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Zur deutschen Leitkultur: Rechtsextreme verweigern mir immer den Handschlag

05/05/2017 12:45 CEST | Aktualisiert 05/05/2017 12:49 CEST
Christian Charisius / Reuters

Als Alberto Adriano, ein dunkelhäutiger Familienvater, sehr gut integriert, von mehreren Rechtsextremen im Jahre 2000 zu Tode geprügelt wurde, haben sich mehrere Rapper zusammengeschlossen und das Lied "Warnung" mit dem Albumnamen "Lightkultur" veröffentlicht. Darin singt Ebony Prince in der letzten Strophe:

"Konservative Leitkultur hat's für die Rechten klar gemacht

Denk ich an Deutschland, werde ich um meinen rechten Schlaf gebracht."

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist interessant

Auch De Maizières Thesen zur sogenannten Leitkultur, die am letzten Sonntag in der BILD-Zeitung veröffentlicht wurden, haben viele Menschen um den rechten Schlaf gebracht. Von Mitte-Rechts bis Rechts gab es größtenteils tosenden Beifall, während das linke Lager sich darüber erboste.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass er seine Thesen genau einen Tag vor dem 1. Mai veröffentlicht hat. Auf einmal redete keiner mehr über soziale Gerechtigkeit, sondern über Integrationspolitik. Und das einen Tag vor dem 1. Mai. Zufall oder Absicht?

Migranten reichen sich auch die Hand

Die meisten Dinge, die der Bundesinnenminister aufzählt, sind wichtig für unsere Gesellschaft. Sich die Hand zu geben und dem Gegenüber dabei ins Gesicht schauen zu können, sind wünschenswerte Eigenschaften in einer pluralistischen Gesellschaft.

Auch ist, gemäß wissenschaftlicher Untersuchungen, eine fortschrittliche Demokratie mit einem höheren Bildungsniveau verbunden. Was aber extrem stört, ist die implizierte Verbindlichkeit seiner Thesen. Zudem färbt er sie schwarz-rot-gold, möchte damit lediglich die Migranten ansprechen und benutzt das falsche Vokabular.

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Als würde man sich in anderen Ländern nicht die Hand geben und sich ins Gesicht schauen. Denn durch die Erwähnung dieser banalen Benimmregeln, verbunden mit dem Wort "deutsch", suggeriert er, dass Bürger anderer Nationen das nicht machen würden, alle Deutschen aber natürlich schon.

Und gegeben dem Fall, es wäre es so: Wie kann ich Menschen dazu zwingen jedem die Hand zu geben? Verbindliches Handeln ist in unserem Grundgesetz festgelegt und kann nicht von einer Person, und sei es der Innenminister, durch ein paar Thesen gefordert werden.

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Sie können maximal wünschenswert aber niemals verbindlich sein. Kein Mensch kann einen anderen dazu zwingen, Deutschland zu lieben. Und dies dann als Leitkultur zu deklarieren, schon gar nicht. Es polarisiert, anstatt zu integrieren.

Denn das Wort Leitkultur signalisiert Überheblichkeit und Arroganz - ganz nach dem Motto: "Ich zeig euch, wo es langgeht."

"Wir sind nicht Burka" legt den Fokus auf muslimische Migranten

Aus der Überschrift "Wir sind nicht Burka" und den Thesen, die de Maizière als deutsche Leitkultur bezeichnet, kann man eindeutig schlussfolgern, wen er damit ansprechen möchte: Die muslimischen Migranten. Dass sich aber gerade in unserer Gesellschaft auch Deutsche befinden, die viele Punkte seiner Thesen nicht erfüllen, geht komplett unter.

Durch die Überschrift wird der Fokus ausschliesslich auf muslimische Migranten gelegt. Auch wenn er sich mit Punkt 8, "Wir hassen nicht andere Nationen", versucht, von rechtsextremen Gesinnungen abzugrenzen: Bei seinen Thesen kommt keine Debatte über nicht integrierte Deutsche ohne Migrationshintergrund auf.

Warum eigentlich nicht? Es gibt wesentlich weniger Migranten, die seinen aufgesetzten Integrationskatalog nicht erfüllen, als Menschen mit rechtsextremer Gesinnung. In diesem Land gibt es derzeit mehr Menschen am rechten Rand als Burkaträgerinnen, die mir weder die Hand geben, noch ins Gesicht schauen würden.

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Warum? Weil ich einen türkischen Namen habe. Weil ich dunkelhäutig bin. Ich möchte darauf hinweisen, aber mich nicht darüber beschweren. Ich hatte ja auch in gewisser Weise Glück - in einem Land, in dem NSU-Morde noch nicht einmal aufgeklärt sind.

Hier gibt es Nazis, die den dunkelhäutigen Alberto Adriano zu Tode gequält haben. Mit unsagbarer Brutalität. Die Angreifer zertraten ihm den Schädel. Seine 3 Kinder, damals zwischen 8 Monaten und 5 Jahren alt, hätten sich gewünscht, wenn es bei ihrem Vater nur um die Verweigerung eines Handschlags gegangen wäre.

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