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Ein Brief an meinen besten Freund, der sich das Leben genommen hat

30/09/2017 14:57 CEST | Aktualisiert 01/10/2017 09:59 CEST
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Der Verfasser des folgenden Beitrags möchte anonym bleiben, um die Privatsphäre der Familie und der Angehörigen seines Freundes zu wahren.

Ich vermisse dich.

Doch ich werde dich niemals für das verurteilen, was du getan hast.

Wie könnte ich, wo ich doch selbst weiß, wie es sich anfühlt, wenn man Selbstmordgedanken hat. Ich weiß, wie es ist, wenn man sich eingesperrt fühlt und denkt, dass das eigene Leben wertlos ist.

Ich weiß, dass die Gesellschaft dich für deine Tat verurteilt hat. Zum Zeitpunkt deines Todes war es in Indien noch ein Verbrechen, Selbstmord zu "begehen". Das bedeutet, du hättest vor dem Gesetz als Verbrecher gegolten, wenn du überlebt hättest.

Ich halte das für ungerecht. Statt dir zu helfen, hätte das Gesetz dich dafür bestraft, dass du psychisch krank bist. Mittlerweile wurde dieses Gesetz geändert, doch die Einstellung der Gesellschaft zu diesem Thema ist die gleiche geblieben.

Ich verstehe, warum du nicht offen darüber gesprochen hast

Apropos psychisch krank: Ich verstehe, warum du nicht offen darüber gesprochen hast, wie es dir geht. Der Ausdruck "psychisch krank" stößt in der indischen Gesellschaft nicht gerade auf Verständnis. Wenn die Leute das Wort "psychisch" hören, schalten sie sofort ab, denn wie wir alle wissen, wird der Ausdruck "psychisch" gleichgesetzt mit "verrückt" oder "bekloppt".

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Und "bekloppt" darf man natürlich nicht sein. Denn wie wir alle wissen, sind "Bekloppte" ja meist obdachlose und ungepflegte Personen, die zerlumpte Kleidung tragen und auf der Straße leben. Das sind keine Menschen wie "wir", die aus "guten Familien" stammen -- und die Geld und Jobs haben.

Außerdem ist es noch schlimmer, unter einer psychischen Erkrankung wie Depressionen zu leiden, wenn man ein Mann ist. Denn Männer dürfen schließlich nicht weinen. Sie dürfen sich nicht beklagen.

Stattdessen müssen sie stark sein. Sie sind der Fels in der Brandung für ihre Familien. Und wehe, wenn jemand herausfindet, dass dieser Fels innerlich zerbröckelt.

Ich wünschte, du hättest Hilfe bekommen

Doch ich wünschte, du hättest dich mir anvertraut. Ich wünschte, du hättest jemandem erzählt, wie sehr du leidest, und dass du dich von deinen Gefühlen überwältigt und gefangen fühlst. Und am meisten wünschte ich mir, du hättest die Hilfe bekommen, die du gebraucht hättest.

Stattdessen bin ich mir sicher, dass dir zur Bekämpfung deiner Depressionen gewiss das allseits beliebte Wundermittel einer Hochzeit vorgeschlagen wurde. Doch wie wir beide wissen, ist die Ehe in diesem Fall nichts weiter als ein Euphemismus für Sex.

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Ich verstehe es zwar nach wie vor nicht, doch ich weiß, dass Heiraten und Kinderkriegen oft als Allheilmittel für die verschiedensten Probleme verordnet wird -- unter anderem bei Vergewaltigungen, psychischen Erkrankungen, Homosexualität oder Depressionen.

Wie es scheint, ist das einzige Problem, das wir mit einer Ehe nicht lösen können, unser Bevölkerungsproblem.

Das hat dich jetzt zum Lachen gebracht, stimmt's? Ich vermisse dein Lachen so sehr.

Du warst für mich da, als meine Familie Hilfe brauchte. Du hast mir zugehört, als ich nach meiner Trennung monatelang weinte. Du hast mir versichert, dass du immer für mich da sein würdest, wenn ich dich bräuchte.

Du warst mein Fels in der Brandung, als mein eigener Lebensentwurf sich in einen Scherbenhaufen verwandelte.

Ich wünschte, ich hätte das Kissen sein können, das deine Probleme abfängt.

Dein Tod lastet auf all den Menschen, die dich lieben

Ich habe gesehen, wie deine Familie und deine Freunde zusammenbrachen, als du dir dein Leben nahmst. Wir hatten beide bereits bei anderen Menschen miterlebt, welche Folgen ein Selbstmord haben kann.

Der Tod ist für die Lebenden meist am schwersten zu ertragen. Und dein Tod lastet auf all den Menschen, die dich lieben. Und ja, das Leben hinkt weiter vor sich hin. Bei unserem letzten Gespräch hatten wir uns über die Menschen unterhalten, die wir verloren haben.

So sind wir Inder nun einmal. Wir sprechen nicht über Selbstmord. Wir sorgen dafür, dass Todesfälle durch Suizid in offiziellen Dokumenten nicht als Selbstmord aufgeführt werden. Wir verteidigen Familienmitglieder, die mit dem Stigma von Suizid leben müssen, in der Öffentlichkeit, während wir im Privaten mit einer Mischung aus Scham und Trauer über die Verstorbenen sprechen.

Ich werde dich niemals für das verurteilen, was du getan hast

Wir können nie ganz damit abschließen. Wir können nie richtig trauern oder über unsere Schuldgefühle sprechen. Wir sind alle mitverantwortlich, dass Selbstmord weiterhin als etwas gilt, wofür man sich schämen muss.

Ich werde dich niemals für das verurteilen, was du getan hast. Ich wünsche mir nur jeden Tag, du wärst gar nicht erst auf den Gedanken gekommen, dass du dir das Leben nehmen musst, um entkommen zu können.

Ich weiß, dass dir diese Entscheidung mit Sicherheit nicht leicht gefallen ist. Denn ich weiß, dass du dein Leben, deine Familie, gutes Essen, Freizeitparks und all die Dinge, die du zurückgelassen hast, geliebt hast, wenn deine Depressionen dich nicht gerade überwältigt haben.

Ich wünschte, ich hätte dir dabei helfen können, dass du dich anders entscheidest. Ich wünschte, ich hätte dir zuhören können.

Und an meinen schlimmsten Tagen wünsche ich mir, ich wäre mit dir gegangen.

Statistiken zufolge sterben jedes Jahr 800.000 Menschen an Selbstmord. Ungefähr 135.000 davon sind Inder. Das heißt, es gibt an jedem einzelnen Tag mehr als 365 Opfer.

Ich fühle mich schuldig

Und da Selbstmorde mit Scham und Stigmatisierung behaftet sind und insgesamt gerne vertuscht werden, sind diese Zahlen in Wirklichkeit wahrscheinlich noch höher. Und dann gibt es noch unglaublich viele Menschen auf der Welt, die gerade darüber nachdenken, sich ihr Leben zu nehmen, oder die tatsächlich Selbstmord begehen und dann doch überleben.

Doch hier geht es nicht um Statistiken. Es geht um Menschen. Es geht um das Leben. Es geht darum, dass ich dich nicht mehr bei mir habe. Es geht darum, dass ich mich schuldig fühle, weil ich nicht wusste, dass du gelitten hast. Es geht darum, dass ich mich schuldig fühle, weil ich für deinen Tod mitverantwortlich bin.

Und es geht darum, dass ich dich vermisse. An jedem einzelnen Tag.

Dein bester Freund

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

Hinweis der Redaktion: Wenn du selbst psychische Unterstäützung brauchst, kannst du dich an die Telefonseelsorge wenden. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Beim Jugendinformationszentrum München findest du zudem persönliche und telefonische Beratung für Kinder und Jugendliche. Telefonnummer: 089 550 521 50 (Sprechzeiten: Montag bis Freitag von 13 - 18 Uhr). Beratung für Eltern zum Thema Mobbing findest du unter 0800 111 0550 (Sprechzeiten: Mo. - Fr. 9.00 - 11.00 Uhr, Di und Do 17.00 - 19.00 Uhr).

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