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Ich stehe auf Männer und auf Frauen, das macht mich aber nicht bisexuell

09/11/2015 09:29 CET | Aktualisiert 09/11/2016 11:12 CET
Eyecandy Images via Getty Images

Als ich etwa 22 Jahre alt war, fragte ich meine Mitbewohnerin, ob ich vielleicht bisexuell sei.

Ich habe mich immer als heterosexuell identifiziert, hatte eine handvoll Freunde und männlicher Sexualpartner gehabt, aber je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, dass ich mich auch zu Frauen hingezogen fühlte.

Ich finde nicht nur weibliche Gesichter schön oder den Stil, wie sie ihre Haare tragen. Ich finde (einige, nicht alle) Frauen körperlich anziehend, mitsamt ihren Körpern, ihren Brüsten und ihren Hintern.

Zu meiner Überraschung ging es meiner Mitbewohnerin genauso. "Frauen sind einfach attraktiver als Männer," sagte sie. "Aber das macht dich nicht zwangsläufig bisexuell."

Warum? Weil es einen Unterschied macht, ob du jemanden attraktiv findest oder ob du jemandem hinterhersteigst.

Ich möchte nicht mit Frauen intim werden (ob in Form von Sex, zärtlich sein oder kuscheln), aber ich habe diesen Impuls bei (einigen, nicht allen) Männern.

Und so war das eben. Bis jetzt.

Eine jetzt veröffentlichte Studie besagt, dass Frauen, die sich selbst als heterosexuell bezeichnen, in Wahrheit entweder bisexuell oder lesbisch sind, aber "niemals hetero".

Die Studie wurde an der University of Essex durchgeführt und hat die physiologischen Reaktionen von 345 Frauen auf Bilder von nackten Frauen und Männern analysiert. Die Forscher analysierten die Erweiterung der Pupillen. Die deute nämlich zu "100 Prozent" auf sexuelle Erregung hin (hat eine andere Studie der gleichen Universität Anfang des Jahres herausgefunden).

Das Ergebnis der Studie war, dass Frauen, die sich selbst als heterosexuell bezeichneten, beim Anblick von Nacktbildern von Frauen sexuell erregt waren. Diese Ergebnisse wurden mit denen von Frauen, die sich als lesbisch bezeichnen und heterosexuellen Männern verglichen. Nach Angaben der Forscher zeigten diese beiden Gruppen nur "sexuelle Erregung beim Anblick der Bilder des von ihnen bevorzugten Geschlechts".

Die Folgerung des Autors? Eine heterosexuelle Frau gibt es nicht.

Aber ich würde das gerne als Schwachsinn entlarven. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich meine Pupillen, wenn ich an der Studie teilgenommen hätte, auch geweitet hätten. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht hetero bin.

Die Tatsache, dass Menschen ihre Sexualität auf einem weiten Spektrum von Möglichkeiten ansiedeln, unterstütze ich aus vollem Herzen. Aber als Person, die sich selbst als heterosexuell bezeichnet, will ich mir nicht sagen lassen, dass es unmöglich sein soll, eine heterosexuelle Frau zu sein.

Die Implikation, dass ich mir nicht selbst über meine Sexualität bewusst sein könnte, ist beleidigend. Vor nicht allzu langer Zeit wurden Frauen jegliches sexuelles Vergnügen komplett verwehrt. Und jetzt soll ich akzeptieren, dass die letzten 27 Jahre meines Lebens eine Lüge waren. Nein, danke, Wissenschaft.

Der Grund, warum ich Frauen attraktiv finde, ist simpel.

Es vergeht kein Tag, an dem ich keine sexualisierte Darstellung einer Frau sehe. Der weibliche Körper ist eine Ware, die genutzt wird, um alles zu verkaufen - von Parfüm zu Milch.

Der weibliche Körper ist - egal, ob in traditioneller Pornografie, Musikvideos oder Werbung - immer und ausschließlich aus der "männlichen Perspektive" dargestellt. Als leicht zu haben und in einem sexuellen Kontext.

Ich bin in der "glorreichen Zeit" von Nuts, Loaded und Playboy aufgewachsen. Es ist also kein Wunder, dass ich andere Frauen sexuell ansprechend finde. Es ist fast so als wäre ich darauf konditioniert worden.

Die Gesellschaft sagt Frauen, dass ihr Wert vorwiegend in ihrer Attraktivität liegt - ob uns das nun gefällt oder nicht.

Wir haben das jeden Morgen im Hinterkopf, wenn wir uns schminken und aussuchen, was wir anziehen - ob wir wollen oder nicht.

Natürlich achten wir dadurch mehr auf andere Frauen und interessieren uns für sie - ob es dabei um das Kleid geht, dass eine Frau trägt, ihren Lippenstift oder ihre Figur.

Als heterosexuelle Frau, stimulieren mich Frauen und ja, meine Pupillen weiten sich wahrscheinlich, wenn ich sie anschaue. Aber das liegt nicht daran, dass ich gerne Sex mit ihnen hätte. Das ist komplizierter und tiefgründiger als es scheint.

Ich würde es niemals wagen, einer Person zu sagen, dass sie sich bei ihrer Sexualität irrt. Selbst wenn ich den ganzen Tag in einem Laborkittel herumlaufen würde. Nur man selbst weiß wirklich, wo man sich auf dem Sexualitätsspektrum befindet. Das gilt für alle sexuellen Orientierungen, auch die heterosexuelle.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post UK und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.

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