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Der Nackenkuss und andere Formen der ungewollten Aufmerksamkeit im beschwipsten Zustand

Veröffentlicht: Aktualisiert:
NACKENUSS
iStock
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Inmitten dichter Rauchschwaden umklammerte ich mein Radler, gespannt auf das Ende einer Erzählung unter der dröhnenden Musik.

Entschlossen trotz des Lärms im Pub nichts zu verpassen, lehnte ich mich vor, doch die Pointe zog just an mir vorbei. Schon geschehen, schon erzählt; alle lachten, ich ärgerte mich.
Als die anderen bald an der Bar Getränke holten, lehnte ich mich erneut vor; diesmal, um Matze* zu fragen, wie die Geschichte ausgegangen war.

"Der Junge hat die Wette verloren und musste sich nackt an die Laterne fesseln lassen"
"Oha!", erwiderte ich, "Ist das nicht ein bisschen krass?"
"Nicht so krass, wie dein Ausschnitt"
Ich blinzelte verdutzt.
"Wie bitte?"
Es lag wohl am leichten Hörsturz, dass ich ihn gewiss missverstanden hatte. Er deutete auf mein Oberteil und grinste breit:
"Gefällt mir"
Irritiert runzelte ich die Stirn.
"Ach so, gefällt dir, ja? Sag bloß du bist neidisch!"
"Wie? Auf die Möpse?"

Meine Finger zuckten gefährlich; die Idee, ihm mein Radler in den Schoß zu kippen, klang ehrlich verführerisch.

"Ja, auf die Möpse. Weißt du was? Ich gebe dir die Nummer meines Chirurgen, dann kannst du dir deine auch machen lassen"
"Chill mal", erwiderte er, "Wo denkst du hin?"

Mein Radler blieb, wo es war. Zum Verschwenden hatte ich nicht genug Geld. Es wurde lediglich ein Schal um mein bescheidenes Dekolleté drapiert und Matze fortan ignoriert, während ich meine Kriterien, anhand der ich mir meine Freunde wählte, den restlichen Abend stark überdachte.

Nonverbaler Genuss
Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass wir zum Glück frei über unsere jeweiligen Körper verfügen.
Jede und jeder ist mit ihren/seinen Absichten dabei völlig individuell und man darf folglich nicht pauschalisieren.

Manche Frauen und Männer putzen sich durchaus heraus, um angebaggert zu werden; manche mögen es vielleicht sogar, wenn der Gegenüber etwas draufgängerischer ist; andere wiederum nicht.

Das würde einen unangebrachten Kommentar dennoch nicht rechtfertigen -- und schon gar nichts, was darüber hinaus geht. Dazu jedoch später mehr.

Persönlich gehe ich davon aus, dass man sich hübsch macht, weil einem danach ist. Ich will mich in meiner Haut wohlfühlen, Sachen tragen, die mir im Spiegel gut gefallen -- ohne Agenda.

Das Aussehen halte ich im Sinne des l´art pour l´art, das Kunstwerk, der Kunst willen -- und ja, jeder Mensch ist ein Kunstwerk; der menschliche Körper ist mit all seinen Ecken und Kanten, seinen Rundungen, Linien und Dellen nämlich wunderbar ästhetisch.

Und diese Ästhetik ist an sich Grund genug darauf zu achten, womit man ihr denn schmeichelt. Wenn das zufällig ein tiefer geschnittenes Oberteil sein sollte -- dann soll es nunmal so sein.
Meine Mutter gab mir früher diesen Blick "willst du das wirklich anziehen?" sagte mir "pass auf, nicht dass du provozierst" -- Mama, das habe ich gewiss nicht im Sinn.

Falls sich aber andere dennoch provoziert fühlen sollten, so denke ich mir:

Wenn ich mich davon abhalten kann, offensichtlichen Idioten mit ihren Kommentaren und Patschehänden zu sagen, dass sie offensichtliche Idioten sind -- obwohl sie mich ehrlich mehr provozieren, als ein Ausschnitt dazu je im Stande wäre -- dann sollte es meinem Gegenüber ebenso ein Leichtes sein scheußliche Kommentare streng zu schlucken.

Und wenn das passend gute Betonen den eventuellen Nebeneffekt hat, dass andere sich daran auch erfreuen, ist das für mich persönlich völlig in Ordnung -- solange das leise und/oder respektvoll vonstattengeht.

Das primäre Ziel ist für mich jedoch definitiv mein Wohlbefinden.

Und das hat Matze an dem Abend wiederum definitiv gestört.

"Ich war schon etwas angetrunken", entschuldigte er sich am nächsten Tag in einem genuschelten Nebensatz -- oh Junge, ist das jedoch ein schlechtes Argument.

Warum Trunkenheit keine Ausrede ist
"Sorry, dass ich das ganze Nutellaglas aufgegessen habe; ich war betrunken"
"Es tut mir leid, dass ich deinen Ficus aus dem Fenster geworfen habe; ich war betrunken"
"Ach ja, ich habe den Ofen aus Versehen die Nacht angelassen; ich war betrunken"
"Tschuldige, dass ich dein 'Nein' ignoriert habe; ich war betrunken"
"Es tut mir leid, dass ich dich blutig geschlagen habe; ich war betrunken"
"Entschuldigen Sie, dass ich Ihren Sohn überfahren habe. Ich war betrunken"

Wenn du gefährlich wirst, sobald du trinkst, dann trink nicht. Wenn du dich nicht kontrollieren kannst, Leute provozierst oder sie belästigst -- dann wieder: trink nicht. So einfach ist das.

Das Musterbeispiel
Lange bevor ich Matze überhaupt kennenlernte, saß ich in einer anderen Runde voller Freunde in einem anderen Pub -- nur, dass ich diesmal keinen Ausschnitt vorzuweisen hatte; lediglich einen Reißverschluss an meiner Schulter.

Die Musik plärrte, der Rauch stieg hoch, weil sich jeder eine Zigarette zündete, um das vielte Bier besser genießen zu können.

Mal gute, mal schlechtere Witze flogen in die Runde; ernste Themen kamen, gingen und machten lustigeren Anekdoten oder Ideen Platz, danach versanken wir in einen trunkenen Tiefsinn; ich war dabei, den Abend fröhlich-zufrieden als gelungen abzustempeln, als sich eine Hand auf meine Schulter legte.

"Du hast wirklich schöne Schultern", nuschelte Alex*. Ich fragte mich, wie das zum Thema der politischen Umstände Ostasiens passte und rückte ein Stück von ihm weg.
"Danke, wirklich. Aber lass das, bitte"
Es schien, als hätte er es begriffen und ich hörte den anderen weiterhin zu. Die meisten lallten schon stark und bei einem war ich mir sicher, dass er schlief.
Ich überlegte, ihn zu wecken, bevor er vom Barhocker fiel, auf denen wir versammelt saßen. Ich kam aber nicht dazu, weil ich wieder eine Hand spürte -- diesmal am Schulterverschluss meines Kleides.
"Das ist ja lustig", lallte Alex, nun mit der anderen Hand in meinem Nacken.
Für einen Augenblick gefror ich, im nächsten knallte ich meinen Bierkrug auf den Tisch und schob seine Hand fort; daraufhin war die andere aber wieder da.

Die Situation wurde mir furchtbar peinlich -- das ist etwas, was ich hier, im sicheren Umfeld meiner Wohnung, an meinem säuselnden Laptop sitzend, nicht verstehe.

Warum war mir etwas peinlich, das nicht in meiner Verantwortung lag?

Wenn mir Leute auf der Straße hinterherrufen, wenn mir Autos hinterherhupen oder Fremde torkelnd meinen Arm packen, mich an sich ziehen-- warum ist MIR das peinlich, ihnen aber nicht?

"Alex, lass das!", knurrte ich bitter. Plötzlich ging alles ganz schnell. Er hatte mich umarmt, ich drückte ihn weg -- wieder war er ganz nah und küsste ungeniert meinen Nacken.

Eine kleine Geste, die aber meinen Vertrauen zu ihm sofort brach. Bis heute habe ich ihm nicht verziehen, dass ich an dem Abend zwei Mal duschte, weil ich mich so dreckig fühlte.

Zum Schluss
Wir sind uns hoffentlich alle einig, dass Vergewaltigung und Missbrauch furchtbare Dinge sind.

Aber sind wir uns auch darüber einig, dass unangebrachte Kommentare, ungewolltes Anfassen und auch ungewollte Aufmerksamkeit -- ob nun von Mann zu Frau oder umgekehrt -- generell schlecht sind?

Die meisten scheinen das zu fühlen; die darauf folgende Entschuldigung oder das beschämte, unangenehme Schweigen in der Gegenwart des jeweils anderen bestätigen das.

Andere jedoch finden nichts an diesem Verhalten aus zusetzen.

"Du hast provoziert" "Der kurze Rock!" "Der Ausschnitt!" "Der Reißverschluss"
- oder ganz einfach, wie wir aussehen, sitzen oder atmen; es gibt immer einen Grund, es gibt immer Ausreden.

Daran werde ich mit diesem Artikel alleine nichts ändern können.

Aber vielleicht, vielleicht liest sich das jemand durch und unterdrückt eine Bemerkung das nächste Mal -- oder ist schlauer, wortgewandter als ich und kann das Gefühl der Scham, der Verantwortung abwerfen, um den anderen ordentlich die Meinung zu geigen;

ob nun von Mann zu Frau oder von Frau zu Mann.

Jeder verdient Respekt und Wertschätzung für seinen Körper -- was Matze und Alex gemacht haben, fiel leider nicht in diese zwei Kategorien.

*Namen sowie unwesentliche Details der Umstände wurden Zwecks Identitätsschutzes geändert

Dieser Text erschien zuerst auf medium.com.

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