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Aus diesem einfachen Grund kann Erdogan die Türkei nicht in einen islamischen Staat verwandeln

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Der türkische Präsident, Erdogan, verwies bei einem Besuch in den USA auf ein gemeinsames Erbe beider Länder. „Die Beziehung der Türkei und der USA haben sich auf gemeinsamen Werte und Interessen errichtet", sagte Erdogan in einer Pressekonferenz mit Donald Trump.

Jedoch, Erdogans Streben nach mehr Macht und den Transport des Islam ins öffentliche Leben, stellt die Frage, wie stark er an diesen demokratischen Werten interessiert ist. Werte, die das Erbe des türkischen Gründungsvaters, Mustafa Kemal Atatürk, sind.

Die Türkei ist auf dem Papier ein säkulares Land, obwohl ca. 85% der Bevölkerung Muslime sind. Bis 2002 war die Türkei kein muslimisches Land aber ein Land mit einer muslimischen Mehrheit innerhalb der Bevölkerung. Säkulare Türken, unter denen auch viele gläubige Muslime sind, weisen stolz auf diesen Unterschied.

Sie betonen wie wichtig es sei, dass man den Staat und die Moscheen voneinander trenne. Aus dieser Überzeugung ergeben sich auch Spannungen. Spannungen zwischen den Islamisten und Säkularen gehen auf die Gründung der türkischen Republik zurück. Die Geburt der türkischen Republik ist nämlich auch die Geburt der säkularen Türken und die Beerdigung des islamischen Osmanischen Reiches.

Zwischen türkischen Islamisten und Laizisten gibt es keine Meinungsverschiedenheit. Nein, es gibt einen Kampf. Ein Kampf um mehr oder weniger Demokratie, um mehr oder weniger Freiheiten. Es ist ein Kampf zwischen zwei unterschiedlichen türkischen Nationen.

Atatürks größter Erfolg ist die Abschaffung des Kalifats

Viele Porträts von Atatürk umgeben die Cevdet Pasa Caddesi in Istanbul. Sein dreiteiliger Anzug würde heutzutage stilistisch sehr modern wirken, aber ist er gleichzeitig ein stahlharter Modernisierer, was wiederum unmodern für die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts gewesen ist.

Durch seine blauen Augen starrt er in die Zukunft - eine Zukunft, in der die Türkei modern, wohlhabend, säkular und demokratisch ist. Die türkische Republik, wie wir sie kannten, wurde auf der Asche des Osmanischen Reiches durch ihren damaligen Obergeneral, Mustafa Kemal, später bekannt als Atatürk, errichtet.

Nachdem das Osmanische Reich eigentlich schon besiegt und von den Alliierten besetzt wurde, riss Atatürk die Macht an sich und befreite die Türken in einem hart umkämpften Unabhängigkeitskrieg. Die Unabhängigkeit gesichert, schaffte der türkische Volksheld die Legitimität des Sultans ab und errichtete, auf einem Teil des Osmanischen Reiches, die laizistische türkische Republik.

Als erster türkischer Präsident hat Atatürk Institutionen gegründet, um einen modernen und westlich orientierten Staat zu errichten. Die wichtigste Amtshandlung Atatürks war die Abschaffung des Kalifats. Das Osmanische Reich war das Zentrum des spirituellen Kalifats mit einem türkisch-osmanischen Herrscher, der gleichzeitig auch als Kalif gesehen wurde.

„Die Religion wird nicht mehr als politisches Instrument fungieren, wie es in der Vergangenheit gewesen ist", sagte Atatürk 1924 - zwei Tage bevor das Kalifat abgeschafft wurde. Einen Monat später wurden dann auch die Scharia-Gerichte verboten. Atatürk machte den Laizismus zum Gesicht der Türkischen Republik und zur Ideologie, die den Erhalt des Landes sichern sollten.

Erdogans Förderung des Islam

Im April gewann Erdogan eine Abstimmung, die seine Macht als Präsident dramatisch gesteigert hat. Sie garantiert ihm die Macht über politische Ämter, über die Bürokratie und über die Gerichte - Institutionen, die allesamt von Atatürk mit einem gewissen Grad an Freiheit im republikanischen System errichtet wurden.

Über 90 Jahre später bringt Erdogan den Islam ins öffentliche Leben zurück. Die Anfänge wurden schon durch den Militärputsch von 1980 gelegt, jedoch sind die derzeitigen Reformen die offizielle Beerdigung eines laizistischen Staates. Seit Beginn seiner Ära wandelte er säkulare Schulen in islamische Akademien, sogenannte Imam Hatips, um.

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Im Oktober 2016 startete dann der Minister für Religiöse Angelegenheiten eine einjährige Kampagne mit dem Namen „Moschee Woche". Der Slogan dieser Kampagne beinhaltete: „Wir gehen zur Moschee, wir lesen den Kuran" und „Lasst das Echo eurer Herzen in der Moschee widerhallen."

Dazu kommt, dass im Land im letzten Jahrzehnt eine fast schon explosionsartige Anzahl an Moscheebauten durchgeführt wurde. Als ein symbolisches Merkmal soll die Errichtung einer Moschee direkt neben dem Taksim-Platz in Istanbul wirken. Der Ort, der als „Monument der Republik" gesehen wird.

Erdogan kann die Türkei nicht in einen islamischen Staat verwandeln

Erdogan und die AKP unterstützen einen Soft-Islam, der Hand in Hand mit der neuen Orientierung in Richtung des Nahen-Ostens geht. Zu Ländern, die früher dem Osmanischen Reich angehörten. AKP-Mitglieder nennen es die "neue Türkei" oder Neo-Osmanismus.

Sie nennen sich die Enkel der Osmanen, Osmanli Torunu. Erdogans Unterstützung des Islamismus kann nur vollständig in diesem Licht verstanden werden. Ihr Ziel ist nicht, die Türkei in einen islamischen Staat zu verwandeln, sondern Istanbul wieder als politischen Führer der islamischen Welt zu betrachten.

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Auch wenn das Osmanische Reich ein islamisches Imperium gewesen ist - in einen islamischen Staat lässt sich die Türkei nicht mehr verwandeln. Zu stark ist die Türkei mit den Reformen Atatürks verwurzelt.

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Mit anderen Worten: Die Porträts Atatürks auf der Cevdest Pasa Caddesi wird Erdogan nicht abschaffen können. Zweifelsohne ist Atatürks Legitimität und Langlebigkeit für eine Ewigkeit vorhanden. Als könnte Atatürk in die Zukunft sehen hat er zur Gründung der Republik folgende Worte gesagt:

"Es ist ein schwacher Herrscher, der eine Religion braucht, um seine Regierung am Leben zu halten; es ist, als ob das Volk in eine Falle tappt. Jedoch wird unser Volk die Prinzipien der Demokratie, die Wahrheit und die Lehren der Wissenschaft lernen."

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