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"Ihr habt das noch nicht aufgeklärt - Ihr seid Faschisten!" - wie Erdogan die NSU-Morde für seine Zwecke instrumentalisiert

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ERDOGAN
Osman Orsal / Reuters
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Bei einer Kundgebung in Istanbul erwähnte Erdogan die NSU-Mordserie in Deutschland und rief: "Ihr habt das immer noch nicht aufgeklärt - Ihr seid Faschisten, Faschisten!"

Dabei erinnere ich mich an die Zeit, als die NSU-Morde aufgedeckt wurden, zurück. Damals saß der Schock extrem tief und es ist für mich immer noch unbegreiflich, wie so etwas passieren konnte.

Und Erdogan hat recht: Bis heute sind die Anschläge auf Migranten nicht aufgeklärt. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass über zwei Jahrzehnte lang eine Gruppe rassistisch motivierter Menschen in Deutschland Anschläge auf Migranten verüben kann. Dabei wurden acht Türken und ein Grieche umgebracht.

Der Staat tappte lange Zeit im Dunkeln. Was aber noch viel schlimmer ist: Bis heute ist dem Volk nicht bekannt, wie stark der Staat darin verwickelt war. Mein Vertrauen gegenüber staatlichen Institutionen war erschüttert.

Enttäuscht war ich, weil kaum ein Erdogan-Befürworter für seine ermordeten Landsleute demonstrierte

Insbesondere die Tatsache, dass Zeugen umgebracht und Beweismaterial vernichtet wurde, sollte bei jedem Türkischstämmigen die Alarmglocken läuten lassen. Allein schon, um sich solidarisch mit den Familien der Verstorbenen zu zeigen oder aber auch sich zu fragen, was in der Zukunft den Türkischstämmigen noch passieren könnte.

Ich bin unzählige Male auf die Straße gegangen, um für die Aufarbeitung und gegen den deutschen Staat bezüglich der NSU- Morde zu protestieren, dabei war ich einerseits glücklich, aber andererseits auch extrem enttäuscht.

Mehr zum Thema: Erdogans Spionage-Imperium: Die wichtigsten Fragen zum Agenten-Netzwerk der Türkei in Deutschland

Glücklich, weil ich so viele deutsche Freundinnen und Freunde hatte, die sich solidarisch mit den Hinterbliebenen erklärten und wütend waren, dass die NSU-Morde nicht reibungslos aufgeklärt wurden.

Es sind genau die Menschen für die türkischen Opfer auf die Straße gegangen, die Erdogan am letzten Wochenende als Faschisten bezeichnet hatte: Deutsche Freundinnen und Freunde, die die Familien der Verstorbenen unterstützten.

Enttäuscht war ich, weil kaum ein Erdogan-Befürworter für seine ermordeten Landsleute demonstrierte. Um es noch einmal zu verdeutlichen: Es ging nicht darum, dass Türken oder Griechen beleidigt wurden, sondern sie wurden aus niedersten Gründen, aufgrund ihrer Hautfarbe und ihrer Nationalität, von rassistisch motivierten Bürgern dieses Landes umgebracht.

Es geht Erdogan nicht um das Wohl der türkischstämmigen Bürger in Deutschland

Nach Erdogans Rede erinnere ich mich wieder an die Zeit zurück und bin heute schockiert, dass die AKP-Anhänger, die jetzt für Erdogan auf der Matte stehen, sich nicht für die rassistischen Vorfälle der Nachkriegsgeschichte interessiert haben.

Und das, obwohl Menschen ihrer Nationalität umgebracht worden sind. Die aktuellen Reaktionen der Erdogan-Anhänger verdeutlichen mir - im Vergleich zu ihrem Verhalten bei den NSU-Morden - wie wenig es ihnen bei der ganzen Thematik tatsächlich um uns Türken oder die Türkei geht.

Sie bezeichnen Menschen wie mich als Haustürken, obwohl ich keinen AKP-Anhänger kenne, der sich damals für die Rechte der Hinterbliebenen der NSU-Opfer eingesetzt hat. Ich beobachte viele türkischstämmige, erdogan-kritische Menschen, die sich für die Türken in Deutschland einsetzen, wie den bekannten Rechtsanwalt und SPD-Bundestagskandidaten Macit Karaahmetoglu.

Auch er wird als Volksverräter oder Haustürke bezeichnet, trotz seines unermüdlichen Einsatzes für die Türken in Deutschland. Das zeigt, wie paradox das Ganze eigentlich ist. Die, die sich jetzt gerade für Edogan einsetzen, angeblich weil er die Türkei und die Türken, auch in Deutschland, vertritt, von denen habe ich keinen bei den NSU-Demonstrationen gesehen.

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Es haben sich keine 40.000 Menschen versammelt, um den Verstorbenen zu gedenken. Ihnen geht es bei der ganzen Sache anscheinend einzig und allein um den türkischen Staatspräsidenten. Und auch Erdogan selber waren die NSU-Prozesse im Prinzip egal.

Ich bezweifle sogar, dass dem türkischen Präsidenten bekannt ist, welches Kürzel hinter dem Begriff NSU steckt und wie viele Morde sie begangen haben. Es interessiert ihn nämlich nicht.

Dass er Deutschland erst nach Jahren darauf anspricht, verdeutlicht insbesondere eines: Es geht ihm nicht um das Wohl der türkischstämmigen Bürger in Deutschland, sondern um deren Kreuz auf dem Stimmzettel.

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