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Das Milliardengeschäft mit manipulierten Fußballergebnissen

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Irgendwann in den Neunzigern hatte FIFA-Präsident Joseph »Sepp« Blatter damit begonnen, Spieler und Clubangestellte auf der ganzen Welt öffentlich und kollektiv als seine »Fußball-Familie« zu bezeichnen. Die in Zürich ansässige FIFA richtet alle vier Jahre die Fußballweltmeisterschaft aus. Von allen Fußballverbänden weltweit hat sie das meiste Gewicht. Wenn kleinere Verbände einen Schiedsspruch oder eine Richtlinie benötigen, wenden sie sich an die FIFA. Dabei ist die FIFA keineswegs der noble Schutzpatron des Fußballs, den Blatters Terminologie glauben macht. Sie ist zwar als gemeinnütziger Verein in der Schweiz eingetragen, aber alles andere als ein nichtkommerzielles Unternehmen.

Zahllose Sponsoren-Deals und Rechte an weltweiten TV-Übertragungen bescheren ihr ein Jahreseinkommen von rund einer Milliarde US-Dollar. Die Transparenz und Präzision eines modernen Unternehmens lässt sie dennoch vermissen. Ihre Identität liegt irgendwo in der unbestimmten Mitte. Einigen ihrer Führungskräfte kommt das vielleicht ganz gelegen: Diese Mehrdeutigkeit erleichtert es, sein eigenes Süppchen zu kochen.

In den letzten zehn Jahren hat diese schwammige Art, den Fußball zu administrieren unmittelbar in die Krise geführt. Gekaufte Spiele sind zum Alltag geworden. Es ist nicht die Schuld der FIFA, dass der Fußball zur Ziel- scheibe internationaler Verbrechersyndikate geworden ist. Doch das Mantra von der »Familie« hat plötzlich eine ganz neue Bedeutung bekommen.

Der Wettskandal »Operation: Last Bet« erschütterte erst vor Kurzem den italienischen Fußballverband. Er betraf fünfzehn Clubs, insgesamt waren vierundzwanzig Spieler, Schiedsrichter, Trainer und Clubangestellte in gekaufte Spiele verwickelt. Die türkische Polizei verhaftete 2011 einhundert Spieler, während der türkische Fußballverband (TFF) den Erstligaverein Fenerbahçe Istanbul aus der Champions League ausschloss und untersuchte, wie das Team achtzehn seiner letzten neunzehn Spiele und damit die Meisterschaft gewinnen konnte. Der nationale Fußballverband von Simbabwe verbannte achtzig Spieler aus dem engeren Kreis der Nationalmannschaft, weil sie der Manipulation verdächtigt wurden. Lu Jun, der erste chinesische Schiedsrichter, der bei einer Weltmeisterschaft eingesetzt wurde, ging für über fünf Jahre ins Gefängnis, weil er Bestechungsgelder in Höhe von 128.000 Dollar angenommen hatte.

Die goldene Pfeife

Sein Spitzname »Die goldene Pfeife« bekam dadurch eine ganz neue Bedeutung. In Südkorea wurden siebenundfünfzig Personen wegen Wettbetrug angeklagt, zwei davon begingen kurz danach Selbstmord, um der Schande zu entgehen. Zwei brasilianische Schiedsrichter wanderten ins Gefängnis, und gegen den brasilianischen Fußballverband wurde eine Geldstrafe in Höhe von acht Millionen Dollar für dessen Rolle in einer Reihe gekaufter Spiele verhängt. In Estland wurden acht Spieler ein Jahr lang vom Spielbetrieb ausgeschlossen und zwölf weitere wegen Manipulation angeklagt. Die deutsche Polizei hörte kroatische Kriminelle ab, die einen Spielbetrug in Kanada planten.

Der in Ungnade gefallene Vorstand des chinesischen Fußballverbands wird wegen Manipulation in einer Strafanstalt festgehalten. Die ungarische Polizei verhaftete mehr als fünfzig Personen, und noch bevor sie den Vorstand eines verdächtigen Clubs festsetzen konnte, hatte dieser sich in den Tod gestürzt. In Tschechien stehen zurzeit zwei Schiedsrichter wegen Manipulation vor Gericht. Die Nationalmannschaft von Kambodscha ließ sich für ihre beiden Qualifikationsspiele zur WM 2014 gegen Laos kaufen.

Der Fußball in Mazedonien ist dermaßen korrupt, dass kaum ein Buchmacher Wetten für die erste Liga annimmt. Der Vorstand des bulgarischen Clubs Lokomotive Plowdiw ließ Spieler wie Trainer nach einem verlorenen Spiel an einen Lügendetektor anschließen. In Georgien sitzen zahlreiche Spieler, Clubbesitzer und Buchmacher im Gefängnis, in Malaysia weitere Dutzende Spieler.

Der korrupteste Referee stammt aus Niger

In Kenia, im Libanon und in Tansania beeinflussen Schiedsrichter regelmäßig Spiele, doch der korrupteste Referee stammt aus Niger. Die polnischen Behörden klagen momentan zahlreiche Spieler wegen Manipulation an, und die russische Regierung hat einen Ausschuss gegründet, um den Wettbetrug in ihren Ligen auszutrocknen. Der Premierminister von Belize hat eine Untersuchung des Landesfußballverbands angeordnet. Chinesische und italienische Verbrechersyndikate verdingen sich seit Jahren in der belgischen Liga, während der bosnische Fußball von bosnischen Kriminellen infiltriert wird.

In der Schweiz sind neun Spieler wegen Manipulation gesperrt, in Italien steht augenblicklich der Ex-Weltmeister und frühere AC-Mailand-Star Gennaro Gattuso wegen Manipulation vor Gericht. Gattuso sagte, er werde sich »vor den Augen der ganzen Stadt umbringen«, sollte man ihn für schuldig befinden. Auch der englische Fußball hat im Herbst 2013 zwei Skandale erlebt. Einer davon wurde von Manipulatoren aus Singapur inszeniert, beim anderen wurde ein ehemaliger Spieler der Premier League umgarnt. In Deutschland, genauer gesagt in Bochum, untersucht man immer noch den vielleicht bekanntesten Bestechungsfall, bei dem ans Licht kam, dass ein Netzwerk von Betrügern über fast ein Jahrzehnt hinweg Spiele in aller Welt manipuliert hatte.

Steht es wirklich so schlimm um den Fußball? Leider ja. Im Moment laufen in sechzig Ländern Ermittlungsverfahren wegen gekaufter Spiele - also in rund einem Drittel der Welt. Die Hälfte aller an die FIFA angeschlossenen Fußball-Nationen meldet Fälle von Spielmanipulation, und die Dunkelziffer lässt sich nur erahnen. Die Manipulation im internationalen Fußball hat epidemische Ausmaße angenommen, in einer Größenordnung mit Drogenhandel, Prostitution und illegalem Waffenhandel. Und das in einem Sport, bei dem die Spieler Hand in Hand mit kleinen Kindern den Rasen betreten und den Anschein erwecken, der Fußball sei eine Bastion der Moral und Unschuld. Die drückende Beweislast ergibt ein anderes Bild: Fußball ist die korrupteste Sportart der Welt.

Schuld sind die Sportwetten. Ihre Verbreitung hat in den letzten zehn Jahren dramatisch zugenommen, und ihr illegaler Anteil ist hoch. Laut Interpol werden jedes Jahr Wetten in Höhe von einer Billion Dollar auf Fußballspiele abgeschlossen, die Buchmacher aus Asien sprechen sogar von deutlich höheren Zahlen. Zum Vergleich: Die Summe an Einnahmen aus TV-Rechten und Sponsoren-Deals im Weltfußball liegt bei geschätzten 25 Milliarden Dollar.

Aussicht auf schnelles Geld

Gekaufte Spiele sind längst keine Seltenheit mehr. Überlegene Mannschaften lassen sich von schwächeren Teams besiegen, die nicht absteigen wollen. Trainer, Spieler, Schiedsrichter, ja sogar Regierungsbeamte stecken unter einer Decke. Internationale Qualifikations- spiele enden mit haarsträubenden Resultaten wie 11:1 oder 7:0.

Die Aussicht auf schnelles Geld hat in der Vergangenheit schon häufig den kriminellen Einfallsreichtum geweckt. Am 3. November 1997 traf der englische Erstligist West Ham United in der 65. Minute zum 2:2-Ausgleich gegen Crystal Palace, als das Stadionlicht ausfiel. Das
passierte einen Monat später erneut in der Partie Wimbledon gegen Arsenal.

Beide Zwischenfälle wurden von einer Bande chinesisch-malaysischer Krimineller angezettelt, die Stadiontechniker dafür bezahlt hatten, das Licht auszuschalten, sobald das Wunschergebnis eingetreten war.

Aus reiner Habgier nahmen die Spieler irgendwann die Manipulation selbst in die Hand. 2010 soll der Torwart einer italienischen Mannschaft seinen Teamkollegen in der Halbzeitpause Drogen verabreicht haben, um dem Gegner den Sieg zu ermöglichen.

Doch auch die Spieler sind nur Marionetten, deren Fäden von den Syndikaten im Hintergrund gezogen werden. Für das organisierte Verbrechen ist der internationale Fußball ein Spielplatz der unendlichen Möglichkeiten. Jedes der zweihundert an die FIFA angeschlossenen Länder besitzt mindestens eine professionelle Liga und eine Nationalmannschaft, unterteilt in verschiedene Altersklassen. Weltweit gibt es im Einzugsbereich der FIFA weit über 10 000 professionelle Fußballvereine. Multipliziert man diese Zahl mit der Anzahl der Spieler, Club- und Verbandsangestellten und addiert Schiedsrichter und Linienrichter, so erhält man zahllose, sich andauernd verändernde Punkte, an denen ein Manipulator ansetzen kann.

Im internationalen Fußball gibt es kein zentrales Kontrollorgan und keine einheitliche Rechtsprechung - lediglich ein nachlässig betreutes und äußerst loses Netzwerk aus Vereinen und Ländern mit unter- schiedlichen Sprachen, Gesetzen, Märkten und Sitten. Darin mag ein gewisser Charme liegen, aber es begünstigt die finstersten Absichten. Wettbetrug-Syndikate haben den Fußball und das Geschäft mit den Sportwetten mittlerweile so gründlich unterwandert, dass man im Prinzip weltweit jedes Fußballergebnis infrage stellen kann.

Aus: Brett Forrest, "Schattenspiele Das Milliardengeschäft mit manipulierten Fußballergebnissen", Heyne Hardcore, erschienen am 12. Mai 2014
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