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Bevor ihr AfD wählt - bitte vergesst nicht, was wir Migranten für Deutschland getan haben

20/09/2017 11:29 CEST | Aktualisiert 20/09/2017 23:32 CEST
Wolfgang Rattay / Reuters

Ich habe ehrlich gesagt nur die jüngere Geschichte Deutschlands erleben dürfen.

Natürlich habe ich auch Diskriminierungen erfahren, aber diese waren überschaubar. Für mich war es geraden in solchen Zeiten wichtig, dass ich mich nicht von Deutschland abwende, sondern mich ihr noch mehr zuwende.

Auch in Zeiten, in denen faschistische Parteien wie die AFD mich versuchen auszugrenzen und loszuwerden.

Wir leben mittlerweile in dritter Generation in Deutschland

Als mein Opa in den 60er Jahren nach Deutschland gekommen ist, um seine Familie in der Türkei zu versorgen, war ihm nicht bewusst, dass auch die 3. Generation nach ihm noch in diesem Land leben wird. Dass er nicht nur gekommen ist, um zu arbeiten, sondern seine Nachfahren einen prägenden Teil dieser Gesellschaft ausmachen werden.

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Ich gebe zu: Mein Opa hatte wenig Kontakt zur deutschen Gesellschaft gehabt. Die Freizeit verbracht er mit seinen türkischen Freunden aus seinem Heimatort. Das kann man ihm auch nicht verübeln, denn ihm fehlten einfach Sprachkenntnisse.

Wenn er vom Metzger ein Huhn wollte, dann hat er mit angewinkelten Armen gewedelt, damit der Metzger wusste, was mein Opa von ihm wollte. Das hört sich zwar amüsant an, aber letztendlich ist das auch sehr anstrengend so in seinem Alltag zu kommunizieren.

Aber er hat hart gearbeitet und ein minimaler Teil des Bruttoinlandproduktes Deutschlands ist auch meinem Opa zu verdanken. Seine Arbeit war wirklich hart. In einem Stahlbetrieb bei 50 Grad Hitze zu arbeiten, das ist wirklich heftig. Heute würden wir die Umstände als menschenunwürdig bezeichnen.

Viele der Mitarbeiter waren Migranten. Irgendeiner musste die Arbeit ja machen. Ich kann diesen Menschen nur danken, dass Deutschland auch dank ihnen gewachsen ist.

Meine Eltern fühlen sich in Deutschland wohl, obwohl sie oft diskriminiert wurden

Meine beiden Elternteile hingegen haben weitaus mehr Kontakte zur deutschen Gesellschaft gepflegt, obwohl auch sie beide nicht hier geboren sind. Aber sie haben Sprachunterricht erhalten und besuchen Vereine. Mein Vater war beispielsweise mit dem Fußballverein festverwurzelt und man kennt ihn im Dorf Böhringen am Bodensee, in dem bis heute sehr wenige Ausländer leben.

Meine Eltern werden auch von ihren Nachbarn sehr geschätzt. Sie arbeiten seit mehreren Jahrzehnten in demselben Unternehmen. Auch wenn sie zeitweilig ihre Heimat, die Türkei, vermissen, fühlen sie sich in Deutschland sehr wohl.

Und das, obwohl sie sicherlich mehr Diskriminierungserfahrungen machen mussten, als einer aus meiner Generation. Sie erlebten eine Zeit, in der, der damalige Bundeskanzler, Helmut Kohl, das Ziel hatte die Hälfte aller Türken loszuwerden.

Doch wurde gerade in der Zeit von Schröder und Merkel wirklich viel getan, um das Leben in Deutschland für Migranten lebenswerter zu machen. Davon profitierte insbesondere meine Generation.

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Meine Familie hat Deutschland viel zu verdanken

Meine Schwester und ich sind in diesem Land voll angekommen. Wir sind die 3. Generation und wir unterscheiden unser Umfeld nicht nach Farbe oder Nationalität. Seit meinem 15. Lebensjahr bin ich Fußballtrainer und als damaliger Jugendleiter habe ich meine Schwester überredet, eine Jugendmannschaft zu trainieren.

Die Eltern und Spieler waren begeistert. Sie war eventuell die erste Jugendtrainerin überhaupt mit einem muslimischen Hintergrund. Neben meiner Tätigkeit als Jugendtrainer half ich ehrenamtlich, ohne einen Cent dafür zu erhalten, Kindern in der Schule. Es waren Kinder mit und ohne Migrationshintergrund.

Zudem haben Freunde und ich ein Benefizturnier für sozialschwache Kinder ins Leben gerufen, das in 5 Jahren mehr als 100.000 Euro Spenden gesammelt hat. Dabei habe ich persönlich Flüchtlingen geholfen, die jetzt in der ersten Generation vieles erleben, was echt unter die Haut geht. Dass man eigentlich nicht gewollt, sondern geduldet wird.

Meine Familie hat Deutschland sehr viel zu verdanken. Meine beiden Omas waren Analphabeten und meine Eltern haben nicht meinen Hauptschulabschluss, während ich gerade meinen Doktor in VWL mache.

Mehr zum Thema: Ein Verfassungsschützer hat die perfekte Antwort auf das Gepöbel der AfD

Das habe ich auch dem deutschen Bildungssystem zu verdanken, die mein Talent gefördert hat - ich lebe gerne hier.

Aber in der dritten Generation kann ich rückblickend betrachtet mit Stolz behaupten, dass auch Deutschland uns viel zu verdanken hat. Heute studieren Menschen, die ich persönlich gefördert habe. Niemand aus meiner Familie hat jemals eine Straftat begangen.

Für die AfD ist jeder Migrant ein schlechter Migrant

Und dennoch werden Menschen in den Bundestag gewählt, die mich mit Straftätern in einen Topf schmeißen. Für mein Aussehen kann ich nichts. Für meinen Namen genauso wenig. Aber das wird leider als Maßstab genommen, anstatt das, was ich für dieses Land schon in jungen Jahren geleistet habe.

Wenn Sie, liebe Bürgerinnen und Bürger, am 24. September ihre Stimme abgeben und gewillt sind bei der AfD ihr Kreuz zu machen:

Vergessen Sie nicht, dass auch die Familie Babür in diesem Land gut und gerne lebt. Die auch zum Wohl Deutschland etwas beigetragen hat. Und die auch Weiß, dass ab dem 24. September die AfD viel daransetzen wird, dass die Familie Babür ausgegrenzt wird.

Denn für die AfD ist jeder Migrant ein schlechter Migrant.

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