BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Bülent Babur Headshot

Warum so viele Deutsch-Türken für eine Diktatur in der Türkei sind

Veröffentlicht: Aktualisiert:
REFERENDUM
dpa
Drucken

Ich telefoniere gestern Abend mit einem Verwandten aus Izmir. Die drittgrößte Stadt der Türkei ist eine kemalistische Hochburg. Erdogans konservative Partei ist für die Mehrheit in Izmir ein rotes Tuch.

Fast 70% der Menschen haben hier gegen das Präsidialsystem gestimmt. Meinen Bekannten und Verwandten aus Izmir war klar, dass in Anatolien viele Bürger für ein "Ja" stimmen. Dass der Anteil der Befürworter in Deutschland relativ gesehen auch so hoch sein würde, das hätte dort niemand für möglich gehalten.

Während in Saudi Arabien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten die türkischstämmigen mehrheitlich für ein "Nein" gestimmt haben, sind es in Deutschland 63% der Wählerstimmen, die einem antidemokratischen Präsidialsystem zustimmten.

Hasnain Kazim, Autor des "Spiegel", begründet es mit der fehlenden Willkommenskultur der Deutschen in der Vergangenheit. Ich möchte nicht behaupten, dass diese wirklich existiert hat. Ich habe in der Zeit meines Opas nicht gelebt.

In Großbritannien haben relativ viele Menschen mit "Nein" gestimmt

Jedoch würden wir viele Kommentare von Politikern, die in den 80er Jahren gefallen sind, in der heutigen Zeit in die Ecke der AFD rücken. Dennoch ist dieser Gedanke Kazims für mich viel zu kurz gedacht.

Denn auch in Großbritannien haben relativ gesehen viele Menschen für ein "Nein" gestimmt. Und dort war die Willkommenskultur, so wie ich es bei meinem Aufenthalten in London mitbekommen habe, nicht anders.

Mehr zum Thema: Diese Zahl sollten alle kennen, die nach dem Türkei-Referendum gegen Deutsch-Türken hetzen

Also, wie kann es sein, dass Menschen, die in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, die hier in einer starken parlamentarischen Demokratie leben, so sehr für ein Ein-Mann-System sind?

Die es akzeptieren, dass der türkische Präsident das aktuelle Deutschland als "Nazi-Land" bezeichnet und dabei eine deutliche Solidarität zu Deutschland vermissen lässt?

Die Menschen hinterfragen Erdogan nicht

Die Gründe dafür sind vielfältig. Natürlich sind viele dabei, die Deutschland abgrundtief hassen. Ihr Hass ergibt sich aus ihrer unterschiedlichen Kultur und Religion. Es ist schon eine Art Rassismus, die die Menschen zu so einer Einstellung bewegt.

Zudem stammen viele türkische Migranten aus anatolischen Gebieten. Sie sind größtenteils konservativ und nationalistisch geprägt. Alleine, dass Erdogan ein sunnitischer Türke ist, bringt ihm deswegen einen Großteil der Stimmen dieser Wähler ein.

Dazu kommt sicherlich, dass sich ein Teil von dieser Mehrheit beeinflussen lässt, wodurch ihre Anzahl nochmals steigt. Dass er sie stolz macht, zeigt eigentlich, dass diese Menschen sich von Erdogan kein rationales Bild machen können.

Sie hinterfragen beispielsweise nicht, warum Erdogan lediglich Europa als Terroristenunterstützer beschimpft, während der Kreml weder die PKK, noch ihren syrischen Ableger, die PYD, als Terrororganisation einstuft.

Die Türkei ist nicht mehr der Handlanger des Westens

Auch die USA haben Soldaten nach Manbidsch entsandt, nachdem es zwischen türkischen Soldaten und den Kurden zu kleineren Zusammenstößen gekommen ist. Der Grund: Die USA wollte damit die kurdischen Kräfte, die sich in Manbidsch befinden, vor türkischen Angriffen schützen. Ein Affront gegenüber dem Nato-Partner.

Aber bei keiner dieser Entscheidungen, die gegen die Türkei getroffen wurden, hat Erdogan Putin oder Trump der Unterstützung des Terrorismus bezichtigt. Das würde er sich auch nicht trauen.

Dass es den türkischstämmigen Bürgern nicht auffällt, liegt einfach daran, dass ihnen schlichtweg das Bildungsniveau fehlt, um diese Zusammenhänge zu verstehen und zu hinterfragen.

Sie stimmen lieber mit Emotionen ab, als rational abzuwägen. Die Türkei ist nicht mehr der Handlanger des Westens. Ich weiß nicht, ob sie das jemals war. Wovon ich aber: In Incirlik aus stationierte Kampfflugzeuge der USA, während sie in Syrien die PYD, den Erzfeind der Türken, unterstützt. In dieser Relation erscheinen die Vorwürfe gegenüber Deutschland, es sei Unterstützer von Terroristen, geradezu absurd.

Erdogan verfolgt aktuell einen stark europafeindlichen Weg

Der wichtigste Grund ist sicherlich, dass AKP schon längst ein Netzwerk an Organisationen in Deutschland zur Verfügung hat, das ihre Politik in Deutschland verbreitet. Einige Moscheen der DITIB und AKP-Abgeordneten, die in Deutschland wohnen, sind ein Teil des Netzwerks. Es sollte dennoch erwähnt werden, dass es etliche DITIB-Moscheen gibt, die gute Arbeiten leisten und in denen die Imame nur als Religionslehrer fungieren.

DIE UETD, Union Europäisch-Türkischer Demokraten, ist ein Zusammenschluss zur Förderung des politischen, sozialen und kulturellen Engagements der Türken in der Europäischen Union.

Er fungiert scheinbar als Brückenbauer zwischen hiesig lebenden Türken und der deutschen Gesellschaft. Wirklich? Gerade für gescheiterte oder orientierungslose Türken bildet er einen Anker.

Anstatt integrationsfördernd, wirkt er durch die enge Anbindung an Erdogan integrationshemmend, denn der türkische Präsident verfolgt aktuell einen stark europafeindlichen Weg.

Es sollte uns alle nachdenklich machen

Die UETD hat sich zu keinem Zeitpunkt öffentlich davon distanziert. Das wäre auch nicht möglich, da sie ansonsten ihre Funktion verlieren würde. Sie besteht in der Spitze aus studierten Menschen, die versuchen, durch die Verbreitung der AKP-Ideologie Karriere zu machen.

Sie fördern und verstreuen die Leitkultur, die Erdogan vorgibt. Gerade für die Zukunft wird diese Organisation der integrationshemmende Faktor Nummer eins, bezüglich türkischer Migranten, sein.

In Anbetracht dessen, ist es zu kurz gedacht, dass Deutschland für diese Menschen keine Willkommenskultur übrig hatte. Auch für meine Eltern, und für viele der gut integrierten Türken, wäre das dann der Fall.

Aber, auch wenn Türken diskriminiert wurden, ist es doch zu kurz und zu einfach gedacht, dass sie aufgrund einer fehlenden Willkommenskultur Erdogan wählen.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Nur eins sollte jedem klar sein: Wir haben über eine halbe Million Menschen, denen es anscheinend nichts ausgemacht hat, dass Erdogan ein antidemokratisches Präsidialsystem einführen möchte.

Denen es nichts ausgemacht, dass Erdogan die Deutschen als Nazis bezeichnet hat. Denen es nichts ausgemacht hat, dass Erdogan Deutschland als Terroristenunterstützer verunglimpft hat.

Ihnen hat das alles nichts ausgemacht, obwohl sie seit Jahrzehnten hier leben. Das sollte uns alle nachdenklich machen. Wie gehen wir mit ihnen um? Mit den "Ja"-Sagern. Aber auch mit den Organisationen, die die Integration türkischer Staatsbürger in Deutschland verhindern. Allen voran der UETD.

___

2017-03-21-1490087749-9158887-HUFFPOST6.png

Durch Einreiseverbote, Faschismus-Vorwürfe und Kritik am kommenden Referendum haben sich die diplomatischen Spannungen zwischen der Türkei und einigen EU-Staaten weiter verschärft.

Wie sollte Deutschland, wie die EU auf die neue Situation reagieren? Diskutiert mit und schreibt uns unter Blog@huffingtonpost.de

Mehr zum Thema:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg