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Wer "oben" ist, sollte die "unten" nicht vergessen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SPD MARTIN SCHULZ
Michaela Rehle / Reuters
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Als ich mich entschied etwas zur in Deutschland existierenden Armut zu schreiben, ging es mir eigentlich darum, Armut in Deutschland zu plausibilisieren. Ich wollte Leser nicht davon überzeugen, dass es diese Armut tatsächlich gibt. Denn ihre Existenz war für mich selbstverständlich.

Jedoch hat eine allgemeine Aussage, die bezüglich des Wahlausganges im Saarland gemacht wurde, hat mich besonders enttäuscht und mich zum Umdenken bewegt. Für die Wähler hätte soziale Gerechtigkeit, so der Tenor, keine gewichtige Rolle gespielt. Die Deswegen fahre die SPD eine falsche Strategie.

Ein Fazit, das in jeder Hinsicht falsch ist. Erstens, sind das nur ein Teil der Wähler, die das Gefühl haben, dass dieses Thema keine gewichtige Rolle spielt. Wenn ein Teil der Bürger im Saarland wirklich der Meinung sind, dass es eine Lohngerechtigkeit gibt, dann ist das ausschliesslich deren Meinung.

Letztendlich hat jeder dritte Wähler links von der Mitte gewählt - und das sind auch Menschen der Saarländer Gesellschaft. Leider ist es auch traurige Tatsache, dass gerade ärmere Menschen seltener zum Wählen gehen, da sie den Glauben an die Demokratie verlieren. Und falls wir doch pauschalisieren möchten, dann sollten wir auch feststellen, dass das Saarland mit ca. 997 Tausend Menschen sicherlich nicht repräsentativ für 80 Millionen Menschen sein kann.

Egal, wie wir es sehen, diese oder ähnliche Aussage sind für mich, wie man gern im Volksmund sagt, „ein Griff ins Klo".

Die Menschen „unten"

Vor ein paar Tagen habe ich einen älteren Mann kennengelernt, der in Frankfurt die Fenster meiner Arbeitsstelle geputzt hatte. Meines Erachtens zu alt, um solch eine Arbeit zu verrichten. Deswegen hat mich die Neugier gepackt, um ihn zu fragen wie alt er denn sei. „72", antwortete er. Ich war verwundert. Mit 72 Jahren arbeiten? Wieso mache er das, habe ich ihn gefragt.

Er erwiderte mit leicht melancholischer Stimme, dass die Rente nicht zum Leben reiche. Wenn die Waschmaschine kaputt gehen würde, er wüsste nicht wie er die Reparatur bezahlen solle. Es ist entwürdigend. Punkt.

Es ist ein Beispiel von vielen, die mich nachdenklich machen, ob es in Deutschland gerecht zugeht. Sicherlich, gegenüber vielen Ländern dieser Welt ist Deutschland ein Schlaraffenland. Aber befriedigt uns diese Erkenntnis?

Sind dann Ausnahmen zu rechtfertigen? Haben wir nicht das Streben, dass es allen Menschen in Deutschland gut geht? Dass jeder Mensch, der 8 Stunden am Tag arbeitet sich nicht sorgen machen muss, wie er seine Familie ernähren soll. Dass Menschen mit 72 Jahren nicht mehr arbeiten müssen.

Jetzt übertreiben Sie nicht würde der ein oder andere sagen. Aber diese Fälle gibt's. Und sie sind meinem Gefühl nach keine Einzelerscheinungen und wenn sie es wären, dann ist es nicht minder schlimm.

Die Antwort von „oben"

Die Reaktionen in der Politik sind zwar immer dieselben: Bürger sollen gerecht entlohnt werden. Jedoch versteht jeder etwas Anderes darunter. Wie man diese Gerechtigkeit definiert ist dann doch sehr schwierig. Wählerstimmen möchte deswegen keiner verlieren. Höre ich dann die Aussage von Kretschmann, habe ich die Befürchtung, dass Politiker wie er den Bezug zur Realität verloren haben.

SPD Spitzenkandidat Schulz solle Deutschland nicht als Jammertal darstellen. Das ist für mich eine nicht hinnehmbare Aussage.

Soll ein Mensch nicht jammern, wenn er hart arbeiten geht und mit 1.200€ entlohnt wird und dann sieht wie sich ein kleiner Teil der Bevölkerung unzählige Häuser und Autos leisten können? Ist die Situation erst dann ernst zu nehmen, wenn sich die Anzahl der Menschen, die sich in seiner Situation befinden, steigt?

Wenn es um ihr eigenes Gehalt geht, sind die Politiker mit der Forderung höherer Diäten sehr erfolgreich. Es ist für solch solvente Menschen dann natürlich nicht einfach sich in die Sorgen eines Menschen, der für den Mindestlohn arbeitet, hineinzuversetzen.

Mit 1/7 des Gehaltes eines Bundestagsabgeordneten auskommen zu müssen, kann eine ganz neue Perspektive entstehen lassen. Satte 9.327 € bekommt ein Bundestagsabgeordneter (Vergleich zu einem Mindestlohn arbeitenden Bürger, ca. 1500€ bei 40h pro Woche). Und viele haben dann Zeit nebenbei noch zu arbeiten. Das bringt mich zum Nachdenken.

Wer dann glaubt, dass immerhin ihre Praktikanten von dieser Oase profitieren, werden enttäuscht. Sie erhalten teilweise keinen Cent. Auch das bringt einen zum Nachdenken, denn sind es nicht dieselben Minister, die dann von der Privatwirtschaft verlangen, dass Praktika vergütet werden sollen.

Der Zuspruch für die AFD ist auch dieser Ungerechtigkeit geschuldet, die damit natürlich nicht zu rechtfertigen ist. Jedoch haben einfache Bürger von der Globalisierung nicht profitiert. Diese Hoffnung hatten Menschen.

Auch wenn die Wachstumszahlen und die Arbeitslosigkeit rosige Aussichten versprechen, haben die Menschen, die ganz unten stehen, nicht mehr in der Hosentasche als vor der Globalisierung. Dann können sich nicht Politiker dahin stellen und behaupten, dass es Deutschland gut geht, wenn nicht jeder Einzelne dies zu spüren bekommt.

Die „Oben" müssen die „Unten" verstehen und ihnen helfen

Eine Verbesserung ist wichtig und notwendig. Denn Ungleichheit ist nicht nur ein moralisches, sondern gleichzeitig ein wirtschaftliches Problem. Sie kann zu nachhaltigen Schäden in der Volkswirtschaft führen. Ungleichheit führt zu mehr Kriminalität aber auch zu einem erlahmen der Wirtschaft.

Bürger der untersten Klasse geben bei Anstieg ihres Lohns einen grösseren Anteil aus, als Menschen der oberen Gehaltsklassen und sorgen damit. Das ist empirisch belegt und wir in der Volkswirtschaft als abnehmender Grenznutzen bezeichnet. Und gerade diese Konsumfreudigkeit sollte in einem Land wie Deutschland ausgenutzt werden.

Sie sorgt dafür, dass die Arbeitslosigkeit sinkt und das Wirtschaftswachstum steigt. Dass Menschen glücklicher sind und dadurch die Stimmung im Volk besser ist. Sie ist die Medizin in einer Volkswirtschaft mit zu hoher Sparquote.

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Nein, es ist kein Populismus oder Hetzerei, wenn Menschen wie Martin Schulz behaupten, dass Löhne für die unterste Schicht der Gesellschaft steigen müssen. Ja, es geht ihnen besser als in fast allen anderen Ländern aber das zeigt uns eigentlich nur, dass es auf der Welt insgesamt sehr ungerecht zugeht.

Das sollte nicht der Massstab für die deutsche Nation sein. Insbesondere dann nicht, wenn uns bewusst wird, dass unsere starke Volkswirtschaft genauso ein Erfolg des Fließbandarbeiters wie die des Managers ist.

Menschen, die meinen, dass es keine Bürger gibt, die einen Grund haben in Deutschland zu jammern, denen würde ich herzhaft empfehlen, für einige Monate, für den Mindestlohn zu arbeiten oder in einer Giesserei in vier Schichten zu arbeiten.

Denn ich glaube die Sorgen dieser hart arbeitenden Menschen wird erst dann berücksichtigt, wenn die „oben" einmal die Lebenswirklichkeit „unten" erlebt haben. Oder wie es schon Asik Veysel, ein türkischer Sänger und Dichter des 20. Jahrhunderts, wusste: "Meine Sorgen kann ich keinen sorgenlosen Menschen erzählen."

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