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Nach dem Germanwings-Flug 4U9525 ist nichts, wie es mal war

28/08/2015 11:13 CEST | Aktualisiert 28/08/2016 11:12 CEST
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Katastrophen begleiten das Leben. In der Regel sind wir darin die Zuschauer, wobei wir jenseits der Bühne sitzen. Wir trauern um die Toten, stellen uns ihre Pein vor und fühlen mit deren Angehörigen, denen wir normalerweise nie begegnet sind.

Womöglich weinen wir vor dem Fernseher, am Radio, wenn Berichte über derartiger Tragödien auftauchen. Die Welle des Mitgefühls, aber auch der Hilfsbereitschaft ist in solchen Fällen enorm. Der Gedanke «Ein Glück, das es mich nicht getroffen hat« zwängt sich regelrecht auf. Das ist verständlich.

Und plötzlich passiert es.

Die Unwahrscheinlichkeit in eine Katastrophe verwickelt zu sein, trifft einen. Leider musste ich das erfahren. Für mich ist die Welt seit dem 24.03.2015, 10.41 Uhr, eine andere geworden.

Alle Passagiere sowie die Crew des Airbuses A320 wurden während des Germanwings-Fluges 4U9525 von Barcelona nach Düsseldorf an einen Felsen geschmettert. Niemand überlebte. Sie fielen einem Massenmord zum Opfer. Darunter mein 37-jähriger Sohn Jens. Der Copilot riss sie perfide in den Tod ...

Mit dem Tod der Eltern (Mutter starb erst im vergangenen Jahr), habe ich mich so leidlich abgefunden, weil sie ein hohes Alter erreichten. Diese Art zu sterben ist der normale Lauf des Daseins.

Tod und Siechtum meiner besten Freundin, die einem bösartigen Gehirntumor erlag, waren grausam. Jedoch Krankheit ist ein Bestandteil unserer Natur.

Besondere Umstände bestehen bei Tod durch Unfall oder Naturkatastrophen. Aber hier handelt es sich um einen Massenmord. Um einen Massenmord, bei dem Passagiere und Crew regelrecht in Stücke zerfetzt wurden (in den Medien fiel das Wort »pulverisiert«).

Der Copilot erhöhte vor dem Aufprall die Geschwindigkeit des Flugzeugs.

Viele Angehörige wissen, was von ihren Lieben übrig geblieben ist, was sich in den Särgen befand, die aus Südfrankreich in die Heimatländer überführt wurden.

Die sterblichen Überreste, deren DNA nicht ermittelt werden konnte, liegen in einem zweiten Grab auf dem Friedhof von Le Vernet, in der Nähe der Unglücksstelle. Eine Identifizierung ist unmöglich, weil zum Beispiel die Körper der Opfer durch die Wucht des Aufschlagens auf den Fels derart ineinander gepresst wurden, dass für die Pathologen die unterschiedliche DNA nicht zu trennen ist.

Das dritte Grab befindet sich in den Bergen am Ort des fürchterlichen Geschehens, da die Mehrheit der menschlichen Reste nicht aufgefunden werden konnte. Mit all dem müssen sich diejenigen, die dem Verstorbenen nahestehen, abfinden. Und das ist verdammt schwer!

Immerhin sind wir Angehörigen untereinander vernetzt. Wir treffen uns in regelmäßigen Abständen. Die Zusammenkünfte, die von der Notfallseelsorge in Düsseldorf organisiert werden, dienen dem Austausch von Informationen und Gefühlen, der Trauerbewältigung, usw.

Es ist wichtig, fremde Hilfe anzunehmen, denn unser Leben hat sich total verändert.

Psychologen können hilfreich sein, aber nur, wenn sie Erfahrungen auf den Gebieten Trauer bzw. Traumabehandlung besitzen. Allerdings sind eine intakte Familie oder positive Freunde durch nichts zu ersetzen.

Der Antrieb für viele Aktivitäten fehlt, man kann sich nur schwer zu etwas zwingen. Erst nach fünf Monaten schaffte ich es, ein Buch zur Hand zu nehmen, um zu lesen.

Jeden Abend zünden mein Mann und ich eine Kerze für Jens an. Wir besuchen ihn oft am Grab. Dank der bunten Blumen und Gräser, die wir gepflanzt haben, hat es für mich seinen Schrecken verloren, obwohl sich die Urne unseres Kindes darin befindet. Wir wären an der Reihe gewesen!!!

Bei der Verarbeitung der fürchterlichen Geschehnisse hilft mir das Spiel mit den Worten. Beispielsweise schlug die Psychologin vor, einen Brief an den Copiloten zu verfassen, um die aufgestaute Wut, die ich für den Massenmörder empfinde, abzubauen. Vor meinem inneren Auge musste er tüchtig leiden. Es half tatsächlich.

Aus diesem Grund arbeite ich auch an einem Blog, in dem ich in Tagebuchform, zunächst noch aus der Rückschau, die jeweiligen Erlebnisse aufschreibe. Wer sich dafür interessiert, den lade ich gern ein, mich zu begleiten.

Hier der Link zu meinem Blog https://seelenrisse.wordpress.com/.


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