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"Wir können euch alles mögliche glauben lassen": Die Beichte eines professionellen Fake-Produzenten

05/05/2017 15:09 CEST | Aktualisiert 05/05/2017 15:09 CEST
Yuri_Arcurs via Getty Images

Ich und tausend andere Menschen auf der Welt haben Berufe gelernt, um euch zu täuschen - und ich muss gestehen: Ich liebe es.

Wir können euch alles mögliche glauben lassen. Ohne, dass ihr es wisst, haben wir euren Verstand umgekehrt, damit ihre eine neuen Realität hinnehmt. Und wir sind ihre Architekten. Manchmal passiert das in einem sehr kleinen, manchmal in einem sehr großen Maßstab.

Wie? Durch Sehkraft. Den Sinn, dem die Menschen am meisten trauen. Täusche die Augen und der Verstand wird folgen wie ein hungriger Welpe. Ich garantiere euch, dass ihr diese Täuschung auch schon erlebt habt, wenn auch vollkommen unbewusst.

Nein, wir sind keine militärische Geheimeinheit. Bieten wir "Fake News" an? Naja, nicht wirklich. Aber seht ihr? Irgendwie habe ich euch schon auf eine falsche Fährte gelockt.

Ihr werdet dauernd getäuscht

Ich bin in der Filmindustrie - genauer gesagt bin ich zuständig für visuelle Effekte. Ich habe schon mitgeholfen, Charaktere für Filme wie Ghostbusters zu erschaffen, eine große Menge an Effekten für weitere Filme zu gestalten und noch mehr für Fernsehwerbung.

Wie Falter zu einer Kerze fühlen sich Zuschauer zu großartigen Comicbuch Spektakeln hingezogen - mit glänzenden Charakteren, Robotern, Explosionen und verrückten Weltraum-Abenteuern. Sie sehen sich Werbespots an, die die Augen (und damit das Gehirn) beschäftigen - Firmen wissen das.

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Aber das ist nicht, worüber ich reden möchte - wir alle glauben schließlich nicht an bewaffnete, sprechende Waschbären sehen, die durch das Weltall reisen. Ich will hier über das banale, das weniger glitzernde schreiben - offen gesagt, den viel umfangreicheren Teil der Branche.

Wir Künstler der visuellen Effekte haben die Aufgabe, Louisiana wie New Mexico aussehen zu lassen, Menschen aus der Szenerie wegzunehmen und hinzuzufügen, Gesichter zu ersetzen und Worte zu verändern, die die Menschen sagen. Wir erschaffen völlig computergenerierte Landschaften. Und all das kauft ihr uns ab.

Was kann eine Fälschung schon anrichten?

Warum? Unser größtes Ziel ist es, alles so erscheinen zu lassen, als gäbe es uns gar nicht und wirklich ist es am besten, wenn wir unsichtbar sind. Im Kontext von Entertainment sind diese unsichtbaren Abänderungen vollkommen zu erwarten und waren schon immer ein fundamentaler Aspekt von Kino.

Schwierig wird es dann, wenn ihr, oder ich, es nicht erwarten. Jeder weiß, dass Geschichten aus den Nachrichten bearbeitet werden können, um unsere Gedanken in eine bestimmte Richtung zu lenken.

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Stellen wir uns mal vor: Wenn eine kleine Gruppe talentierter Künstler mit einer speziellen Software sich dazu entschließt, ein "geheimes" Sicherheitsvideo von einem Treffen zwischen Trump und den Russen zu drehen, dann würden wir Menschen diese drei Dinge tun:

  1. Es anklicken
  2. Es ansehen
  3. Es glauben

Jetzt kombiniere man das mit einer Software, die Stimmen kopieren und Sätze umformulieren kann und die digitale Welt wird zu einem noch unheimlicheren Ort, um Wahrheit zu finden. Ein einziges unwiderlegbares Beweisstück könnte ernsthaften und sofortigen Schaden anrichten, wenn es Millionen Mal geteilt wird.

Die Fälschung aufzudecken, würde den Schaden nicht begrenzen. Und wenn man dann hunderte solcher Videos produziert? Vergesst es ... es verändert die Wirklichkeit.

Traut euren Augen nicht!

Berechtigterweise könntet ihr nun fragen: "Ist das alles nicht sehr extrem und spekulativ?" Die Antwort ist: Teilweise. Kann ich euch für politische Zwecke etwas falsches zeigen? nein. Aber ich kann euch fast garantieren, dass eine rote Linie schon einmal überschritten wurde - irgendwo in einem dunklen Raum, in einem harmlos aussehenden Gebäude.

Es könnte nur eine kleine Änderung einiger weniger Pixel sein. Es könnte sein, etwas aus der Szenerie zu entfernen, das für die Geschichte nicht wichtig ist, aber ein wichtiges Detail des Materials verdeckt.

Es könnte sein, Tränen eines weinenden Passanten weg zu retuschieren, weil der Zuschauer eine glückliche Geschichte sehen soll. Seht ihr was ich meine? Der Punkt ist: Mit den Möglichkeiten kommen die Entscheidungen, und nicht alle Entscheidungen werden gut sein. Und wie können wir es wissen? Ganz einfach, gar nicht.

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Also, hört auf den Rat eines fleißigen "Fakers": Lernt, eurem grundlegendsten Sinn, nicht zu trauen, denn er wird gegen euch verwendet werden. Wenn euch etwas unglaublich erscheint, dann ist es das vielleicht auch - selbst, wenn ihr es mit euren eigenen Augen gesehen habt.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Huffpost UK und wurde aus dem Englischen von Franziska Kiefl übersetzt.

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