BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Bülent Babur Headshot

Ließ Erdogan den Putsch absichtlich gewähren?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ERDOGAN
Umit Bektas / Reuters
Drucken

Die politische Eskalation will in der Türkei nicht ruhen. Der neue Vorwurf von Kilicdaroglu, dem Vorsitzenden der größten türkischen Oppositionspartei, hat es in sich. Die Regierung rund um den Präsidenten Erdogan habe im Vorfeld des Putsches von eben diesem gewusst und ließ ihn gewähren.

Eigentlich spricht Kilicdaroglu nur das aus, was in der Bevölkerung schon vermutet worden ist. Der Putsch am 15. Juli sei nicht fingiert gewesen, aber die Regierung wurde davor in Kenntnis gesetzt und ließ ihn gewähren.

Die Reaktion Erdogans auf die Anschuldigungen ließ nicht lange auf sich warten und - wie kann es auch anders sein - sie ist extrem aggressiv. Sie muss auch so ausfallen. Denn falls der Vorwurf stimmt, hätte die Regierung mehr als 200 Tote auf dem Gewissen.

Offene Fragen

Es sind viele Fragen, die offen bleiben. Hier eine kleine Auswahl:

Warum war der Coup so dilettantisch, während die Gülen-Bewegung streng hierarchisch und gut organisiert ist? Warum wurde der Putsch zu einer Tageszeit durchgeführt, zu der sehr viele Menschen auf der Straße sind?

Bei den drei Putschen davor, sind die Menschen morgens aufgestanden und die Soldaten standen vor der Tür. Dieses Mal sind zur Hauptverkehrszeit Panzer neben PKWs auf der Straße unterwegs gewesen.

Mehr zum Thema: Erdogan spricht Gülenisten das "Recht zu Leben" ab

Szenen, die eher an eine Komödie erinnern, als an ein tragisches Ereignis. Warum machte nur eine Hand voll Soldaten Jagd auf Erdogan, während das irrelevante Parlament, das zurzeit nur einen symbolischen Wert besitzt, bombardiert wurde? Weshalb wurde nicht einfach das Haus, in dem sich Erdogan befand, beschossen?

Warum hat die MIT, der türkische Geheimdienst, nicht Erdogan informiert? Und wenn es Fehler beim türkischen Geheimdienst gab, so wie es Erdogan behauptete, warum hat Erdogan den Geheimdienstchef, den Kopf der Instituion, nicht entlassen?

Warum wurden und werden die zwei wichtigsten Akteure in dieser Nacht, der Generalstabschef und der Geheimdienstchef, nicht zur Putschnacht befragt? Die AKP selber hat eine Befragung beider Funktionäre im Parlament abgelehnt.

Die Wahrheit wurde vorgegeben

Laut Kilicdaroglu benutzen unzählige AKP-Politiker das verschlüsselte Nachrichtenprogramm ByLock, das laut dem Geheimdienst von den Gülen-Anhängern, und somit von Putschisten, verwendet wird und wurde.

Die MIT habe eine Liste dieser bis zu 180 AKP-Mitglieder, berichtete Kilicdaroglu. "Wenn diese Liste geheim gehalten wird, zeigt das, dass der 15. Juli ein kontrollierter Putsch war." Warum wird dann der politische Arm des Putschversuches nicht aufgedeckt?

Das sind alles Fragen, die offen bleiben. Sie müssen offenbleiben, weil die offizielle Erklärung schon perfekt ist und die Antworten auf diese Fragen die Regierung in Erklärungsschwierigkeiten bringen würde.

Der Verlauf der Putschnacht war genauso, dass das Präsidialsystem überhaupt eine Chance hat. Es darf nicht gezweifelt und hinterfragt werden. Menschen, die das tun, werden als Verräter und Lügner hingestellt, als Menschen, die nicht nach der Wahrheit suchen, sondern die Putschisten in Schutz nehmen wollen. Denn die Wahrheit wurde, wie gemalt, vorgegeben.

Erdogan wird alles tun, um das Volk zu überzeugen

"Wenn du Beweise hast, dann raus damit", sagte Erdogan in einer Rede in seiner Heimatstadt Rize. Die Vorwürfe seien eine "große Lüge". Wenn Kilicdaroglu nur einen Funken Ehre oder Charakter habe, würde er "die Beweise auf den Tisch legen".

Ministerpräsident Binali Yildirim sprach von einer "Beleidigung" für die 249 Opfer des Putschversuchs. Jedoch ist Erdogans Strategie, wie er mit etwaigen Beweisen umgehen wird, jetzt schon bekannt: Er wird alles abstreiten und alle Medienkanäle nutzen, um das Volk von seiner Sichtweise zu überzeugen.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Mit einem tragischen Ereignis könnte man auch ganz anders umgehen. Falls es von den Regierenden gewollt ist. Die Niederlande hat nach dem Abschuss der Passagiermaschine MH17 im Jahr 2014 eine internationale Untersuchungskommission eingesetzt.

Sie hat über zwei Jahre den Absturz untersucht, bis sie den Schuldigen für den Abschuss zuordnen konnte. In der Türkei könnte man meinen, dass es nur darum geht, den Präsidenten zu heroisieren und einen Erzfeind zu vernichten.

Denn die türkische Regierung hat nicht mal einen Tag gebraucht, um die Gülen-Bewegung als Täter ausfindig zu machen. Als wäre alles schon bekannt gewesen. Als wollte man, dass es so kommt. Als hätte Kilicdaroglu Recht mit seinen Anschuldigungen.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.