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Liebe Migranten, geht wählen, eure Zukunft ist in Gefahr

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REFUGEES VOTE IN GERMANY
Fabrizio Bensch / Reuters
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Demokratie ist nicht selbstverständlich. Besonders nicht für uns Migranten. Uns sollte die Freiheit und Gerechtigkeit einer Demokratie besonders am Herzen liegen - und wir müssen sie verteidigen.

Am 24. September wird zum ersten Mal nach 1945 wieder eine Partei in den Bundestag einziehen, die klare ausländerfeindliche Positionen einnimmt: Die AfD, die Alternative für Deutschland, in deren Reihen unzählige Politiker sitzen, die rechtsextremes Gedankengut propagieren.

Dagegen müssen wir kämpfen. Und es kann nicht nur ein Kampf der Einheimischen sein, die Demokratie zu verteidigen. Wir Migranten haben genauso die Möglichkeit, unsere Stimme in freien Wahlen zu erheben.

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Vor allem, wenn man bedenkt, dass es in unseren Heimatländern keine andere Möglichkeit gibt, als diesen Kampf auf der Straße auszutragen.

Gerade uns muss bewusst sein, dass sich hier in Deutschland der Kampf auf der Straße vermeiden lässt, solange demokratisch etablierte Parteien gewählt werden und wir den rechten Mob zurückdrängen können.

Liebe Migranten, eure Wahlbeteiligung wird dabei die entscheidende Rolle spielen.

Gaulands Aussage gleicht einer Morddrohung

Die letzte Aussage Alexander Gaulands (AfD), er wolle Frau Özoguz (SPD) in Anatolien entsorgen, hat mich zutiefst schockiert. Es gleicht einer Morddrohung. Solche Aussagen zu tätigen, das hätte sich vor ein paar Jahren niemand getraut.

Gerade den Migranten in Deutschland möchte ich ans Herz legen, bei diesen Hassreden nicht wegzuschauen. Denn auch die Nazi-Diktatur begann nicht mit der Einrichtung von Gaskammern. Sie begann mit Intoleranz und Hassreden.

Vor dem was danach passierte, sind wir auch heute nicht gefeit.

Der Erfolg der AfD beruht aus meiner Sicht darauf, dass sich Rechtsextreme in unserem Land angepasst haben. Sie laufen jetzt nicht mehr mit Springerstiefeln herum und verbreiten radikal ihre Ideologie, sondern tragen Anzüge und versuchen, die Menschen durch ihren akademischen Bildungsgrad zu überzeugen.

Damit sie keinen Erfolg damit haben, müssen gerade wir Migranten am 24. September wählen gehen.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Viele von uns fühlen sich noch sehr mit dem Heimatland verbunden

Vorherige Wahlen zeigen jedoch: viele von uns wollen diese Möglichkeit nicht wahrnehmen. Relativ zu gebürtigen Deutschen gehen eingebürgerte Deutsche seltener wählen.

Politikexperten sehen die Teilnahme an den Wahlen auch als Maßstab gelungener Integration. Die Gründe für die geringere Wahlbeteiligung eingebürgerter Menschen sind zwar sicher vielfältig, jedoch haben sie direkt oder indirekt mit Integration zu tun.

Schließlich sind Migranten trotz Einbürgerung noch an ihr Heimatland gebunden. Auch engagieren und interessieren sie sich oft mehr für die politischen Geschehnisse dort.

Das liegt in erster Linie daran, dass viele Migranten immer noch Freunde und Familie in ihrem Heimatland haben und sich so dem Land emotional noch sehr verbunden fühlen. Zudem hat immer noch ein beachtlicher Teil der Migranten das Ziel, wieder in ihre Heimat zurückzukehren.

Dazu kommt, dass Migranten meist aus bildungsärmeren Schichten kommen, die laut statistischen Untersuchungen eine geringere Wahlbeteiligung vorweisen als Menschen mit einem Hochschulabschluss.

Mehr zum Thema: Seit wir Muslime in Deutschland mitreden können, werden wir von allen Seiten attackiert

Und dann ist da noch die Sprachbarriere: Politische Teilnahme setzt die Auseinandersetzung mit Institutionen und den zur Wahl antretenden Personen voraus. Dazu sind sehr gute Sprachkenntnisse nötig - und die sind unter den Migranten gerade in der älteren Generation oft nicht ausreichend vorhanden.

All diese Unterschiede und Probleme könnten Grund dafür sein, dass Menschen mit Migrationshintergrund seltener wählen gehen als Menschen ohne Migrationshintergrund.

Wir Migranten müssen Farbe bekennen

Migranten, die aus diesen Gründen nicht wählen gehen, vergessen jedoch, dass ihr neuer Lebensmittelpunkt in Deutschland ist und dass ihre Wahl heute das Leben ihrer Kinder von morgen entscheidend prägen wird.

Sie müssen sich vor Augen halten: Nicht zur Wahl gehen, ist eine Entscheidung, die "rechte" Parteien stärken wird.

Man hat das Gefühl, dass sich einige Migranten dessen gar nicht bewusst sind. Auch die gefestigte deutsche Demokratie kann durch einen starken Zulauf zu rassistischen Parteien geschwächt werden. Und die ersten, die das zu spüren bekommen, das sind wir: Menschen mit Migrationshintergrund.

Mehr zum Thema: Die Politik vernachlässigt die Integration tausender Flüchtlinge - also kümmern wir uns selbst darum

Liebe Migranten, Je weniger von euch also wählen gehen, desto mächtiger wird die AfD. Ich schlage euch keine bestimmte Partei vor, aber wir Migranten müssen Farbe bekennen.

Gegen rechts. Gegen die Feinde der Demokratie. Für unser Grundrechte. Für unsere Demokratie.

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