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Ein Licht umkreist die Welt

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CANDLE
Stephen Swintek via Getty Images
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»Menschen, die uns gut oder kaum kennen, wünschen einen schönen Advent. Man macht das so, es ist gut gemeint und üblich. Allerdings zersplittern dabei meine Gefühle. Ich überspiele den seelischen Schmerz, setze eine freundliche Miene auf und erwidere dasselbe, um die Etikette zu wahren.

Was bleibt mir anderes übrig? Erklärungen sind kompliziert.
Noch im vorigen Monat ist es mir gelungen, den Dezember vollkommen zu verdrängen. Um so größer war der Stich, den ich im Herzen empfand, als ich die erste Weihnachtsdekoration auf den Straßen sah. Ich war regelrecht überrascht. Plötzlich ist Advent. Die Zeit bis Weihnachten wird täglich überschaubarer ...«

Jeden Tag zünde ich für meinen Sohn eine Kerze an. Ich vermisse ihn so sehr. Ein selbstmörderischer Copilot riss ihn sowie alle Passagiere und die Crew mit sich in den Tod. Er entschied über das Ende ihrer Leben. Sie stiegen in Barcelona voller Vertrauen in den Airbus, um nach Düsseldorf zu fliegen. Niemals kamen sie dort an.

Er zerschmetterte sie am 24. März 2015 an einer Felswand in den südfranzösischen Alpen. Sie wurden ermordet.

Seitdem ist die Schwere des Daseins mein treuester Feind. Ich suche Wege, sie zu erleichtern. Kerzen helfen für den Augenblick. Ihr Licht ist Sinnbild des Seins und durchbricht die Dunkelheit, die uns umgibt. Ein Windhauch bringt es zum Flackern oder gar zum Erlöschen. Genau so kann es uns ergehen, jederzeit können wir sterben. Die Zukunft ist ungewiss.
Die Kerze braucht sich auf, um in ihrer Schönheit zu erstrahlen, bis ihre Flamme erlischt.

Für mich ist sie ein Symbol für den Übergang von einer Daseinsform in eine andere. Schaue ich in das Kerzenlicht, fällt mir die Zwiesprache mit Jens erstaunlich leicht. Er durfte 37 Jahre leben. Er hatte Ziele, Hoffnungen und Träume, die gewaltsam beendet wurden.

»Ein Versuch, uns zu überreden, in den Wald zu fahren, um dort einen Weihnachtsbaum zu schlagen, ist gescheitert. Dennoch, ein kleines Bäumchen im Blumentopf haben wir gekauft. Es steht auf dem Grab unseres Sohnes, geschmückt mit bunten Minikugeln, die im Schein von Kerzen aufblitzen ...«

Am 11. Dezember 2016 werde ich ein Licht der besonderen Art zum Leuchten bringen. Es wird mich mit Gleichgesinnten rund um den Erdball vereinen, die zeitgleich eine Kerze anzünden, um ihrer verstorbenen Kinder zu gedenken. Ich fühle mich zu dem Brauch hingezogen.

Das weltweite Kerzenleuchten (The Worldwide Candle Lighting) findet jährlich am zweiten Sonntag im Dezember statt. 19.00 Uhr lokaler Zeit stellen Familien angezündete Kerzen für eine Stunde sichtbar in das Fenster. Durch die entsprechende Verschiebung in den unterschiedlichen Zeitzonen wandern ihre Flammen in 24 Stunden um die Welt.

Dieses Jahr fällt der Tag auf den dritten Advent. Speziell in den Dezembermonaten wird der grausame Verlust bewusst.

»Es ist wie jedes Jahr. Die Verkaufsstände bieten Lebkuchen, Stollen, Weihnachtsschmuck, Edelsteine, Kerzen, usw. an. An Imbiss- und Glühweinständen mangelt es nicht. Sie verbreiten weihnachtlich gewürzte Düfte, die in meine Nase krauchen. Die Bildsequenzen, die dabei die Erinnerung aus den Tiefen des Gehirns hervorwühlen, quälen und schmerzen. Aus den Lautsprechern dringt Weihnachtsmusik zu mir herüber. Sie vermehren den Fluss der wehmütigen Momentaufnahmen vergangener glücklicher Zeiten. Wie verbringt man nach solch fürchterlichen Monaten die Wochen, die uns gegenwärtig überrollen?

Das bevorstehende Fest ist in unserer Kultur massiv verankert und für die meisten Familien mit besonderen Gefühlen und Traditionen verbunden.

Die Festtage in Deutschland zu ignorieren, ist schwieriger, als ich zunächst angenommen hatte ...«

Die angeführten Zitate entstammen meinem Blog »Seelenrisse«, in dem ich in Tagebuchform aus der Rückschau heraus versuche, das schreckliche Geschehen zu verarbeiten. Damit möchte ich Jens und allen Verstorbenen des mörderischen Fluges 4U9525 ein Denkmal setzen. Es besteht nicht aus Stein, nicht aus Metall und Holz. Worte formen es.

Um so mehr freue ich mich, dass das Internettagebuch derzeit in die englische, französische, spanische und japanische Sprache übersetzt wird.

Die Kerze, die ich am dritten Advent in das Fenster stelle, soll ein globales Zeichen dafür sein, dass unsere verstorbenen Lieben niemals vergessen sind.
Brigitte Voß

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