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Erdogans größte Feinde sind säkulare Frauen und Jugendliche

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ERDOGAN YOUTH
Umit Bektas / Reuters
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Am Weltfrauentag gingen unzählige emanzipierte türkische Frauen auf die Straße. Frauen, die für ihre Menschenrechte kämpfen. Während dieser Veranstaltung wurde eine Teilnehmerin gefragt, warum sie gegen Erdogan auf die Straße gehe. Sie antwortete: "Weil Erdogan Atatürk beleidigt hat. Wir sind die Kinder Atatürks!"

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Engländer für Churchill, Deutsche für Adenauer oder Amerikaner für Washington auf die Barrikaden gehen würden. Aber die Türkei ist anders.

Die Polarisierung der türkischen Gesellschaft ist die Geschichte einer unbeschreiblichen Liebe gegenüber Atatürk und seinen Reformen - obwohl er seit fast 80 Jahren tot ist.

Der Aufstieg Atatürks zum Volkshelden

Die aktuellen Entwicklungen in der Türkei sind nur zu verstehen, wenn man die Geschichte der Türkei kennt. Dass Erdogan, trotz unterschiedlicher Ideologien, Atatürk gerne als Vorbild nimmt liegt an der starken Verbundenheit zwischen Atatürk und der türkischen Nation.

Während die osmanischen Herrscher aus dem Land flüchteten, riss Atatürk im 1. Weltkrieg die Macht an sich, um die stark gebeutelten Türken nochmals gegen die Alliierten kämpfen zu lassen.

Atatürk wollte sich nicht von den Alliierten besetzen lassen. Noch heute ist er ein Sinnbild für den Kampf gegen den Imperialismus. Auch über die Landesgrenzen hinaus. In Kuba beispielsweise ist er die einzige ausländische Persönlichkeit von dem eine Statue erbaut wurde.

Die Alliierten waren numerisch und technologisch haushoch überlegen. David gegen Goliath. Dank seiner strategischen Genialität schlug Atatürk die Belagerung nieder und wurde zum Volkshelden der neu entstandenen türkischen Nation.

Dennoch war es immer sein Ziel auf die Absurdität des Krieges hinzuweisen. Gerade in diesen schwierigen Tagen bewegt mich sein Zitat nach der entscheidenden Schlacht von Gallipoli gegen die Australier. 100.000 Menschen verloren damals ihr Leben.

"Diese Helden, die ihr Blut vergossen und ihr Leben ließen... nun liegt ihr in dem Boden eines freundlichen Landes. Darum ruhet in Frieden. Da gibt es keinen Unterschied zwischen den Johnnies und den Mehmets, dort wo sie Seite an Seite in diesem unserem Lande liegen...

Ihr, die Mütter, die ihre Söhne aus weit entlegenen Länder schickten, wischt weg eure Tränen. Eure Söhne liegen nun an unserer Brust und sind in Frieden. Ihr Leben in diesem Land verloren zu haben, machte sie genauso zu unseren Söhnen."

Australien gewährte der Türkei auf der "ANZAC-Parade" in Canberra, die eigentlich den australischen und alliierten Nationen gewidmet ist, ein eigenes Denkmal. Wohlgemerkt: Dem ehemaligen Kriegsgegner. Dort wiederum ist der obige Satz von Atatürk zu finden. Das ist Völkerverständigung auf höchster Ebene.

Seine Reformen sind die Geburtsstunde einer laizistischen Republik

Das war die Geburtsstunde der türkischen Republik. Der Westen war zwar Atatürks Kriegsgegner, dennoch stand er für Modernität und Fortschritt, weshalb eine Abkehr vom Nahen Osten hin zu einer Europäisierung folgte.

Gerade deswegen wird er von islamistischen Wählerschichten gehasst. Atatürk zwang die Bevölkerung zur Bildung, zum Patriotismus, zum Modernismus und Säkularismus. Es war eine Erziehungsdiktatur. Doch genau das hat die demokratische Entwicklung der Zukunft erst möglich gemacht.

Seine aufgezwungen Reformen waren nicht für den Machterhalt vorgesehen. Kompromisse wären mit einem Volk, dem im osmanischen Reich der Zugang zur Bildung verschlossen blieb, zum damaligen Zeitpunkt, nicht möglich gewesen.

Während Atatürk sich von Philosophen wie Montesquieu oder Voltaire inspirieren ließ, war der Anteil der Analphabeten im türkischen Volk weit über 90%.

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Eines seiner größten Anliegen war die Gleichstellung von Mann und Frau. Ab 1926 durften Frauen höhere Schulen und Universitäten besuchen. Sie bekamen das Recht, zu wählen. Atatürk sah in der Frau mehr als eine Mutter.

Sie sollten die neu entstandene Nation prägen - im Militär, in der Wissenschaft und im Parlament. Wichtigste Funktionen im Staat wurden von Frauen besetzt. Atatürk hat sein Volk dazu gezwungen, die Menschenwürde der Frau anzuerkennen.

Die Türkei, schrieb der britische "Economist" einmal, müsse man sich vorstellen wie einen Baum, mit Wurzeln und Ästen in viele Richtungen. Atatürk sei der Mensch, der diesen Baum gepflanzt, aufgezogen und gepflegt habe.

Kritiker beziehen die historische Situation nicht mit ein

Natürlich wurde er auch kritisiert. Zum Beispiel als er von heute auf morgen die arabische Schrift abschaffte. Der Vorwurf: Das Volk hätte das Lesen und Schreiben verlernt. Doch in einem Land mit einer Analphabetisierungsrate von 90 Prozent erschien diese Anschuldigung eher haltlos.

Die Türken seien in Atatürks Staat unterdrückt worden, schreibt der Blogger Özkan Tokuc in seinem Artikel.

Türken, die jahrhundertelang unmündig waren, jahrhundertelang nicht dieselben Rechte hatten wie ihre Herrscher und jahrhundertelang nicht die Möglichkeit hatten aufzusteigen, sollen unter Atatürk diskriminiert worden sein.

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Heute leben Menschen, die so denken wie Özkan Tokuc, freiwillig in Europa und behaupten tatsächlich, dass die Europäisierung der Türkei die Menschen diskriminiert hätte. Was für ein Widerspruch.

Wenn sich Menschen wundern, warum in der Türkei eine Frau mit Minirock neben einer Frau mit Kopftuch sitzen kann, warum in der Türkei Alkohol getrunken werden darf, warum Frauen in einem muslimischen Land nicht von der Religion erdrückt werden, warum zivile Gesetze anstatt der Scharia die Verfassung bilden hat oder einfacher gesagt, warum die Türkei kein Land wie Pakistan oder Saudi-Arabien ist, dann möchte ich diesen Menschen mitteilen, dass dies mit einem Namen verbunden ist: Atatürk.

Natürlich müssen viele seine Reformen ausgebaut und verbessert werden. Das wusste er sehr gut. In einer Rede erwähnte er einmal, falls sein Wort irgendwann der Wissenschaft widerspreche, dann solle man der Wissenschaft vertrauen und nicht ihm.

Wir kämpfen für eine liberale Türkei mit europäischen Werten

Die emanzipierten türkischen Frauen und die aufgeklärte türkische Jugend ist sich darüber im Klaren. Sie sind glühende Anhänger Europas. Viele von ihnen leben in Deutschland, fallen aber nicht auf - sie sind gut integriert.

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Die Anhänger Atatürks, die Bewunderer der französischen Revolution, die Europäer - sie alle kämpfen für eine liberale Gesellschaft.

Diese Menschen werden weiter für eine Modernisierung der Türkei kämpfen. Vielleicht wird die Türkei nie ein Teil der Europäischen Union sein. Trotzdem kämpfen wir dafür, dass jeder Mensch in der Türkei frei und unabhängig leben kann. Dass die Menschen weltweit die Türkei wieder lieben und anerkennen. Oder wie Atatürk gerne sagte: "Frieden im Lande. Frieden auf der Welt."

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