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Das Schimpfen auf „die Politik" ist kindisch

02/04/2017 13:26 CEST | Aktualisiert 02/04/2017 13:26 CEST
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Es gehört zur Herrschaftstradition, nach oben zu schauen. Wir erhoffen uns eigenes Wohlergehen von guten und fürchten uns vor bösen Mächten, die uns schaden oder gar vernichten könnten.

Doch jeder Blick nach oben bewirkt, dass sich der Betreffende klein und abhängig fühlt.

Genau das hat Obrigkeit so gewollt. Untertanen sollten sich als Kinder von Vater Staat und Mutter Kirche verstehen. Und diese haben solch geistige Muster derart tief verinnerlicht, dass sie heute noch wirken.

Auch Politiker jedweder Couleur argumentieren weiterhin in solche Richtung. Sie geben vor, dass sie für uns sorgen möchten, schüren Ängste und suggerieren dem Individuum eigene Schwäche. Sie behaupten, uns vor negativen Einflüssen zu schützen, lügen aber ihrer eigenen Machtgelüste wegen und geben leichtfertig unerfüllbare Versprechen.

Der „gute" Bürger will seinerseits gehorchen und erhofft sich wie in der Kindheit von seinen Eltern und längst vorher in der Bibel beschrieben, für sein braves Folgen Gerechtigkeit und Belohnungen von oben.

Umso wütender wird der „normale" Mensch, wenn er sich von „der Politik" „betrogen" fühlt. Das scheint vordergründig sogar berechtigt. Doch tiefer gesehen, bedeutet es nichts anderes, als den eigenen Blick weiterhin nach oben zu richten, die eigenen Verantwortungen dorthin zu schieben und wie Kinder wütend auf die unerfüllten Wünsche gegenüber den Eltern zu reagieren.

So kann Demokratie nicht funktionieren. - „Wir" bekommen immer die Regierung, die wir durch eigenes Engagement oder eigene Nachlässigkeiten verdienen.

Die Volksherrschaft, die der Begriff „Demokratie" in seiner ursprünglichen Bedeutung verheißt, kann nur gelingen, wenn das „Volk" seine Macht erkennt, der Einzelne seine Chancen begreift und sich mitverantwortlich an demokratischen Prozessen beteiligt.

Voraussetzung ist, die eigenen Interessen erst einmal deutlich wahrzunehmen und selbstbewusst dazu zu stehen - statt gleich auf ein ominöses Gemeinwohl zu schielen.

Es braucht die souveräne Selbstermächtigung des Einzelnen, um die eigene Mitverantwortung am großen Ganzen erkennen und Politiker als Dienstleister fürs eigene und gemeinsame Wohl in Anspruch zu nehmen. Doch auch sie sind Menschen. Sie können irren und den „Versuchungen" der Macht „erliegen".

Deshalb gilt es, sehr kritisch auf sie zu achten, niemals aber „die Politik" insgesamt zu verdammen. Keine Regierung und keine Partei kann und wird die eigenen Erwartungen jemals voll und ganz erfüllen - was auch gut so ist, weil keiner jemals eine allein selig machende Wahrheit besitzt.

„Das Volk" sind im übrigen nicht diejenigen, die am lautesten so schreien. Sondern wir alle. Unten wie oben. Wirklich alle.

Gute Lösungen werden deshalb niemals so einfach sein, wie sie am Stammtisch oder auf Facebook erscheinen. Alle Seiten gehören für ein gutes Zusammenspiel berücksichtigt - was voraussetzt, dass sie sich zeigen. Beim Wählen, beim Demonstrieren oder mit eigenen politischen Initiativen.

Kompromisse schaffen Ausgewogenheit.

Doch sie zu finden, macht Demokratie zu einem stets schwierigen „Geschäft".

Äußerste Vorsicht daher gegenüber allen Heilsversprechern und solchen, die „das Volk" zum Opfer oder gar Schwächere zu Feindbildern erklären!

Sich überhaupt besser mit keiner Partei verheiraten und an keiner eigenen Überzeugung kleben, sondern sich möglichst genau informieren und den eigenen Geist weiten, um nach innen wie außen offen zu bleiben und sachkundig werden.

Das ist anstrengend. Doch nur so kommt ein Mensch aus der kindlichen Perspektive heraus, um zu einem kompetenten Mitbürger zu reifen.

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