungsweise 23%. Einer der Gründe hierfür könnte sein, dass das Bildungssystem nicht gut auf die Arbeitssituation ausgerichtet ist. Grundsätzlich sind dies die Ursachen der Unzufriedenheit der Bevölkerung gewesen.

Heterogenität Syriens bewirkt hohes Konfliktpotential

Syrien weist eine Vielzahl von verschiedenen Ethnien auf. Neben muslimischen Sunniten und Alawiten gibt es eine große Minderheit an Christen, Jesiden oder Turkmenen im Nordwesten Syriens. Auch die kurdische Bevölkerung spielt, vor allem im Norden und Osten, eine große Rolle in der Bevölkerung Syriens. Die friedlichen Demonstrationen am Anfang des „Arabischen Frühlings" gegen die Regierung Assads wurden von Seiten des Militärs niedergeschlagen.

Infolge dessen entwickelte sich friedliches Demonstrieren zu einem bewaffneten Widerstand. Der Interessenkonflikt unter den Gegnern der Baath-Partei Assads wuchs mit der Zeit, sodass diese sich immer weiter spalteten. Allmählich entstanden Oppositionsgruppen, wie der Freien Syrischen Armee, der fundamentalistischen Nusra-Front oder der Terrormiliz Islamischer Staat. Kurdische Milizen sind weitere Konfliktparteien. Dies sind im Grunde die Konfliktparteien des Bürgerkrieges.

Bürgerkrieg im Hexenkessel und Untergang der Demokratie

All die genannten Gruppierungen bekämpfen sich gegenseitig. Es ist schwer, den Überblick über die gegenwärtige Lage der Konfliktparteien Syriens zu behalten. Die Küstenregion am Mittelmeer wird hauptsächlich durch die syrische Regierung kontrolliert. Im Nordosten Syriens haben die Kurden ihre Vormachtstellung und weite Teile Ost und Südost Syriens stehen unter der Kontrolle der Terrormiliz IS.

Seit über vier Jahren herrschen nun Kriegsbedingungen in Syrien und im Wandel der Zeit verhärten sich die Fronten immer mehr. Die ursprüngliche Intention, ein demokratisches Syrien zu erhalten, scheint verloren gegangen zu sein.

Folgen des Bürgerkrieges

Laut UN-Bericht sind zwischen März 2011 und März 2015 in Syrien über 220.000 Menschen ums Leben gekommen. Dieser Bürgerkrieg hat erhebliche Folgen auf die geopolitische Lage und Stabilität des Nahen Ostens. Ungefähr 11,6 Millionen Syrier sind momentan auf der Flucht. Über 4 Millionen davon flohen ins Ausland. Darunter 1,14 Millionen in den Libanon, einem Land mit ca. 5 Millionen Einwohnern.

Auch die Türkei beherbergt, laut der UNHCR, mittlerweile über 1,8 Millionen syrischer Flüchtlinge. Das Nachbarland Jordanien hat bei einer Einwohneranzahl von ungefähr 6 Millionen über 630.000 Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Trotzdem sind viele Flüchtlinge immer noch nicht in Sicherheit und die UN sucht für ungefähr 380.000 Flüchtlinge weitere Aufnahmeländer. Erwähnenswert ist, dass die fünf reichsten Golfstaaten keine Flüchtlinge aufnehmen. Dies hat international Aufsehen erregt und wurde von Menschenrechtsorganisationen wie der Amnesty International als „besonders beschämend" bezeichnet.

Durch die Folgen dieses Krieges stehen auch europäische Staaten inmitten der Flüchtlingskrise. Allein in Deutschland erwartet man 800.000 Asylanträge bis zum Jahresende, so Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). In Europa haben bisher Deutschland und Schweden die meisten Flüchtlinge aufgenommen. Die UNO fordert europäische Staaten auf, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Der derzeitige UNO-Flüchtlingskommissar Guterres spricht von einer kolossalen Tragödie. Man spricht von der größten Flüchtlingskrise seit dem Völkermord in Ruanda.

Um eine der Ursachen für die jetzige Flüchtlingskrise besser zu verstehen, ist es wichtig, die Situation Syriens zu kennen. Die Tragödien, welches dieses Land und seine Bevölkerung zu erleiden haben, ist ein Resultat des Scheiterns des arabischen Frühlings in Syrien. Ein Ende des Krieges ist leider nicht absehbar.

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