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Gleichberechtigung: Frauen und Männer müssen im Job zusammenarbeiten

22/09/2015 10:27 CEST | Aktualisiert 22/09/2016 11:12 CEST
Thinkstock

Ein Hamsterrad sieht von innen aus wie eine Karriereleiter. Erzähle ich das vor Männern, bleibt ihnen zunächst das Lachen im Halse stecken, nimmt dann aber seinen Gang: Es wird laut und schallend gelacht. Ganz anders die Frauen: Sage ich das in einer Runde mit Managerinnen, wird gelächelt.

„Ach", sagt dieses Lächeln, und: „Ach ja!" Hier und da ein Kichern. Ja, da haben wir uns wohl verlaufen! Häufiger leise Wehmut. Über den schicken Scheiteln türmen sich Gedankenwolken: „Mein Topexamen, das gab es nicht im Supermarkt." Wir sind falsch unterwegs? Das kann doch gar nicht sein!

Ja, schön wäre es. Wir Frauen sind einer Lüge auf den Leim gegangen. Die Lüge lautet: Wer fleißig ist, kann alles erreichen. Es ist eine Lüge, weil sie uns zwar zu Höchstleistung motiviert, aber Höchstleistung führt eben nicht unweigerlich in die Topetagen der Macht.

Höchstleistung führt - das wissen alle Frauen wie auch ich - in der Tat sehr, sehr schnell auf die Überholspur: an gleich gut ausgebildeten Männern vorbei direkt ins mittlere Management. Dort könnte es vielleicht weitergehen, doch auf keinen Fall mit Fleiß. Fleiß führt immer nur zu Quantität.

Und wer glaubt, dass Quantität irgendwann in Qualität umschlagen kann, dem sei nachträglich ins Poesiealbum geschrieben: Das passiert auf keinen Fall! Sie können daran glauben, bitte, doch es wird nicht geschehen. Wenn dann die Hoffnung zuletzt stirbt, sind Sie selbst innerlich möglicherweise längst tot.

Fleiß ist nicht mit Macht zu verwechseln

Hat man jemals „ganz oben" von einem fleißigen Mann gehört? Dorthin bringen es Männer mit Strategie, mit Macht, mit guten Netzwerken. Sie erreichen die Top-Positionen, indem sie die Spielregeln der Wirtschaft akzeptieren und mehr oder weniger bedingungslos befolgen.

Sprich: Hervorragend ausgebildete Männer, die in der Wirtschaft mit deren Regeln spielten, konnten bislang davon ausgehen, eine Spitzenposition einzunehmen, sobald die Zeit reif war. Fleiß aber hat mit Macht nicht das Geringste zu tun.

Dabei wollten Frauen doch die machtvollen Positionen stürmen! Wie bloß sind wir am Fleiß kleben geblieben? Sprechen wir nämlich von Gleichberechtigung, im Beruf wie auch im Privatleben, geht es gerade um einen neuen, einen anderen Umgang mit Macht. Und nicht um Fleiß.

Diese Fragen hat noch keiner gestellt

Inzwischen sehe ich, dass die Emanzipation uns Frauen zwar vieles gebracht, aber eine ganz zentrale Frage - ja die zentrale Frage - nicht gestellt, also auch nicht beantwortet hat:

  • Wie nämlich kommen wir, Frauen und Männer, bloß zukünftig gemeinsam weiter?
  • Wie sieht ein praxistaugliches Modell für ein Leben auf Augenhöhe aus?
  • Wie können sich Männer und Frauen, wie können sich die Geschlechter untereinander auf einer Ebene begegnen?
  • Was gibt es bereits an Lösungen, Ansätzen, Konzepten?

Wollen wir uns als Frauen und Männer miteinander überzeugend in vielfältigen Beziehungen durch unsere Leben bewegen, brauchen wir gesellschaftlich etwas anderes als Abwertung der einen und Aufwertung der anderen Gruppe.

Männer und Frauen müssen sich auf Augenhöhe begegnen

Wir benötigen mit großer Dringlichkeit ein Projekt unter der Überschrift „Leben auf Augenhöhe für alle". Es geht nicht nur um die „Gleichberechtigung der Frau", sondern um die Gestaltung von Augenhöhe für beide Geschlechter und damit um einen gesellschaftlichen Umbau, der die Potenziale von Männern und Frauen gleichermaßen wertschätzt und wirksam werden lässt.

Für diese Augenhöhe scheint mir es mir wichtig, die kulturell eingeübten Mechanismen zu erkennen und die uns nicht präsenten, aber vorhandenen blinden Flecken aufzudecken.

Mein Wunsch: Diese „Gesellschaft im Umbruch" ein Stück als eine „gemeinsame Gesellschaft für Männer und Frauen" voranzubringen. Wichtig erschient mir dabei, die Begrenzungen von Objektivität („Es sind doch schon alle gleich!") und Quantität („Mehr Frauen machen bessere Abschlüsse") hinter mir zu lassen.

Nieder mit den Hierarchien!

Es geht nicht nur darum, dass wir als Frauen die Möglichkeit erkennen und nutzen, aus alten Rollen und ihren überholten Begrenzungen auszusteigen. Es geht um viel mehr: Es geht um das klare Vorantreiben des bislang erst begonnenen Ausstiegs aus der gewohnten männlichen Vorherrschaft und seiner wichtigsten Stütze, der Hierarchie.

Hierarchie liefert uns das bekannte und „bewährte" Oben und Unten. Wir wissen, wo wir in Relation zu einer Vergleichsgruppe stehen, können uns einordnen im Wettbewerb und kennen so unseren Platz.

Wenn wir aus einem solchen System aussteigen wollen, bedarf es Veränderungen nicht nur im Selbstverständnis der einzelnen Personen - wie es etwa das Vertrauen auf die eigene Innensteuerung liefert - sondern gleichermaßen von gesellschaftlichen Zielen, Werten, Paradigmen.

Für mich geht es dabei vor allem um eines: um einen neuen Umgang mit Macht. Das scheint mir der stärkste Motor für eine andere Gesellschaft zu sein.

Frau Prof. Dr. Brigitte Witzer ist Autorin des Buchs Die Fleißlüge: Warum Frauen im Hamsterrad landen und Männer im Vorstand

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