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Seit 15 Jahren Fußballtrainer: Wie meine Erkenntnisse der Zukunft Deutschlands helfen könnten

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FOOTBALL
FatCamera via Getty Images
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15 Jahre lang war ich Fußballtrainer - und das mit Leib und Seele. Unter anderem 10 prägende Jahre bei meinem Heimatverein FC Böhringen und drei tolle Jahre in der Jugendabteilung des SK Rapid Wien, dem österreichischen Rekordmeister.

Und „meine Kleinen", wie ich sie immer gerne genannt habe, die jetzt teilweise schon Erwachsen geworden sind, erinnern sich gerne an diese Zeit zurück:„Bülent, Du warst mein Lieblingstrainer", „Danke, Dass Du für mich da gewesen bist" oder „Danke für die Nachhilfestunden."

Solche Nachrichten bekomme ich immer wieder und sie machen mich - wie soll es auch anders sein - glücklich. Mir geht das Herz auf. Dank herausragender Spieler konnten wir tolle Erfolge feiern.

In Böhringen, ein kleines Dorf von 5.000 Einwohnern, haben wir in der über 100-jährigen Vereinsgeschichte Rekorde gebrochen, die wohl für die Ewigkeit bleiben werden. Aber auch beim SK Rapid Wien haben wir internationale hochkarätige Turniere gewonnen.

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Von den Spielern ist zwar noch kein einziger Fußballprofi geworden aber tolle und erfolgreiche Menschen. Menschen, die sich immer bedanken und erkundigen, wie es mir geht. Was in Erinnerung bleibt, das sind nicht die sportlichen, sondern die sozialen Erfolge. Man wird wertgeschätzt.

So wie ich sie auch immer geschätzt habe. Sie mögen mich. So wie ich sie auch immer gern gehabt habe. Für mich war der Trainerjob mehr als nur den Spielern das Fußballspielen beizubringen.

Für viele ein großer Bruder, ein Freund, ein Lehrer zu sein, das waren schon immer Eigenschaften, die ein außerordentlicher Jugendtrainer mitbringen sollte. Von dem war ich und bin ich heute noch überzeugt.

Da sein, wenn ein 13-jähriger Spieler Beziehungsprobleme mit seiner ersten Freundin hat, da sein, wenn er Hilfe in der Schule braucht, da sein, wenn er mit dem Leistungsdruck, dem er sich permanent ausgesetzt ist, nicht klarkommt.

Wenn der Spieler bei solchen Angelegenheiten nach Rat oder Hilfe bei dir sucht, dann hast du es geschafft. Dann hast du den Weg zu seinem Herzen gefunden. Die Freude genauso zu teilen wie das Leid.

Die Hochs und Tiefs. Die schlechten Zeiten und die guten Zeiten. Und das prägt diese Kinder und Jugendlichen. Denn kein Mensch wird als ein Nazi oder Islamist geboren. Die Erziehung von Kindern und Jugendlichen ist der entscheidende Grundpfeiler, um das Problem des Hasses und des Extremismus zu lösen.

Wer mit Liebe erzogen wird, der kann nicht mit Hass zu antworten.
Strafen und Verbote sind für mich nie ein Mittel gewesen, das meine Spieler weiterbringt. Fordernd in der Ausführung von Übungen aber verständnisvoll, mit einer Portion Gelassenheit, für das Verhalten neben dem Platz.

Für das stehe ich auch heute noch. Und die Spieler haben mir das mit tollen Leistungen auf dem Platz immer zurückgegeben. Sie geben alles, für sich selber, für die Mannschaft und letztendlich auch für mich. Und würde ich heute um ihre Hilfe bitten: Ich könnte mich auf jeden Einzelnen verlassen. Aus dieser Erfahrung und Erkenntnis schreibe ich diesen Artikel.

Warum halte ich das für wichtiger denn je, darüber zu berichten? Weil ich glaube, dass meine Erfahrungen, nicht nur im Sport zählen, sondern auch in allen anderen Lebensbereichen. Was auf dem Platz galt, kann auch außerhalb des Feldes nicht verkehrt sein. Vom Sport kann die Politik sehr viel lernen.

Einen Satz, von dem ich meine Spieler immer versucht habe zu überzeugen, ist zeitlos und aus meiner Sicht universell gültig: "Eine durchschnittlich besetzte Mannschaft ist stärker als jeder Gegner mit abgegrenzten Egoisten." Das zählt nicht nur im Fußball, sondern auch für die Gesellschaft.

Als vor über einem Jahr das Foto des ertrunkenen Alan Kurdi um den ganz Globus ging, war die Trauer groß. Der Stachel saß bei vielen Menschen tief (dachte ich zumindest). Auch bei mir.

Bis heute gehen mir diese Bilder nicht aus dem Kopf. Doch eine Hoffnung hatte ich, auch wenn es makaber klingt: Dass der Tod des Kindes alles verändern kann. Letztendlich hat sich rein gar nichts geändert.

Die Gefühlsausbrüche vieler Menschen waren reine Show-Inszenierungen wie sie schlimmer nicht sein kann. Denn bis auf etliche Facebook-Freunde, die das Bild posteten aber selber bis heute nicht einen Finger bewegten, um den überlebenden Kindern zu helfen, konnte ich nicht viel wahrnehmen. Mir wird dabei schlecht, wenn ich daran denke wie heuchlerisch Menschen sein können.

Auch Freunde, die ich schon seit Jahren kenne. Nicht falsch verstehen: Keiner soll die ganze Zeit zu Hause sitzen und um diese Kinder trauern. Aber, auch, wenn wir Alan Kurdi nicht mehr helfen können, so gibt es viele Kinder, die es geschafft haben und die jetzt unter uns sind. Und diesen Kindern können wir zu einem Leben in Würde verhelfen.

Zum Beispiel ihren Schulbesuch ermöglichen, wobei keiner denken soll, dass damit schon alles geregelt sei. Wenn diese Flüchtlingskinder jetzt Seite an Seite, Hand in Hand, mit deutschen Kindern in die Schule gehen, macht diese Flüchtlingskinder auch zu unseren Kindern. Wir tragen für die Flüchtlingskinder genauso die Verantwortung.

Wir sind auch deren Eltern, deren Freunde oder deren Lehrer. Sie brauchen unsere Hilfe, unsere Aufmerksamkeit und unsere Liebe. Meine Erfahrungen zeigen mir, dass Kinder und Jugendliche, die merken, dass sie eine Wertschätzung bekommen, auch diese genauso wieder zurückgeben.

Diese Erkenntnis und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, das ist wichtig, das ist entscheidend, im Hinblick auf die Zukunft der Kinder aber auch im Hinblick auf die Zukunft unseres Landes.

Wir brauchen Menschen mit Perspektiven. Denn Flüchtlingskinder von heute könnten führende Köpfe von morgen sein. In unserem Deutschland. Entscheidend ist und wird unser Verhalten sein. Mit unserer Anerkennung werden sie, unsere Flüchtlingskinder, hart an sich arbeiten und werden alles geben: Für sich, für uns, für unser Land.

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