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Warum wir Erdogan nicht zu ernst nehmen sollten

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ERDOGAN
dpa
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Es war eine eindeutige Ansage des Staatspräsidenten der Türkei. Alle deutschen Parteien, die den Kurs Erdogan kritisieren, sollen bei den Wahlen durch wahlberechtigte türkischstämmige Deutsche abgestraft werden. Erdogan nennt diese Parteien türkeifeindlich.

Die Aussage Erdogans wurde von allen Parteien hinweg als Einmischung in innere Angelegenheiten Deutschlands interpretiert. Doch stellt sich hierbei die Frage: Wie groß ist überhaupt der Einfluss Erdogans auf hiesige Türkischstämmige mit deutschem Ausweis?

Wenn man die Medien verfolgt, entsteht der Eindruck, dass ein großer Anteil der türkischstämmigen Deutschen Erdogans Politik unterstützt. Tatsächlich wird in vielen politischen Sendungen genau über diese Menschen berichtet. Nach dem Motto: Schlechte Nachrichten verkaufen sich besser. Schlecht in dem Sinne, dass Erdogan-Unterstützer eher als Konfliktpotential gesehen werden.

Mehr zum Thema: Erdogan ruft Deutschtürken zum Wahl-Boykott auf - vor allem eine Partei muss sich Sorgen machen

Zweifelsohne ist der qualitative Einfluss Erdogans sehr groß. Die UETD und die DITIB sind hervorragend organisiert und finanziell sehr gut ausgestattet. Beide stehen Erdogan sehr nah. Und ihr Einfluss auf türkischstämmige Bürger ist immens.

Auch die Wahlen zum Präsidialsystem bestätigen den Eindruck, dass viele Türken die Politik ihres Staatspräsidenten unterstützen. 63 Prozent der zur Wahl gegangenen türkischen Bürger haben sich für ein autoritäres Präsidialsystem entschieden.

Viele Deutschtürken haben sich für den deutschen Ausweis entschieden

Aber in diesem Fall geht es eben nicht um alle Türken, sondern um die, die in Deutschland wahlberechtigt sind. Das ist ein kleiner aber feiner Unterschied. Gerade Türken, die sich gut integriert haben und Deutschland auch als Heimat sehen, haben sich für einen deutschen Ausweis entschieden.

Das sind aber auch die, aus denen viele Erdogan-Kritiker hervorgehen. Ein Großteil dieser Menschen sind Aleviten und Kurden, die aus politischen Gründen aus der Türkei geflüchtet sind.

Aleviten, die zweitgrößte Religionsgruppe der Türkei, pflegen eine liberale Art zu leben und machen in der Türkei ca. 20 Prozent der Bevölkerung aus. In Deutschland ist dieser Anteil unter den Türken noch deutlich höher, da viele von ihnen aus der Türkei geflohen sind.

Viele Kurden und Aleviten haben den türkischen Ausweis abgelegt. Nahezu all meine alevitischen Freunde besitzen nur den deutschen Ausweis. Sie stehen alle Erdogan kritisch gegenüber. Ähnlich sieht es in der kurdischen Gemeinde aus.

Der Einfluss Erdogans auf die türkischstämmigen Deutschen ist eher gering

Auch wenn es für viele Menschen unglaubwürdig erscheint: Der Einfluss Erdogans auf die türkischstämmigen Deutschen ist eher gering. Und die, die Erdogan nahe stehen, wählen sowieso nicht mehr die etablierten Parteien.

Bei den NRW-Landtagswahlen standen zwei Parteien, die aus der Sympathie zu Erdogan keinen Hehl machen, zur Wahl. Beide Parteien haben sich für ein Ja beim Präsidialsystem eingesetzt und beide verteidigen bei jeder Gelegenheit den Staatspräsident der Türkei.

Die Rede ist von der BIG-Partei (Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit) und der ADD (Allianz Deutscher Demokraten). Sie sind eher damit beschäftigt Werbung für Erdogan zu machen, als sich um politische Themen zu kümmern, die sich eben nicht nur um ihn drehen.

Mehr zum Thema: Gabriel kritisiert Erdogan - jetzt gerät offenbar seine Familie zwischen die Fronten

Ihr Resultat bei den Wahlen in NRW zeigt deutlich, dass sie lediglich eine Randnotiz wert sind. Insgesamt haben beide Parteien zusammen ca. 0,4 Prozent der Stimmen erhalten. Und das gerade in dem Bundesland, indem sehr viele türkischstämmige Menschen leben.

Zudem sind unter diesen deutschen Bürgern auch viele Wähler, die nicht wählen würden, wenn es keine Erdogannahe Partei gäbe. Denn es ist ja auch hinlänglich bekannt, dass sich viele Sympathisanten Erdogans kaum für die deutsche Politik interessieren.

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Da die BIG-Partei dieses Jahr die Bundestagswahl boykottiert, wird für die Erdogan-Anhänger lediglich die ADD wählbar sein. Aber auch diese hat es nur unter sehr hohem Aufwand geschafft in NRW die Anzahl der benötigten 2000 Unterstützungsunterschriften zu sammeln, um auf die Landesliste zu kommen.

Auf andere Landeslisten hat es nicht gereicht. Auch daran lässt sich erkennen, dass Erdogans Einfluss auf die türkische Community mit deutscher Staatsbürgerschaft begrenzt ist.

Der Aufruhr war groß, als der türkische Staatspräsident zum Boykott der Bundestagwahl aufgerufen hat. Sein Einfluss unter den Türken mit deutscher Staatsbürgerschaft wird sich jedoch in Grenzen halten. Das sollte nicht nur der türkische Staatspräsident realisieren, sondern auch die deutsche Politik. Und nicht zuletzt die deutschen Medien.

Von Bülent Babür, Doktorand an der University of Bolton

In Deutschland gibt es 61,5 Millionen Wahlberechtigte – davon haben etwa 1,25 Millionen türkische Wurzeln.

Laut einer Umfrage des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) aus dem Jahr 2015 neigen knapp 70 Prozent der befragten Türkeistämmigen zu den Sozialdemokraten.

Allerdings sprachen sich beim Referendum im April 2017 auch 63 Prozent der Deutschtürken für Erdogan aus.

Erdogan wettert gegen die SPD – welchen Einfluss das auf die deutschtürkische Wählerschaft und die Bundestagswahl hat, wird sich im September zeigen.

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