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"Oh, dein Deutsch ist aber gut!" und andere Begegnungen mit der Mikroaggression

Veröffentlicht: Aktualisiert:
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Tom Williams via Getty Images
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Ich hatte einen Liter Kaffee sowie anderthalb Tafeln Schokolade intus und drückte mich gekonnt vor meinem Vorhaben den Kühlschrank zu putzen, als eine Freundin mit der Bitte anrief, zwei Dokumente für sie zu übersetzen.

"Aber natürlich!", verkündete ich und warf mich bereitwillig in die Arbeit.
Als vier Stunden später sich besagte Freundin in einer Mail für meinen selbstlosen Einsatz bedankte - wieder also war ich dem Putzplan entkommen - stand in einer Zeile:
"Ich vergesse immer, dass du sowas kannst. Dein Deutsch ist so gut. Da bleibst du mir nicht als Ausländerin im Kopf hängen. Haha! [...]"

"Oh", runzelte ich die Stirn und schloss die Mail. Und wieder sagte ich "Oh", sobald ich darüber nachdachte, wie oft mir so etwas tagtäglich passierte. Dann aber wusste ich, worüber ich schreiben musste.

Komplimente, die keine sind

Jeder fängt klein an; ich war vier, als meine Eltern, mit ehrlicher Mühe und Not, versuchten, mir vor dem ersten Kindergartentag einige Brocken Deutsch beizubringen. Die einzigen Worte, die hafteten, waren "Nein" und "Steckdose".

Heute meine ich, etwas Eloquenz dazu gelernt zu haben.

Immerhin schrieb ich 12 lange Jahre meine Hausaufgaben, Entschuldigungsbriefe und Prüfungen auf Deutsch; stürzte mich ins Studium -  auf Deutsch; und kommunizierte, soweit meine introvertierte Persönlichkeit es zuließ, mit anderen Menschen -  auf Deutsch.

Auch wenn ich das aber dem hübschen Barkeeper im Pub so erzähle, wird er, so wahr wie ich hier sitze, nach dem Gespräch über ihn und mich und über unsere Herkunft, mit ehrlich netter Absicht sagen:

"Dein Deutsch ist auch echt gut!"

Und wenn ich daraufhin wieder die Stirn runzle, wird er verletzt sein, dass sein Kompliment nicht als solches bei mir ankam.

Nach einigen Jahren der Frustration über solche Situationen fiel in einem Unikurs schließlich das Zauberwort:

Mikroaggressionen

nennt man diese Wunder der Halbkomplimente.
Und weil Wikipedia furchtbar praktisch ist, will ich der Seite zur Mikroaggression eine knappe Erklärung entnehmen:

Darunter werden kurze, alltägliche Äußerungen verstanden, die an die andere Person abwertende Botschaften senden, welche sich auf deren Gruppenzugehörigkeit beziehen.

Die Äußerungen sind besonders tragisch, weil die Äußernden sich oft ihrer Rolle als Erzeuger von Mikroaggressionen nicht im Klaren sind.

"Das war doch ein Lob!", "So war das nicht gemeint", "Die meisten Ausländer, ja - aber du ja nicht."

Sie meinen, etwas Nettes zu sagen - das ist auch der Grund, weshalb diese Situationen verdammt schwierig sind.

Niemand kann einem Menschen böse sein, der ehrlich gutes tun will, auch wenn er dabei am Ziel vorbeischießt.

Ach, weil du Ausländer bist...

In der fünften Klasse fragten mich einmal zum Beispiel Klassenkameraden, ob es mir in Deutschland gefiele - und ob ich denn gar nicht weg wollte.

"Ich weiß es nicht", entgegnete ich verwirrt.

Nie hatte ich darüber nachgedacht anderswo zu leben - warum auch? Hier war ich aufgewachsen, hier waren meine Freunde und mein Zimmer  - wo sollte ich sonst hin?

"Aber würdest du zurückwollen? Du gehörst doch nach Ungarn."

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Sie meinten es nicht böse; die Fragen aber taten dadurch nicht weniger weh. Den kompletten Heimweg über heulte ich auf offener Straße - mit Rotz und Wasser und Schluckauf.

Der Subtext sagte mir nämlich, dass das Leben in meiner Heimat nicht selbstverständlich war, weil ich nicht dazugehörte.

Zahlreiche Gespräche später - meine Eltern bewiesen gewaltige Geduld - verstand ich, dass mich niemand aus meiner Heimat scheuchen wollte.

"Sie sind nur überrascht und neugierig."

Ich fühlte mich plötzlich dumm. War alles etwa meine Schuld? Machte ich ein Palaver um nichts?
Aus Verunsicherung darüber, ob und wann ich böse über Bemerkungen sein sollte und wollte, sagte ich doch lieber nichts; legte mir bald ein dickes Fell zu und gewöhnte mich an die Fragen oder Kommentare.

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Irgendwann schmiedete ich Schutzschilder aus ihnen, indem ich alle vorwegnahm und über meine Herkunft selbst Späße machte.

Das heißt, bis selbst mir eine Situation zu bunt wurde.

"Du hast einen seltsamen Humor", sagte mir eine neue Bekannte - nennen wir sie Nadja.
"Aus welchem Land kommst du denn?", fragte sie kurz darauf, als sie meinen Nachnamen geschrieben sah. "Naja", überlegte ich, wieder nahe einer Existenzkrise; sollte oder sollte ich nicht ehrlich sein?

"Ich bin Deutsche - nein, warte, nicht nur; ich bin auch Ungarin"
"Ach, daher dein seltsamer Humor!"
Für sie war die Sache damit geklärt.
Für mich, fing sie erst an.

Ich glaubte nämlich fest daran, dass "deutscher" Humor -  oder "hier x-beliebigen Ländernamen einsetzen" Humor nicht als solcher existierte.

Wir sind ein kompliziertes Mosaik aus vielen, vielen Faktoren unseres Lebens. Wo wir geboren wurden und wo wir aufwachsen, ist nur ein Teil davon.

In der Welt der Globalisierung werden wir Reizen und Einflüssen ausgesetzt, dass unsere Entwicklung mehr von der Zeit abhängt, die wir mit diesen Einflüssen verbringen, als was in unserem Pass steht.

Ich erklärte also Nadja, dass mein Humor einfach schlecht war - nicht weil mir meine Mutter Gulasch zum Abendessen kochte oder ich als Kind nie eine Folge Sandmann gesehen hatte; es war eine Entwicklung, die jedem - ob nun mit oder ohne Migrationshintergrund -  genau so hätte passieren können.

Mikroaggression umgehen

Vorweg: ich habe nicht das ultimative Rezept. Ich kann nur aufschreiben, was ich mir in meiner Kindheit und Jugend gewünscht hätte - und insgeheim mir heute noch manchmal wünsche.
Obwohl der Migrationshintergrund ein wichtiger Teil einer Persönlichkeit sein kann, ist er nicht der Kern.

Warum nicht einfach denken: wie würde ich dieses Kind loben, wenn es von deutschen Eltern wäre? Was würde ich das Mädchen, die junge Frau denn fragen? Welche Komplimente würde ich diesem Jungen oder jungen Mann denn machen?

Die Nationalität ins Zentrum zu stellen kommt schnell und einfach, weil sie ein offensichtlich breites Themenspektrum bietet und das Gespräch garantiert nicht ins Stocken kommt. Es sollte jedoch nicht das sein, was die Person ausmacht.

Wenn jemand anders ist, ist das nicht unbedingt darauf zurückzuführen, dass er oder sie aus der Türkei, aus Tschechien oder der Ukraine kommt.

Das anzunehmen ist eine bequeme Abkürzung und unfair der Person gegenüber.
Wenn jemand hier aufgewachsen ist, sollte es keine Überraschung sein, dass er oder sie gut integriert lebt, sich gewählt auszudrücken weiß - auch wenn dieser Jemand dazu steht woher er oder sie denn ursprünglich kommt.

Es ist bestimmt lustig zu lesen, dass mich jeder neue Bekannte, sofern sich zufällig herausstellt, dass auch ein ungarischer Personalausweis neben meinem deutschen Perso lauert, mich für meine Sprache lobt.

Das wäre aber, als würde ich dich jetzt dafür loben, dass du nicht vergisst, zu atmen.
Und vielleicht sieht da mancher kein Problem; oder es interessiert niemanden, ob und welches Problem da nun besteht.

- wenn jemand aber nur eine Sache aus diesem Artikel behält, dann sei es die Idee, dass niemand aus einem Land aufgebaut wurde.

Zu einem vollkommenen Menschen gehört so viel mehr.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei medium.com

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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