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Bitte eines Außenseiters: "Seid komisch!"

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Als Kind behindert zu sein ist ganz schön anders, als viele Leute glauben. Die meisten Menschen meinen, dass wir unsere Zeit damit verbringen, mit unseren Problemen umgehen zu lernen oder uns fragen, wie wir uns akzeptieren können für das, was wir sind. Das trifft wahrscheinlich auf einige auch zu, aber ich schätze, das ist eher die Ausnahme als die Regel. Ich habe zum Beispiel mehr Zeit damit verbracht, herauszufinden, was mit allen anderen nicht stimmt. Und die restliche Zeit habe ich damit verbracht, mich an diese defekten Lebewesen anzupassen.

Denk mal so darüber nach: Als Kind wird dir beigebracht, dass jeder auf seine eigene Art und Weise besonders ist. Niemand ist besser als die anderen. Jeder ist ein kleiner, leuchtender, wunderschöner Stern. Unsere Verschiedenheit macht uns besser.

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Mein Problem war, dass ich nicht wirklich herausfinden konnte, was alle Anderen besonders macht. Ein Beispiel: Im Sportunterricht sollten wir Runden laufen. Erstens musste ich nicht nur am Sportunterricht teilnehmen, sondern auch Runden in meinem Rollstuhl drehen - das führte dazu, dass ich schon im jungen Alter die Intelligenz der Erwachsenen um mich herum anzweifelte.

Behinderte Menschen betrachten die Welt mit anderen Augen

Zweitens war ich im Rundendrehen viel besser als alle anderen. Ich war schneller. Ich tat so, als wäre ich erschöpft, weil ich beobachtete, wie erschöpft die anderen waren, aber eigentlich kam ich nie so richtig aus der Puste. Das heißt: Wenn du die Welt mal durch meine Augen betrachtest, war ich bei Weitem der Beste in Sport.

Generell musst du verstehen, dass behinderte Menschen die Welt mit anderen Augen betrachten. Deine Annahmen über deine Welt sind nicht dieselben wie meine.

Als ich in der zweiten Klasse war, hatte ich eine Babysitterin namens Mary. Weil wir nur einen Fernseher hatten, haben Mary und ich eine Abmachung getroffen. Wenn ich „Zeit der Sehnsucht" mit ihr schauen würde, würde sie die „Power Rangers" und Adam Wests „Batman" mit mir gucken.

Kleiner Einschub: Wenn du mich als Menschen verstehen willst, musst du nur den letzten Satz noch mal lesen und du hast schon 90 Prozent geschafft.

Es war so: Ich fühlte mich mit Batman verbunden, weil ich gesehen habe, wie Michael Keaton als Batman eine Rüstung trug. Wegen meiner Wirbelsäulenkrümmung habe ich ein Stützkorsett um Brust und Rücken getragen. Es sah ungefähr so aus:

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Was ich damit versuche zu sagen, ist: Ich dachte, ich wäre Batman. Wie gesagt, denk mal aus meiner Perspektive darüber nach. Hatte ich mehr gemeinsam mit den Darstellern von „Zeit der Sehnsucht", die mit Gesichtsausdrücken in die Kamera starrten, die niemand in der Realität machen würde, oder war ich eher dem Typen in der Rüstung ähnlich, der die Welt retten wollte?

Ich sah mich selbst als Superheld

Mein absurdes Dasein habe ich noch gesteigert, indem ich die anderen Kinder in der Pause in meine Brust boxen ließ. Es tat ein wenig weh, aber ihren Händen schmerzten noch viel mehr.

Von meiner Perspektive aus also konnte ich länger und schneller rennen als alle anderen (inklusive der Erwachsenen), ohne wirklich müde zu werden, und ich hatte eine Rüstung. Während andere mich als behindert sahen, sah ich mich selbst als Superheld. Wenn die Leute sagten, sie hätten Mitleid mit mir, und ich wusste wirklich nicht was sie meinten.

Noch ein kleiner Einschub: Ich bin nicht wirklich stolz auf diese kleine Geschichte (was völlig gelogen ist), aber eine andere Sache, die ich mit Batman gemeinsam hatte, waren die Sound-Effekte. Kinder tun immer so, als würden sie einander bekämpfen. In der großen Pause haben sie so getan, als würden sie ihren Feind treten, während dieser simulieren würde, dass er blockt.

Ich bin einfach nur zu ihnen gefahren und habe gesagt: „Bumm!" Wenn sie gefragt haben, was passiert sei, habe ich gesagt, dass ich sie gerade ins Gesicht geschlagen hätte und es zu schnell gewesen wäre, als dass sie den Schlag abblocken hätten können. Das heißt, ich war auch besser im Kämpfen als meine Freunde, ohne, dass ich mich auch nur einen Millimeter bewegt hätte. Ich konnte einfach nur zu den anderen Kindern fahren und sagen: „Bumm!" und sie sind umgefallen.

Ich war ein ziemlicher Arsch, aber wer war da schon nachtragend?

Dann gibt es Momente, wenn behinderte Kinder versuchen, sich anzupassen. In der fünften Klasse habe ich beschlossen, Pfadfinder zu werden, weil alle anderen das auch gemacht haben.

Ich muss mich nicht anpassen

Das Problem war, so richtig gut geklappt hat das nicht. Die Aufgabe, um unser erstes Abzeichen zu bekommen, war, dass jeder bestimmte Sachen in einer Schnitzeljagd finden musste. Weil ich da nicht mitmachen konnte, musste ich warten, bis alle anderen ihre Aufgaben erledigt hatten, damit ich dann meine „Spezial-Aufgabe" bekommen konnte.

Nachdem sie fertig waren, meinte der Gruppenführer, ich sollte einmal quer über das Fußballfeld fahren, den Fahnenmast anfassen und dann zurückkommen. Alle applaudierten und ich bekam mein erstes Abzeichen. Dafür, dass ich über ein Feld gefahren bin.

Das war der Moment, in dem ich beschloss, ich muss mich nicht anpassen. Vielleicht waren die Pfadfinder einfach nicht mein Ding.

Was du verstehen musst, wenn es um behinderte Menschen geht: Wir sind nicht komisch, weil wir behindert sind. Jeder ist auf eigene Art und Weise komisch. Wir sind ganz normal komisch.

Ein gutes Beispiel: Ich verstehe Farben nicht und ich habe sie noch nie verstanden. Meine Eltern dachten sogar, ich sei farbenblind. Als ich klein war, zeigt meine Mutter auf eine Blume und fragte mich, welche Farbe das sei.

„Keine Ahnung", sagte ich. „Das ist halt eine Blume."

Die Farbe war mir einfach nicht wichtig. Es ist eine Blume. Sie hat Farben.

Das hab ich schon verstanden.

Schließlich hat es mich doch genervt, dass alle immer gefragt haben, also habe ich das Spiel eben mitgespielt. Wenn meine Mutter mir die Farbe nannte, habe ich sie mir gemerkt und sie genannt, wenn nötig.

„Rot, blau, grün. Siehst du, ich kenne die Farben."

Sie war echt stolz und konnte es kaum abwarten, meinem Vater von ihrem kleinen Sieg zu berichten. Wenn sie auf eine Blume zeigte habe ich es trotzdem nicht hinbekommen.

„Nein, Bryan. Die ist blau", sagte sie.

„Mama, das ist eine Blume."

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Erstmal waren meine Eltern ernsthaft besorgt. Dann haben sie verstanden, was da eigentlich gerade passiert: Egal, auf welche Blume sie zeigen würden, ich würde sagen: rot, dann blau, dann grün. Ich habe mir nicht die eigentlichen Farben gemerkt, sondern die Abfolge der Wörter.

Es geht darum, das zu sein, was dich ausmacht

Die einzige Möglichkeit, mich dazu zu bringen, mehr auf Farben zu achten, war, mir das Spiel Candyland zu kaufen. Du kannst Candyland nicht spielen, wenn du Farben nicht kennst.

Und ich mochte es nicht, zu verlieren.

Ein Sprung in die Gegenwart: Ich interessiere mich immer noch nicht für Farben. Wir haben vor ein paar Wochen ein Spiel zur Führungskompetenz in meiner Arbeit gespielt und wir sollten den Geruch eines Nahrungsmittels als Farbe beschreiben. Zwei meiner Kollegen sagten Magenta, um etwas zu beschreiben, und alle anderen nickten zustimmend. Ich fühlte, wie sich mein Magen zusammenzog und wurde still. Was zur Hölle ist Magenta? Wahrscheinlich Gelb, dachte ich mir. Nach dem Meeting schoss ich zu meinem Schreibtisch und googelte Magenta.

Es ist nicht mal ein bisschen gelb.

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Behindert zu sein macht dich anders. Das ist einfach so, und das ist nicht nur schlecht. Es geht darum, das zu sein, was dich ausmacht, und das dann auszubauen. Meiner Erfahrung nach solltest du genau das sein, egal was es ist. Egal wie komisch es ist. Denn je komischer es ist, desto normaler werde ich. Tu es für mich.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf medium.com

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