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Eskalation ist nicht nur zum Gewinn des Referendums

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ERDOGAN
Umit Bektas / Reuters
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Er lässt nicht davon ab. Am Sonntag vor einer Woche griff Erdogan erneut Deutschland und Holland an. Jetzt nun auch die Schweiz. Ein Grund: Der türkische Präsident versucht die Situation eskalieren zu lassen, um mehr Stimmen in der eigenen Bevölkerung für das Präsidialsystem zu gewinnen.

Doch es könnte viel mehr dahinter stecken, als allgemein vermutet wird.
Zwei entscheidende Gründe, die übersehen werden, sind eventuell viel wichtiger.

1. Grund

Erdogan möchte die Türkei nachhaltig von der Europäischen Union entfernen. Egal, ob die Türken die EU geliebt haben oder nicht, sie stand in den Augen vieler türkischer Bürger für Modernität und Fortschritt.

Doch die Zustimmung pro EU scheint in der Bevölkerung zu schwinden. Es ist ein Kampf zwischen zwei Lagern in der Türkei. Den Liberalen, die Atatürks Ideologie folgen, der die Gründung der Türkei mit dem Ziel verbunden hatte, sie europäisch zu gestalten. Überall bekannt ist seine Aussage: "Es gibt verschiedene Kulturen, aber nur eine Zivilisation, die europäische", die verdeutlicht welche Marschroute für die Türkei vorgesehen war.

Im Gegensatz zu Erdogan und dem konservativen Lager, die sich eine konservativ-islamische Bevölkerung wünschen und die Türkei gen Osten ausrichten möchten.

Erdogan probiert das Ziel der Europäisierung nachhaltig zu ändern. Deswegen ist die Eskalationsstrategie nicht nur als Mittel um das Referendum zu gewinnen zu interpretieren, sondern sich nachhaltig von der EU und ihren Werten abzuwenden.

Er versucht sein Volk davon zu überzeugen, dass es in Europa keine Werte, wie Religionsfreiheit oder Meinungsfreiheit, gibt. Es sei faschistisch, insbesondere gegenüber Muslimen.

2. Grund

In Syrien tobt der Krieg. Auch wenn die Berichtserstattung in deutschen Medien abgenommen hat, wird der Kampf sehr intensiv fortgeführt. Auch die Türkei ist mittendrin. Zum einen möchte sie den IS bekämpfen, zum anderen, und das ist wohl ihr wichtigstes Ziel, die YPG hinter den Euphrat zurückdrängen.

Doch das ist mehr Wunsch als Realität. Die YPG gilt als syrischer Ableger der PKK und ist für die Türkei ein Teil der Terrororganisation. Nicht für die USA, die in der YPG einen Verbündeten sieht, um in Syrien die IS zu bekämpfen. Und schon gar nicht für Russland, die weder in der PKK noch in der YPG eine Terrororganisation sieht.

Es gibt sicherlich wenige Angelegenheiten in denen sich die zwei Weltmächte einig sind. Aber bezüglich den Kurden könnte die Unterstützung von beiden Parteien, Russland und den USA, nicht stärker und offensichtlicher sein.

Dabei fällt auf, dass Erdogan sich zwar über schwenkende PKK und YPG-Flaggen in Frankfurt aufregt, aber er keinen Kommentar abgibt, wenn die Russen oder Amerikaner sich in den Kurdengebieten aufhalten, um genau diese Organisationen aktiv zu unterstützen.

Aus Sicht der Türkei sind das Horrorszenarien und eine heftige Niederlage. Denn Erdogan selber hat gross angekündigt, nach El Bab weitere Städte mit dem Endziel Rakka zu erobern, um die Kurden hinter den Euphrat zurückzudrängen.

Das, um zu verhindern, dass sich die YPG noch weiter ausbreiten kann. Dieser Plan ist jetzt dahin. Und zeigt eigentlich wie wenig Erdogans Einfluss auf die USA und Russland ist.

Von diesem desolaten Zustand versucht Erdogan abzulenken. Denn die verfehlte Politik könnte ihm sehr viele Sympathiepunkte in nationalistischen Kreisen kosten.

Sie würde den Erdogan-Anhängern auch zeigen, dass ihr Präsident keinen Einfluss auf die Weltpolitik habe.

Warum er nicht die Chance nutzt auch die Russen oder Amerikaner anzugreifen, das liegt auf der Hand: Beide Nationen werden von Menschen regiert, die auch wenig von Diplomatie halten.

Es geht nicht darum, dass Russland und die USA militärisch der Türkei überlegen sind, sondern viel mehr um die Tatsache, dass sie handeln würden, wenn ein Politiker wie Erdogan sie scharf kritisieren, geschweige denn beleidigen, würde.

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Putins sofortige Wirtschaftssanktionen, als Erdogan sich für den Abschuss des russischen Piloten nicht entschuldigen wollte, ist ein Beispiel wie der türkische Präsident auf solche Massnahmen reagiert: Er schreibt einen Brief an Putin, indem er sich für den Abschuss des Flugzeuges entschuldigt. In seinem Brief nannte Erdogan Russland "einen Freund und strategischen Partner" von Ankara, mit dem die türkischen Behörden die Beziehung nicht verderben will.

"Wir hatten nie den Wunsch oder die Absicht, das russische Flugzeug abzuschiessen", stand im Brief laut der Aussage des Kremls.

Ist natürlich gelogen, denn der Abschussbefehl kam von ganz oben.
An dem Brief, der letztes Jahr geschrieben wurde, ist zu erkennen, dass Erdogan sich mit Russland nicht mehr anlegen möchte und deswegen lieber den Konflikt mit europäischen Staaten sucht.

Zwei Gründe, die deutlich aufzeigen, welche Motive hinter Erdogans Wutausbrüchen stecken könnten. Dabei ist das Thema komplexer als deutsche Medien und Politiker uns weis machen wollen.

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