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Nie wieder unreifes Obst und Pestizide im Essen - diese Technologien könnten die Lösung dafür sein

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Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Food Innovations Netzwerk HERMANN'S.

News aus der Abfallkette: Teil II

Im ersten Teil unserer regelmäßigen, umfassenden und mehrteiligen Updates zu Neuerungen in der globalen Nahrungskette beschäftigten wir uns mit der Abfallkette, bei der für den menschlichen Verzehr produzierte Nahrungsmittel verloren gehen oder verschwendet werden sowie mit einem Startup, das aktuell versucht, vor allem in Entwicklungsländern, gegen diesen Trend anzukämpfen.

Teil II unserer Reihe legt nun den Fokus auf die Industrienationen, insbesondere auf eine US-Firma, die gerade an etwas Neuem arbeitet:

Während in Entwicklungsländern 40% der Abfälle innerhalb der Ernte- und Verarbeitungsphasen entstehen, verschwenden in Industrienationen wie den USA allein der Einzelhandel und die Verbraucher mehr als 40% der Lebensmittel. Dies ist teilweise auf den allgemeinen Verderb von Lebensmitteln zurückzuführen, hängt jedoch ebenso mit mangelnder Resteverwertung (z.B. Traubenhäute in der Weinherstellung oder Brokkolistängel, usw.) sowie mit einer verzerrten Erwartungshaltung bei Endkonsumenten zusammen.

(Es gibt einen Grund dafür, wieso alle Äpfel gleich aussehen, alle Bananen dieselbe Krümmung aufweisen und keine Tomate braune Flecken hat: Die Lebensmittel, die anders aussehen, landen im Müll, noch bevor sie in den Obstkorb oder ins Gemüsefach gelangen. Nur schleppend verändert sich bei Konsumenten und Herstellern das Bild vom 'perfekten' Obst und Gemüse. Mehr dazu in Teil III unserer Serie.)

Im kalifornischen Santa Barbara sitzend, verwenden Apeel Sciences diese unbeliebten - für gewöhnlich als 'Abfall' bezeichneten - pflanzlichen Restprodukte, um daraus Edipeel und Invisipeel herzustellen: zwei unglaubliche, essbare Produkte, die in Zukunft einen wesentlichen Beitrag zur Reduktion von Pestiziden sowie zur Qualitätssteigerung und Verlängerung der Haltbarkeit von Obst und Gemüse leisten könnten.

Edipeel und Invisipeel sind beides „klare, geruchs- und geschmacksneutrale, gänzlich unscheinbare" Beschichtungen für Beeren, Bananen, Avocados und viele andere  Produkte. Dabei stellt Invisipeel eine wirkungsvolle Alternative zu herkömmlichen Pestiziden dar, indem es die jeweiligen Erzeugnisse für ihre Schädlinge (z.B. Bakterien, Pilze oder Insekten) im wahrsten Sinne des Wortes dadurch unkenntlich macht, dass es die pflanzeneigenen Moleküle mit einer den Schädlingen unbekannten, pflanzenbasierten Molekülschicht abdeckt.

Edipeel wiederum, ist jederzeit einsetzbar, um den natürlichen Verfall des jeweiligen Produktes zu bremsen, indem es einerseits Feuchtigkeit zurückbehält, andererseits Sauerstoff fernhält und somit - einen bisher unmöglichen - Einfluss auf den Reifeprozess des Obst und Gemüses nimmt. Business Insider zufolge, könnte Apeel zum Beispiel „ein Bündel gleicher Bananen dazu veranlassen, an je unterschiedlichen Tagen zu reifen".)

Die Vorteile von Invisipeel und Edipeel im Kampf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln entlang der Nahrungskette liegen auf der Hand. Invisipeel könnte bereits in der Anbau- und Erntephase Erträge steigern, Ernteverluste reduzieren sowie dem Einsatz von ungesunden Pestiziden vorbeugen.

Edipeel hingegen könnte Obst und Gemüse länger haltbar machen und gleichzeitig Konsumenten mit frischeren, reiferen Produkten versorgen, indem es Landwirte befähigt, jene im optimalen Reifezustand zu ernten. Im selben Zuge könnte Edipeel auch die negativen Umweltauswirkungen von Kühl- und Frischetransporten unterbinden, wenn diese dadurch gar überflüssig werden. Dies würde gleichzeitig den bislang dafür notwendigen Energieverbrauch senken.

Wie bei manch anderen Start-ups, noch vor Microsoft oder Apple, gründen auch die bescheidenen Anfänge von Apeel auf ersten Experimenten in einer Garage. Nur passend also, dass die Bill & Melinda Gates Foundation im Jahre 2012 Apeel mit einem Entwicklungszuschuss in Höhe von 100.000 US-Dollar unterstützte. Die Stiftung sah in der Arbeit von Apeel ein großes Potenzial für Afrika, vor allem in Bezug auf Kleinbauern: Die Maniokwurzel ist eine der dürreresistentesten Pflanzen weltweit und ein Grundnahrungsmittel in Afrika. Leider ist die Wurzel leicht verderblich, weshalb eine kommerzielle Nutzung für Kleinbauern bislang undenkbar war. Edipeel könnte dies ändern.

Auch größere Unternehmen haben bereits den Nutzen der Apeel-Produkte für sich erkannt: Bis dato erhielt das Start-up Venture Capital-Förderung in Höhe von über 40 Millionen US-Dollar.

Die Produkte könnten dazu beitragen, die Kohlenstoffbilanz eines Unternehmens zu verbessern, den Konsumenten eine höhere Vielfalt an Obst und Gemüse zu bieten sowie unserer Abhängigkeit von Pestiziden entgegenzuwirken, meint auch Vijay Pande von Andreessen Horowitz, einer der investierenden Firmen.

Tatsächlich könnten Edipeel und Invisipeel in Kombination für Konsumenten sogar noch einen gesundheitlichen Nutzen mit sich bringen. Denn viele der aktuell im Einzelhandel erhältlichen Nahrungsmittel sind mit einer Wachsschicht überzogen, um sie frisch zu halten oder zumindest den Anschein zu geben.

Die meisten dieser 'Wachse' sind firmeneigene Präparate, deren genaue Zusammensetzung nicht bekannt ist. Und da sie nicht als Lebensmittel gelten, unterliegen sie auch keiner Kennzeichnungspflicht. Endverbraucher können also nicht wissen, ob das verwendete 'Wachs' aus natürlichen, erdölbasierten oder gar aus tierischen Zusatzstoffen besteht. Die soeben verzehrte Birne könnte also alles andere als vegan sein. („Es ist vormittags, 11 Uhr. Du weißt genau, wo sich deine Kinder gerade aufhalten, aber weißt du auch, woraus dein Apfel besteht?")

Obwohl landwirtschaftliche Erzeugnisse vor dem Wachsen für gewöhnlich gereinigt werden, wiesen 70% der 48 neulich im Rahmen einer Untersuchung des US-Landwirtschaftsministeriums getesteten, gewachsten Erzeugnisse noch Überreste von Pestiziden auf (unter anderem sogar die geschälten Erzeugnisse). Insgesamt wurden dabei 178 unterschiedliche Pestizide und Abbaustoffe identifiziert.

Edipeel und Invisipeel könnten somit quasi zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Da sie aus pflanzlichen bzw. natürlichen, aus Obst und Gemüse gewonnenen Extrakten hergestellt werden, eignen sie sich zwar nicht für den biologischen Anbau, könnten jedoch in Kombination das endgültige Aus für Pestizid-Überreste und nicht-biologische oder nicht-vegane Wachse bedeuten.

Das Resultat wäre eine Win-win-Situation: Invisipeel und Edipeel sind 100% natürlich, reduzieren Abfall, indem sie sich Abfälle zunutze machen und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Umwelt, indem sie den Pestizideinsatz und Energieverbrauch verringern. Im weltweiten Kampf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln zeigt Apeel jedenfalls viel Versprechen.

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Die Zahl der Menschen, die in einigen Jahren Burger, Steaks, und ja, auch Salat essen wollen, steigt dramatisch. Gleichzeitig sehen wir in vielen westlichen Gesellschaften die Folgen ungesunder Ernährung: Wir stehen vor einem Fett- und Zucker-Kollaps.

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