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Schöne Karotte, hässliche Karotte - Diese Menschen bekämpfen den Vegwerfwahnsinn in der Lebensmittelindustrie

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CARROTS
Avalon_Studio via Getty Images
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Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Food Innovations Netzwerk HERMANN'S.

Die zweite Folge unserer Serie DEEP DIVE beschäftigte sich mit der Lebensmittelverschwendung in den Industrieländern und mit einem amerikanischen Unternehmen, das dieses Problem mit einer innovativen Lösung angehen will. In Folge III wenden wir uns nun kosmetischen Fragen mit unschönen Folgen zu: All dem ungeliebten Obst und Gemüse, das zu Abfall wird, weil es den harschen Ansprüchen an Attraktivität nicht gewachsen ist − und obwohl ihm sonst nichts fehlt.

Von Schönheit geblendet

Werfen wir noch einmal einen Blick auf die Lebensmittelkette, diese schwer aus dem Tritt geratene Polonäse. Einen Blick auf all das Obst und Gemüse, dem Lieschen Müller, Otto Normalverbraucher und der Lebensmittelhandel erbarmungslos die Liebe verweigern, weil es ihren ästhetischen Ansprüchen nicht genügt.

Bei Karotten kommen Kurven nicht gut an und bei Zitronen keine Formexperimente oder Farbspiele. Dabei sind krumme Karotten und komische Zitronen gar nicht so selten. Wie ihnen ergeht es auch vielem anderen Obst und Gemüse, das hundertprozentig für den Verzehr geeignet wäre. Aber in den Regalen ist, wie beim Bikini-Auftritt der zukünftigen Miss America, makellose Perfektion gefragt: Innere Werte zählen nicht.

Diesem Schönheitswahn fällt laut Imperfect Produce allein in Amerika jedes fünfte Exemplar aus heimischer Erzeugung zum Opfer, indem es aussortiert und entsorgt wird, bevor der Verbraucher es überhaupt zu Gesicht bekommt. Gelinde gesagt, nicht gerade der Gipfel der Vernunft für ein Land, in dem immerhin jeder sechste Mensch von Hunger und Unterernährung bedroht ist. Vor allem, weil an den Produkten außer der Optik meist alles stimmt. (Oder landet bei Ihnen ein Geldschein in der Tonne, bloß weil er Ihnen zu zerknittert ist?)

Doch es gibt sie noch: Die Menschen und Firmen, denen es nicht nur auf Äußerlichkeiten ankommt. Sondern auf die inneren Werte. Und die der Verschwendung von Lebensmitteln, bei denen bis aufs Aussehen alles stimmt, ein Ende setzen wollen. Zum Beispiel Imperfect Produce in der Bay Area, Hungry Harvest in Baltimore-Washington und Philadelphia oder Perfectly Imperfect in Cleveland. Sie alle haben es sich zur Aufgabe gemacht, Lebensmittel mit kleinen Schönheitsfehlern vor dem Wegwerfen zu bewahren, einzusammeln und in den lokalen Handel zu bringen.

Food-Aktivist Jordan Jordan Figueiredo, der Kopf hinter der Website End Food Waste, erklärt: „Schon kleinste Makel im Erscheinungsbild lassen Lebensmittel zur Ausschussware werden. [...] Dafür reicht es meist, dass sie in Größe oder Form nur ein kleines Bisschen von der ‚Norm' abweichen; wirklich unappetitlich oder abstoßend sieht eigentlich kaum etwas aus."

Deswegen hat er auf seiner Website auch das Ugly Fruit & Veg Delivery Directory zusammengestellt, ein Verzeichnis von Lieferdiensten für die „hässlichen Entlein" unter den Lebensmitteln (und mit Anbietern auch außerhalb der USA wie Querfeld in Berlin oder Fruta Imperfeita in Brasilien).

Nicht minder wichtig: Sein Versuch, große national bzw. regional agierende amerikanische Lebensmittelketten wie Whole Foods, Wal-Mart und Albertsons davon zu überzeugen, Produkte ins Sortiment aufzunehmen, die optisch ein wenig aus der Reihe tanzen. Seine Initiative zum Schutz des Hässlichen trägt den schönen Titel: „Where the fork is your ugly produce?"

Und tatsächlich: Einige Supermärkte haben sich davon bereits provozieren lassen, im guten Sinne. Raley's, eine vor allem in Nordkalifornien und Nevada verbreitete Kette, startete 2015 in einigen Filialen ein Pilotprogramm zum Verkauf von Lebensmitteln, die dem Idealbild nicht entsprechen. Ähnlich Associated Foods in Utah.

2016 schloss sich Giant Eagle Supermarkets, eine der größten amerikanischen Supermarktketten, mit der Aktion Produce with Personality an, und noch für dieses Jahr hat Whole Foods angekündigt, „optisch benachteiligte Lebensmittel" in die Regale zu stellen.

Selbst Wal Mart zählt seit 2016 mit Aktionen wie „Spuglies"-Kartoffeln und „I'm Perfect"-Äpfeln zu den Bekehrten, steht allerdings unter Verdacht, rein werbestrategische Absichten damit zu verfolgen.

Liberté, Egalité, Fraternité - auch für Lebensmittel

So wichtig solche Initiativen wie die von Jordan Figueiredo auch sein mögen: Dass die „Freaks" unter den Lebensmitteln erst einmal ihren Weg in den Laden um die Ecke oder in den Supermarkt finden, bewahrt sie noch lange nicht vor einem Ende in der Mülltonne. Dort gesellen sie sich zu vielem anderen, was noch essbar wäre, aber dem Platzmangel oder dem Haltbarkeitsdatum weichen musste.

In den USA zumindest sind die rechtlichen Regelungen zum Mindesthaltbarkeitsdatum „unvollständig, schlecht definiert und werden uneinheitlich angewendet". Anders als allgemein angenommen, sind Lebensmittel, nur weil sie abgelaufen sind, übrigens noch nicht ungenießbar. Das Haltbarkeitsdatum ist insofern auch kein geeignetes Mittel für eine Warnung vor Gesundheitsgefahren.

Anders gesagt: Lebensmittel dürfen auch dann noch an den Verbraucher weitergegeben werden, wenn das Datum bereits abgelaufen ist. Nur machen die meisten Läden von dieser Regelung keinen Gebrauch.

Ins Stocken gerät die Polonäse der Nahrungsmittelindustrie also auch durch den Berg von Lebensmitteln, der in den Müllcontainern der Supermärkte landet. Erste Versuche, auf Druck von unten ordnend in dieses System einzugreifen, kommen aus Frankreich.

Von den 7,1 Millionen Tonnen an Nahrungsmitteln, die dort jedes Jahr weggeschmissen werden, gehen zwar lediglich 11 Prozent auf das Konto des Lebensmittelhandels − doch könnte diese Zahl demnächst sogar noch weiter sinken: Seit Dezember 2015 ist Frankreich das erste Land der Welt, das per Gesetz gegen die Verschwendung von Lebensmitteln vorgeht.

Es untersagt dem Großhandel, unverkaufte oder kurz vor dem Ablaufdatum stehende Nahrungsmittel wegzuwerfen oder für den Verzehr ungeeignet zu machen. Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes im Februar 2016 sind Supermärkte mit einer Fläche von mehr als 400 Quadratmetern verpflichtet, ein Abkommen mit einer karitativen Organisation für Lebensmittelspenden zu schließen.

Im Gegenzug wird den karitativen Organisationen die Verantwortung für das Einsammeln der Spenden sowie die sachgemäße Lagerung und Verteilung der Lebensmittel übertragen. Insbesondere wird es den Lebensmittelhandel verboten, entsorgte Nahrungsmittel absichtlich ungenießbar zu machen.

Nicht nur in Frankreich hat es sich nämlich zunehmend eingebürgert, dass zum Beispiel Chlor über Müllcontainer mit noch nutzbaren Lebensmitteln des Großhandels verteilt wird, um zu verhindern, dass Obdachlose oder Arme im Abfall nach Essbarem suchen. (Auf Zuwiderhandlungen gegen diese Verbote stehen, auch das ist nicht ganz unwichtig, Geldstrafen in Höhe von 3.750 Euro.)

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Frankreich in Sachen Lebensmittelschutz eine Vorreiterrolle übernimmt: 1984 wurde dort bereits die erste europäische Lebensmittelbank ins Leben gerufen. Mit dem Erreichten gibt sich Stadtrat Arash Derambarsh, der als Mitinitiator der Kampagne gegen die Lebensmittelverschwendung zu den treibenden Kräften hinter dem neuen Gesetz gehört, allerdings noch nicht zufrieden:

„Der nächste Schritt wird sein [dafür zu sorgen], dass dieses Gesetz bald auch EU-weit in Kraft tritt. Wir sind noch lange nicht am Ende mit unserem Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung. Jetzt geht es erst einmal den Restaurants, Bäckereien und Kantinen an den Kragen."

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Die Zahl der Menschen, die in einigen Jahren Burger, Steaks, und ja, auch Salat essen wollen, steigt dramatisch. Gleichzeitig sehen wir in vielen westlichen Gesellschaften die Folgen ungesunder Ernährung: Wir stehen vor einem Fett- und Zucker-Kollaps.

Doch es gibt längst Ideen und Lösungen für dieses globale Problem. Denen will sich die HuffPost in den nächsten Monaten mit Artikeln, Reports und Expertenbeiträgen widmen.

Dafür arbeiten wir mit der in Berlin entstehenden und von dem Kekshersteller Bahlsen finanzierten Plattform Hermann's zusammen, einer Art Denkfabrik für die Zukunft unserer Ernährung.

Die neue Plattform will die Köche, Wissenschaftler, Blogger, Unternehmer und Firmen zusammenbringen, die sich genau mit diesen Zukunftsfragen beschäftigen.

Die aktuellen Beiträge aus der Kooperation findet ihr hier.