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Ein Brief an meinen besten Freund, der sich das Leben genommen hat

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
SUIZID
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Der Verfasser des folgenden Beitrags m├Âchte anonym bleiben, um die Privatsph├Ąre der Familie und der Angeh├Ârigen seines Freundes zu wahren.

Ich vermisse dich.

Doch ich werde dich niemals f├╝r das verurteilen, was du getan hast.

Wie k├Ânnte ich, wo ich doch selbst wei├č, wie es sich anf├╝hlt, wenn man Selbstmordgedanken hat. Ich wei├č, wie es ist, wenn man sich eingesperrt f├╝hlt und denkt, dass das eigene Leben wertlos ist.

Ich wei├č, dass die Gesellschaft dich f├╝r deine Tat verurteilt hat. Zum Zeitpunkt deines Todes war es in Indien noch ein Verbrechen, Selbstmord zu "begehen". Das bedeutet, du h├Ąttest vor dem Gesetz als Verbrecher gegolten, wenn du ├╝berlebt h├Ąttest.

Ich halte das f├╝r ungerecht. Statt dir zu helfen, h├Ątte das Gesetz dich daf├╝r bestraft, dass du psychisch krank bist. Mittlerweile wurde dieses Gesetz ge├Ąndert, doch die Einstellung der Gesellschaft zu diesem Thema ist die gleiche geblieben.

Ich verstehe, warum du nicht offen dar├╝ber gesprochen hast

Apropos psychisch krank: Ich verstehe, warum du nicht offen dar├╝ber gesprochen hast, wie es dir geht. Der Ausdruck "psychisch krank" st├Â├čt in der indischen Gesellschaft nicht gerade auf Verst├Ąndnis. Wenn die Leute das Wort "psychisch" h├Âren, schalten sie sofort ab, denn wie wir alle wissen, wird der Ausdruck "psychisch" gleichgesetzt mit "verr├╝ckt" oder "bekloppt".

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Und "bekloppt" darf man nat├╝rlich nicht sein. Denn wie wir alle wissen, sind "Bekloppte" ja meist obdachlose und ungepflegte Personen, die zerlumpte Kleidung tragen und auf der Stra├če leben. Das sind keine Menschen wie "wir", die aus "guten Familien" stammen -- und die Geld und Jobs haben.

Au├čerdem ist es noch schlimmer, unter einer psychischen Erkrankung wie Depressionen zu leiden, wenn man ein Mann ist. Denn M├Ąnner d├╝rfen schlie├člich nicht weinen. Sie d├╝rfen sich nicht beklagen.

Stattdessen m├╝ssen sie stark sein. Sie sind der Fels in der Brandung f├╝r ihre Familien. Und wehe, wenn jemand herausfindet, dass dieser Fels innerlich zerbr├Âckelt.

Ich w├╝nschte, du h├Ąttest Hilfe bekommen

Doch ich w├╝nschte, du h├Ąttest dich mir anvertraut. Ich w├╝nschte, du h├Ąttest jemandem erz├Ąhlt, wie sehr du leidest, und dass du dich von deinen Gef├╝hlen ├╝berw├Ąltigt und gefangen f├╝hlst. Und am meisten w├╝nschte ich mir, du h├Ąttest die Hilfe bekommen, die du gebraucht h├Ąttest.

Stattdessen bin ich mir sicher, dass dir zur Bek├Ąmpfung deiner Depressionen gewiss das allseits beliebte Wundermittel einer Hochzeit vorgeschlagen wurde. Doch wie wir beide wissen, ist die Ehe in diesem Fall nichts weiter als ein Euphemismus f├╝r Sex.

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Ich verstehe es zwar nach wie vor nicht, doch ich wei├č, dass Heiraten und Kinderkriegen oft als Allheilmittel f├╝r die verschiedensten Probleme verordnet wird -- unter anderem bei Vergewaltigungen, psychischen Erkrankungen, Homosexualit├Ąt oder Depressionen.

Wie es scheint, ist das einzige Problem, das wir mit einer Ehe nicht l├Âsen k├Ânnen, unser Bev├Âlkerungsproblem.

Das hat dich jetzt zum Lachen gebracht, stimmt's? Ich vermisse dein Lachen so sehr.

Du warst f├╝r mich da, als meine Familie Hilfe brauchte. Du hast mir zugeh├Ârt, als ich nach meiner Trennung monatelang weinte. Du hast mir versichert, dass du immer f├╝r mich da sein w├╝rdest, wenn ich dich br├Ąuchte.

Du warst mein Fels in der Brandung, als mein eigener Lebensentwurf sich in einen Scherbenhaufen verwandelte.

Ich w├╝nschte, ich h├Ątte das Kissen sein k├Ânnen, das deine Probleme abf├Ąngt.

Dein Tod lastet auf all den Menschen, die dich lieben

Ich habe gesehen, wie deine Familie und deine Freunde zusammenbrachen, als du dir dein Leben nahmst. Wir hatten beide bereits bei anderen Menschen miterlebt, welche Folgen ein Selbstmord haben kann.

Der Tod ist f├╝r die Lebenden meist am schwersten zu ertragen. Und dein Tod lastet auf all den Menschen, die dich lieben. Und ja, das Leben hinkt weiter vor sich hin. Bei unserem letzten Gespr├Ąch hatten wir uns ├╝ber die Menschen unterhalten, die wir verloren haben.

So sind wir Inder nun einmal. Wir sprechen nicht ├╝ber Selbstmord. Wir sorgen daf├╝r, dass Todesf├Ąlle durch Suizid in offiziellen Dokumenten nicht als Selbstmord aufgef├╝hrt werden. Wir verteidigen Familienmitglieder, die mit dem Stigma von Suizid leben m├╝ssen, in der ├ľffentlichkeit, w├Ąhrend wir im Privaten mit einer Mischung aus Scham und Trauer ├╝ber die Verstorbenen sprechen.

Ich werde dich niemals f├╝r das verurteilen, was du getan hast

Wir k├Ânnen nie ganz damit abschlie├čen. Wir k├Ânnen nie richtig trauern oder ├╝ber unsere Schuldgef├╝hle sprechen. Wir sind alle mitverantwortlich, dass Selbstmord weiterhin als etwas gilt, wof├╝r man sich sch├Ąmen muss.

Ich werde dich niemals f├╝r das verurteilen, was du getan hast. Ich w├╝nsche mir nur jeden Tag, du w├Ąrst gar nicht erst auf den Gedanken gekommen, dass du dir das Leben nehmen musst, um entkommen zu k├Ânnen.

Ich wei├č, dass dir diese Entscheidung mit Sicherheit nicht leicht gefallen ist. Denn ich wei├č, dass du dein Leben, deine Familie, gutes Essen, Freizeitparks und all die Dinge, die du zur├╝ckgelassen hast, geliebt hast, wenn deine Depressionen dich nicht gerade ├╝berw├Ąltigt haben.

Ich w├╝nschte, ich h├Ątte dir dabei helfen k├Ânnen, dass du dich anders entscheidest. Ich w├╝nschte, ich h├Ątte dir zuh├Âren k├Ânnen.

Und an meinen schlimmsten Tagen w├╝nsche ich mir, ich w├Ąre mit dir gegangen.

Statistiken zufolge sterben jedes Jahr 800.000 Menschen an Selbstmord. Ungef├Ąhr 135.000 davon sind Inder. Das hei├čt, es gibt an jedem einzelnen Tag mehr als 365 Opfer.

Ich f├╝hle mich schuldig

Und da Selbstmorde mit Scham und Stigmatisierung behaftet sind und insgesamt gerne vertuscht werden, sind diese Zahlen in Wirklichkeit wahrscheinlich noch h├Âher. Und dann gibt es noch unglaublich viele Menschen auf der Welt, die gerade dar├╝ber nachdenken, sich ihr Leben zu nehmen, oder die tats├Ąchlich Selbstmord begehen und dann doch ├╝berleben.

Doch hier geht es nicht um Statistiken. Es geht um Menschen. Es geht um das Leben. Es geht darum, dass ich dich nicht mehr bei mir habe. Es geht darum, dass ich mich schuldig f├╝hle, weil ich nicht wusste, dass du gelitten hast. Es geht darum, dass ich mich schuldig f├╝hle, weil ich f├╝r deinen Tod mitverantwortlich bin.

Und es geht darum, dass ich dich vermisse. An jedem einzelnen Tag.

Dein bester Freund

Dieser Blog erschien urspr├╝nglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen ├╝bersetzt.

Hinweis der Redaktion: Wenn du selbst psychische Unterst├Ą├╝tzung brauchst, kannst du dich an die Telefonseelsorge wenden. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Beim Jugendinformationszentrum M├╝nchen findest du zudem pers├Ânliche und telefonische Beratung f├╝r Kinder und Jugendliche. Telefonnummer: 089 550 521 50 (Sprechzeiten: Montag bis Freitag von 13 - 18 Uhr). Beratung f├╝r Eltern zum Thema Mobbing findest du unter 0800 111 0550 (Sprechzeiten: Mo. - Fr. 9.00 - 11.00 Uhr, Di und Do 17.00 - 19.00 Uhr).