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Falcos 60. Geburtstag: Was von einer Legende übrig bleibt

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FALCO POP MUSIC
STR New / Reuters
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Sonntag, 19. Februar 2017, ich sitze in meinem Auto und habe eine zweistündige Fahrt vor mir. Ich höre unterschiedliche Radiosender, welche heute nur einen Namen kennen: Falco. Seine Lieder laufen rauf und runter. Ich werde nostalgisch. Die Anzahl der Partys auf denen ich seine Musik gehört habe, kann ich gar nicht mehr aufzählen.

Mensch, das waren Zeiten! An diesem Tag wäre er 60 Jahre alt geworden. Auch fast 20 Jahre nach seinem Tot hat man Falco, geboren als Hans Hölzel, nicht vergessen. Wie denn auch? Bis heute ist Falco der einzige Musiker, der mit einem deutschsprachigen Lied, „Rock me Amadeus", in den US-Charts die Nummer 1 errang. So einer wie er kam danach nie wieder.

Das sage ich als türkischstämmiger Deutscher. Aber auch als einer, der selber drei Jahre in Österreich gelebt hat. Falco war aber nicht irgendein Provinzmusiker, der nur in Deutschland und Österreich bekannt gewesen ist. Sein Name hat innerhalb weniger Jahre Weltruhm erlangt. Allein der Vergleich mit anderen deutschsprachigen Pop-Musikern fällt mir auch deswegen schwer.

Zu hoch waren die Maßstäbe, die er neu definiert hat. Jedoch hat die Anerkennung seines Schaffens sehr lange gebraucht. Bereits sein erster Song "Ganz Wien ...ist heut auf Heroin", das, das Thema der Drogenszene in seiner Heimat Wien aufgriff, wurde in den Medien verboten. Besonders kontrovers wurde sein Lied "Jeanny" diskutiert. Die Polarisierung der Gesellschaft durch diesen Song ist bis heute unerreicht.

Vor allem Textabschnitte wie „Sie kommen dich zu holen. Sie werden dich nicht finden. Niemand wird dich finden! Du bist bei mir" führten zu einer Aufruhr, dass sogar Radiosender seinen Song zensierten. Der Songtext wurde in Verbindung an die Verbrechen des Kindermörders Jack Unterweger gebracht, was aber nicht davon abhielt auch mit diesem Song Platz eins der deutschen Charts zu erobern.

Trotz der Verherrlichung einer Vergewaltigung wurde die Single mit 2,5 Millionen Exemplaren die meist verkaufte Platte im Jahr 1986. Was viele Menschen dabei vergessen: Die Diskussionen rund um Vergewaltigungen haben durch dieses Lied eine neue Dimension erreicht. Das Problem erhielt dadurch endlich die Beachtung, die es verdient hat. Mädchenmorde, die davor nur in den Tagesnachrichten kamen, wurden monatelang diskutiert.

Nicht nur seine Lieder waren einmalig. Genauso seine Persönlichkeit. Als ihn sein Manager, Horst Bork, zu seinen Glanzzeiten fragte, ob er mit Madonna ein Duett singen würde, antwortete der neue Popstar salopp:" Was soll ich mit der singen? I mog net." Auch das war Falco.

Sein Ruhm, sein Charisma, sein Aussehen, sein Erfolg und sein Reichtum: Für vieles konnte man den Popstar beneiden. Dennoch führte nach seinem kometenhaften Aufstieg, auch ein unvergleichlicher Absturz. Er fing in Übermengen an Whiskey zu trinken, bis er nicht mehr gehen konnte, er rauchte Marihuana und schnupfte Kokain. Für viele Menschen war so ein Absturz unbegreiflich. Die Gründe dafür sind vielfältig. Falco selber begründete das in einem Interview damit:

„Wenn man zu früh zu viel Erfolg hat, so dass die Seele nicht mitwachsen kann, kommt man sehr schnell ins Schleudern. Na, nun werden die Leute sagen: Der Ärmste! Mit den Millionen am Bankkonto! Aber es gibt auch Dinge, die in deinem Herzen, deinem Hirn passieren, die du nicht kompensieren kannst, mit dem Geld, was du verdienst."

Sicherlich, durch seinen Hit „Rock me Amadeus" legte er die Messlatte zu schnell zu hoch. Er war damit an der Spitze der Welt und wollte dies halten. Ehrgeizige Menschen streben nach oben. Doch was ist, wenn man ganz oben angelangt ist - und das innerhalb weniger Jahren?

Eine Frage, der sich auch Falco stellen musste. Aus dieser Sinnkrise konnte sich der Wiener Star nie wirklich befreien und verfiel immer wieder den Drogen und dem Alkohol. Sein Leben steht auch für den Teil der Menschen, die trotz größter Erfolge im Leben abstürzen. Zudem kamen viele private Probleme. Das größte Trauma war für ihn, als er die Nachricht erhielt, dass seine angeblich leibliche Tochter nicht von ihm ist.

Doch die eigentliche Tragödie seiner Lebensgeschichte war das Spannungsfeld zwischen Falco und Hans Hölzel. Sie war der Kern seines Zusammenbruchs. Der Künstler Falco wollte sich immer an seinem größten Erfolg messen, der Mensch Hans Hölzel zerbrach an ihr. Seine gespaltene Persönlichkeit machte ihn psychisch krank.

Falco, diese gespielte Arroganz, diese selbstbewusste und eingebildete Persönlichkeit auf der einen Seite. Auf der Anderen, dieser eingeschüchterte, tiefsinnige und sensible Mensch Hans Hölzel, der sich immer nach der Liebe seiner Mutter sehnte. Auch Falco war sich seiner Schizophrenie bewusst und sagte dazu einmal:

"Ich hatte ein schizophrenes Verhältnis zu meiner Karriere. Auf der einen Seite war ich der Musiker, der ernstgenommen werden wollte, auf der anderen Seite habe ich mein Gesicht in einer Dimension verkauft, die sich völlig meiner Kontrolle entzogen hatte.

Dieser Widerspruche und das falsche Bild von mir in der Öffentlichkeit haben mir in der Folge sehr zu schaffen gemacht. Ich habe ohne Ende Drogen eingeworfen, bin zum Alkoholiker geworden und war phasenweise psychisch völlig von der Rolle."

Er selber war sich sicher: Die Menschen wollten Falco und nicht Hans Hölzel sehen. Am Schluss kann er die Figur Falco nicht halten. Als er am 6. Februar 1998 bei einem Autounfall gestorben ist, wurde bei der Obduktion Kokain und Alkohol in seinem Blut festgestellt. Angeblich soll für seinen endgültigen Absturz eine gescheiterte Liebesbeziehung auf der Dominikanischen Republik geführt haben.

Bis heute bleibt die Frage offen, ob es sich um einen Selbstmord oder einen Unfall handelt. Befeuert wurde die Theorie des Selbstmordes durch Zeilen in seinem letzten Lied "Out of the Dark", das erst postum veröffentlicht wurde. In diesem singt er unter anderem: "Muss ich denn sterben, um zu leben?"

Mit dem Tod hat sich Falco auch schon früher beschäftigt. In einem seiner Tagebucheinträge schrieb er folgende Zeilen:

„Wenn ich morgen meinem Gott gegenüberstehe, kann ich ihm sagen: 'Ich bin unschuldig. Ich habe niemanden betrogen, ich habe niemandem wehgetan, außer mir selbst.' Und das wird er mir verzeihen."

Bis heute geblieben sind Falcos - im deutschsprachigen Raum - unerreichten Erfolge in der Popmusik, sei es durch die Anzahl der verkauften Platten, durch die kontrovers diskutierten Lieder oder seinen Mut neue Wege zu gehen, zu gestalten, zu provozieren und trotzdem erfolgreich und beliebt zu sein. Lieder am Limit des guten Geschmacks zu produzieren.

Zu erfinden anstatt zu imitieren. Geblieben ist aber auch der tragische Absturz des Hans Hölzels und die dadurch gewonnene Erkenntnis, dass Geld, Ruhm und Popularität alleine nicht glücklich machen.

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