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Glücksforschung als Glücksfall für die Ökonomik

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Paul Bradbury via Getty Images
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Die Glücksforschung hat das Feld der Ökonomie - um es überspitzt zu sagen - um den sozialen Menschen ergänzt. Wurde sie zu Beginn eher stiefmütterlich behandelt, gilt sie heute als sinnvolle Erweiterung der Standardökonomie. Die Glücksforschung weitet zudem den Blick weg von der "Sozialprodukt-Fixierung", die unentgeltliche Tätigkeiten nicht erfasst.

Von der Standardtheorie abweichende Ergebnisse der Glücksforschung


Die Glücksforschung hat im Laufe der letzten Jahre spannende und wichtige Ergebnisse erreicht. Manche von diesen Resultaten sind in der Standardökonomie - d.h. der Volkswirtschaftslehre, wie sie an Hochschulen und anderswo gelehrt wird - zur Kenntnis genommen worden. Unter den am besten bekannten Ergebnissen sind etwa zu nennen:

  • Personen mit höherem Einkommen bezeichnen sich selbst als glücklicher (ihre subjektive Lebenszufriedenheit ist höher) als Personen mit geringerem Einkommen. Bekannt ist aber auch, dass ein höheres Einkommen zunehmend weniger zusätzliche Lebenszufriedenheit stiftet. Menschen gewöhnen sich recht rasch an ein höheres Einkommen. Zudem vergleichen sie sich vorwiegend mit Personen höheren Einkommens, was ihr Glücksniveau beeinträchtigt.
  • Einer der wichtigsten Glückfaktoren sind befriedigende soziale Beziehungen. Wer viele gute Freunde hat und einen intensiven familiären Umgang pflegt, ist mit seinem oder ihrem Leben wesentlich zufriedener als eine sozial isolierte Person.
  • Gute körperliche und psychische Gesundheit ist einer der wichtigsten Glücksfaktoren. Es gilt auch der umgekehrte Zusammenhalt: wer glücklich ist, wird auch weniger durch ansteckende Krankheiten beeinträchtigt.
  • Wer den Vorzug hat in einer Demokratie zu leben, ist glücklicher. Zudem sind Menschen zufriedener, wenn möglichst viele politische Entscheidungen auf dezentraler Ebene getroffen werden.

Manche dieser Ergebnisse entsprechen weitgehend den Erwartungen von Ökonomen, nicht jedoch unbedingt dem Alltagsverständnis.

Dort wird häufig als selbstverständlich angenommen, dass Menschen in Entwicklungsländern glücklicher sind als solche, die in Ländern mit einem höheren Durchschnittseinkommen leben. Die empirische Forschung belegt mit zahlreichen unterschiedlichen internationalen Glücksdaten überwältigend, dass es stark glücksfördernd ist, in einem reicheren Land zu leben.

Viele Leute glauben auch, dass Künstler unglücklich sind, weil sie nur dann produktiv tätig sein und Neues schaffen könnten. Die empirische Forschung widerlegt auch diese Vermutung.

Einige wichtige Ergebnisse der Glücksforschung widersprechen jedoch der Sicht der Standardökonomik, die von rational handelnden und auf sich bezogenen Individuen ausgeht.

Im Folgenden wird jeweils nur die betrachtete Glücksdeterminante variiert; die Aussagen gelten ceteris paribus. Alle anderen Einflüsse werden konstant gehalten um sich auf die in Frage stehende Determinante zu konzentrieren. Die Ergebnisse stammen aus multiplen, nicht-linearen Schätzgleichungen, bei denen Dutzende von Bestimmungsgründen des Glücks gleichzeitig betrachtet werden.

Drei Ergebnisse seien beispielhaft aufgeführt.

  • Arbeitslose sind dramatisch unglücklicher als Personen, die eine Beschäftigung haben. Zu diesem Ergebnis kommt die Glücksforschung, selbst wenn im Rahmen der multiplen Regression das Einkommen der Arbeitslosen konstant gehalten wird.

    Aus Sicht der Standardökonomie ist seltsam, denn Arbeitslose sollten glücklicher sein. Sie müssen nicht arbeiten. Arbeit wird in dieser Theorie bekanntlich als eine Belastung oder als Kosten angesehen, aber empirisch trifft genau das Gegenteil zu.

  • Selbständige arbeiten mehr Stunden und härter als abhängig Beschäftigte. Außerdem beziehen sie im Durchschnitt ein geringeres Einkommen und sind einem höheren Risiko ausgesetzt. Dennoch zeigen sorgfältige empirische Untersuchungen, dass Selbständige glücklicher sind.
  • Gemäß der Standardökonomie erhöht mehr Geld und Freizeit den Nutzen. Empirische Untersuchungen in der Glücksforschung kommen zum gegenteiligen Ergebnis: Wer Geld spendet oder sich in der Freiwilligenarbeit engagiert ist glücklicher als solche Personen, die weniger oder nichts schenken.

Nachträgliche Erklärungen


Die moderne Volkswirtschaftslehre kann nachträglich überzeugende Erklärungen für Phänomene zu liefern. Diese Fähigkeit ist jedoch deutlich zu unterscheiden von den Voraussagen, die gemacht werden, bevor ein Untersuchungsergebnis vorliegt.

Zuweilen sind ex post Erklärungen wichtig, aber es ist von einer Wissenschaft auch zu erwarten, dass sie zutreffende Voraussagen machen kann.

Für die drei oben angefügten, der Standardökonomie widersprechende Befunde lassen sich Erklärungen anbieten, die ex post durchaus einer vernünftigen ökonomischen Argumentation entsprechen. Wiederum beispielshaft sollen einige Erklärungen genannt werden.

  • Bei gleichem Einkommen sind Arbeitslose unglücklicher. Dieses Ergebnis lässt sich nachträglich leicht erklären, indem zusätzliche Argumente in die Nutzenfunktion eingeführt werden.

    Wenn soziale Beziehungen, Anerkennung durch andere Personen und das Selbstwertgefühl den Nutzen wesentlich mitbestimmen, befinden sich Arbeitslose in einer ungünstigen Situation. Sie verlieren rasch soziale Kontakte, weil sie nicht mehr in einer Arbeitsumgebung sind und werden von anderen möglicherweise sogar verachtet.

    Vor allem leidet aber ihr Selbstwertgefühl. Diese negativen Einflüsse vermögen leicht den Vorteil eines arbeitslosen Einkommens zu überwiegen.

  • Selbständige sind glücklicher. Zur Erklärung genügt es, die Nutzenfunktion um Risikovorliebe zu erweitern. Wer selbständig arbeiten will, kann eine besonders ausgeprägte Risikovorliebe aufweisen.

    Der Befund lässt sich nachträglich auch durch systematisch falsche Erwartungen erklären: Die Erfolgschance wird überschätzt und das Risiko des Scheiterns unterschätzt. Möglicherweise sind auch die Kosten eines Scheiterns gering.

    Schließlich kann die Nutzenfunktion auch erweitert werden, indem der Autonomie einen Eigenwert zugesprochen wird.

  • Schenken macht glücklich. Anderen Personen wird in der Erwartung geholfen, dass die Beschenkten das Geschenk erwidern. Existiert eine derartige Reziprozität, kann es gemäß der auf Eigennutz aufbauenden Standardökonomie rational sein, anderen Menschen zu helfen.

    Selbst wenn dies nicht der Fall ist, können die Spendenden Anerkennung in der Gesellschaft erreichen. Sie zeigen damit, dass sie vermögend genug sind, um großzügig zu sein, was ihnen einen Aufstieg in eine höhere Gesellschaftsschicht ermöglichen kann.

Die angeführten Erklärungen sind sinnvoll und ohne weiteres in die ökonomische Theorie einzubauen. In jedem einzelnen Fall sind jedoch Zusatzannahmen notwendig, um zu einer befriedigenden Erklärung zu gelangen.

Dagegen ist nichts einzuwenden, solange die Zusatzannahmen nicht ad hoc eingeführt werden. Ist dies der Fall, lassen sich keine testbaren Hypothesen formulieren, was einem der Grundprinzipien der empirischen Forschung widerspricht.

Dies sei nochmals am Beispiel der Selbständigen erläutert. Die Standardökonomie würde sicherlich nicht voraussagen, dass, wer länger und härter arbeitet, weniger verdient und mehr Risiko trägt, einen höheren Nutzen hat als jemand, der eine leichte Arbeit verrichtet und dabei mit wenig Risiko mehr verdient.

Eine derartige Aussage ist nur dann nützlich, wenn sie systematisch aufgrund einer erweiterten Nutzenfunktion, in der insbesondere das Streben nach Autonomie und Risikovorliebe enthalten sind, entwickelt wird. Eine derartige Nutzenfunktion muss vor der Prognose spezifiziert werden.

Folgerungen


Die Glücksforschung kann in zweierlei Hinsicht als Glücksfall für die ökonomische Wissenschaft angesehen werden.

Erstens verdeutlicht die moderne, interdisziplinär und stark empirisch orientierte Glücksforschung die Grenzen der Standardökonomie. Sie öffnet den Blick auf neue Aspekte, die bisher in der ökonomischen Theorie nicht oder unzureichend berücksichtigt wurden.

Inhaltlich zählen dazu etwa soziale Kontakte und bestimmte politische Institutionen. Ebenso zählen dazu Werte wie Anerkennung, Autonomie oder der aus einem Prozess gewonnene Nutzen.

Die Standardökonomie wird sinnvoll erweitert, wenn derartige Aspekte und Werte von vornherein Teil einer umfassenderen Theorie werden. Dazu kann die Glücksforschung Wichtiges beitragen.

Zweitens vermittelt die Glücksforschung wichtige Einsichten für die Wirtschafts- und Sozialpolitik, die von der Fixierung auf das Sozialprodukt abweicht. Im Zuge der "Digitalisierung der Welt" sind wichtige Tätigkeiten unentgeltlich geworden und werden nicht mehr auf einem Markt abgewickelt.

Entsprechend werden sie durch das Sozialprodukt kaum oder gar nicht erfasst. Da Anerkennung durch andere Personen eine wesentliche Triebfeder menschlichen Handelns darstellt, wird Leistungsentlohnung fragwürdig und es bieten sich außer Geld auch andere Möglichkeiten (z.B. Auszeichnungen) an, um dieses Bedürfnis zu befriedigen.

Die Glücksforschung hat auch einen Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und psychischer Gesundheit festgestellt. In modernen Gesellschaften haben sich die Krankheitsbilder wesentlich verändert.

Hinsichtlich der physischen Gesundheit sind erhebliche Fortschritte erzielt worden, aber psychischen Krankheiten kommt immer mehr Bedeutung zu. Die Glücksforschung hat schon früh auf die große Bedeutung von Anerkennung und psychischer Gesundheit für das Wohlergehen hingewiesen.




Literatur

Die Belege zu den gemachten Aussagen finden sich in den folgenden Publikationen.

Zur Glücksforschung allgemein:

Dolan, Paul, Tessa Peasgood and Mathew White, Do we really know what makes us happy? A review of the economic literature on the factors associated with subjective well-being, Journal of Economic Psychology 29 (2008): 94-122.

Frey, Bruno S. und Alois Stutzer, Happiness Research: State and Prospects, Review of Social Economy (2005): 207-228.

Frey, Bruno S. und Claudia Frey Marti , Glück. Die Sicht der Ökonomie. Rüegger Verlag, Zürich/Chur, 2. Auflage 2010.

Zu Auszeichnungen:

Gallus, Jana und Bruno S. Frey. Awards: A Strategic Management Perspective, Strategic Management Journal 2015: DOI: 10.1002/smj.2415.

Zur mangelnden Erfassung digitaler Wirtschaftstätigkeit:

Frey, Bruno S., Roger Lüthi und Margit Osterloh. Community Enterprises--An Institutional Innovation. Managerial and Decision Economics 33 (2012):427-439.

Zu Lebenszufriedenheit und psychischer Gesundheit:

Layard, Richard, A New Priority for Mental Health. Centre for Economic Performance, London School of Economics, 2015.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Ökonomenstimme

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