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Bülent Babür Headshot

Liebe Deutsche, diese Wahrheit über vermeintlich gewalttätige Ausländer solltet ihr kennen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MIGRANTEN BERLIN
dpa
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Es ist fast schon ein Jahrzehnt her, dass ich meine Abschlussarbeit zu Verhaltensmodellen geschrieben habe. In der Verhaltenstheorie geht es darum, durch gewisse Merkmale des Menschen auf seine Entscheidungen zu schließen und diese vorherbestimmen zu können.

Ich kam damals zu einer wichtigen Erkenntnis: Es wird nie ein Modell geben, welches das Verhalten von Menschen pauschal im Voraus berechnen kann. Denn jeder Mensch ist ein Individuum. Er handelt, denkt und fühlt individuell.

Mein damaliger Betreuer für die Arbeit war von dieser Meinung nicht begeistert. Er war fest davon überzeugt, dass es das perfekte Modell in der Zukunft geben wird, das exakt vorgibt, wie sich Menschen, mit bestimmten Merkmalen, verhalten werden. Eigentlich ist er auf einer Linie mit Jens Spahn.

Ich bin Bülent Babür - ein Individuum

Dieser behauptete zuletzt, dass durch Menschen aus gewissen Kulturkreisen die Gesellschaft gewaltbereiter, homophober und antisemitischer wird.

Er impliziert dadurch, dass mehrere Individuen, die dieselben Eigenschaften aufweisen, dasselbe Verhalten zeigen. Sprich: Im Fall von Jens Spahn würde das bedeuten, dass Menschen, die männlich und muslimischen Glaubens sind, aus antidemokratischen Ländern nach Deutschland flüchten, gewaltbereit, homophob und antisemitisch sind.

Natürlich sind Menschen, die so denken und fühlen, eine Gefahr für das Wohl unserer Gesellschaft. Diese gilt es auch zur Rechenschaft zu ziehen und das Problem an den Wurzeln anzupacken.

Aber genauso geht die Gefahr von Menschen aus, die solche Straftaten pauschal mit der Herkunft, Nationalität oder Hautfarbe verbinden.

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Ich habe in meinem Leben noch nicht eine Straftat begangen. Würde man aber statistische Untersuchungen herannehmen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich das irgendwann mache.

Denn in einer Statistik werde ich als Deutscher mit Migrationshintergrund, geflüchtet aus einem muslimischen Land, aufgeführt. Und mit allen anderen, die es auch sind, zusammen in einen Topf geschmissen.

Aber in erster Linie bin ich nicht ein Deutscher mit Migrationshintergrund, sondern Bülent Babür: Ein Individuum.

Die Folgen der populistischen Rhetorik

Welche Folge Aussagen wie die von Jens Spahn, von der obersten Ebene der Politik, auf meinem Alltag haben, möchte ich an einem kurzen Beispiel erklären.

Als ich in Wien studiert habe und sehr oft mit dem Zug nach Deutschland gefahren bin, hat es im Zug Grenzkontrollen von Polizisten gegeben. Das Abteil war nie ganz voll. So voll, dass man immer sehen konnte, was die Polizisten gerade machten.

Von allen Zuggästen in meinem Abteil musste nur ich mich jedes Mal ausweisen. Und nicht nur, dass sie meinen Ausweis anschauten. Nein, sie riefen dann meistens noch in der Zentrale an und forschten über meinen Hintergrund.

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Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir das nichts ausgemacht hätte. Teilweise hat mich das sogar sehr wütend gemacht. Aber mir ist auch bewusst: Schuld an solchen Kontrollen sind nicht die Polizisten. Schuld an solchen Kontrollen sind Menschen wie Jens Spahn. Politiker mit pauschalen Aussagen aus der Führungsebene.

Nicht falsch verstehen: Es spricht nichts dagegen Statistiken aufzustellen. Im Fall von Jens Spahn geht es darum, Schlussfolgerungen für Entwicklungen in der Gesellschaft zu ziehen.

Jedoch ist das Problem die pauschale Verurteilung, die sich in solchen Statistiken verbirgt. Dass ein Einzelner mit bestimmten Eigenschaften aus einer bestimmten Gruppe sich genauso verhält wie die Statistik es vorgibt.

Spahn macht einen weiteren fundamentalen Fehler

Das folgt nämlich aus dem was Jens Spahn anmerkt. Gerade deswegen muss es die Pflicht von Politikern sein, immer daraufhin hinzuweisen, dass jeder Mensch individuell ist. Von dem statistischen Durchschnitt können wir nie auf den Einzelnen schließen.

Doch damit nicht genug: Spahns Bedenken sind mit einem weiteren fundamentalen Fehler verbunden. Menschen mit Migrationshintergrund sind generell gewaltbereiter und strafanfälliger.

Jedoch: Diese Gewaltbereitschaft nimmt ab, sofern der Bildungsgrad zunimmt. Mehrere statistische Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen mit Migrationshintergrund mehr Straftaten begehen als Menschen ohne Migrationshintergrund.

Betrachtet man aber lediglich die Akademiker und unterscheidet diese zwischen mit und ohne Migrationshintergrund, sind Akademiker mit Migrationshintergrund statistisch gesehen weniger strafanfällig als Menschen ohne. Somit sind die Menschen nicht aufgrund des Migrationshintergrundes strafanfälliger, sondern aufgrund fehlender Bildung.

Viele ausländische Bürger und Menschen mit Migrationshintergrund haben ein schlechtes Bildungsniveau. Auch in der 3. Generation, wodurch sich die höhere Kriminalitätsrate plausibel erklären könnte.

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Genauso bestätigen Statistiken, dass in den städtischen Ballungsgebieten mehr Straftaten begangen werden als in ländlichen Regionen. Da Menschen mit Migrationshintergrund sich größtenteils eher in der Stadt ansiedeln, sind sie auch eher der Gefahr ausgesetzt in kriminelle Milieus abzugleiten.

Pauschale Anschuldigungen, auf Basis von nicht durchdachten Statistiken, sind gefährlich. Sie identifizieren nämlich nicht das Problem und führen dadurch auch zu falschen Schlussfolgerungen.

"Ausländer sind kriminell" und "Flüchtlinge sind gewaltbereit". Die Liste solcher Anschuldigungen ist lang und verheerend. Sie vereinheitlichen. Das klingt sehr nach Rhetorik aus dem Dritten Reich. Und da will ich nicht mehr hin.

(jz)

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