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Boris Reitschuster Headshot

So versucht Putin, deutsche Kritiker zum Schweigen zu bringen

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PUTIN
Getty
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Nach der Ausstrahlung eines Kreml-kritischen Beitrags im ZDF wurde der Journalist Boris Reitschuster zum Ziel von Wladimir Putins Propaganda. In seinem Blog-Beitrag erklärt er, wie der russische Präsident versucht, deutsche Kritiker mundtot zu machen.

Nach der kritischen Doku "Machtmensch Putin" schießt sich die russische Propaganda auf den Mainzer Sender ein. Putins Chef-Propagandist Dmitri Kisseljow höchstselbst warf gestern in seiner Wochenschau im Sender "Rossija" dem ZDF massive vorsätzliche Manipulation und Desinformation vor.

Der Sender wies die Vorwürfe zurück. Auch Kreml-Kritiker wie der Ex-Vize-Premier Alfred Koch halten die Anschuldigungen für absurd und sprechen von gezielter Verleumdung.

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Der Moskauer Staatskanal machte den jungen Russen ausfindig, der in dem ZDF-Film Kronzeuge für die russische Militärpräsenz in der Ostukraine war.

Diese hatte Moskau bislang vehement bestritten, bevor sie Präsident Putin am Freitag auf seiner Pressekonferenz überraschend selbst einräumte. Juri Labyskin, in dem ZDF-Film "Igor genannt", widerruft in dem "Rossija"-Beitrag seine Aussagen. Er sei bestochen worden vom ZDF, so der 27-Jährige, angeblich ein Arbeitsloser in Existenznot. Mitarbeiter des Mainzer Senders hätten tagelang mit ihm ein Drehbuch geübt und ihm Zitate in den Mund gelegt.

Haltlose Vorwürfe gegen das ZDF

Das ZDF habe eine Frau angeheuert, die er als seine Gattin ausgeben sollte, und auch ein Kind habe er auf Wunsch des Mainzer Senders in den Armen halten müssen, behauptet Labyskin. Bei den Interviews habe ihm das ZDF gar souffliert, weil er teilweise seinen Text vergessen habe. Ihm sei auch erklärt worden, wie er das Maschinengewehr zu halten habe.

(unter dem Video geht's weiter)

Russe behauptet: Das ZDF hat mich bezahlt, damit ich die Unwahrheit über die Ukraine sage

"De facto habe ich einfach gelogen. Sie haben mir gesagt, wenn Du schneller an dein Geld kommen willst, sag, dass im Donbass die russische Armee ist", wirft der junge Russe dem ZDF vor: "Nach dem Drehbuch sollte ich angeblich verwundet worden sein, obwohl ich nie Verwundungen habe."

Die Vorwürfe entbehrten jeglicher Grundlage, erklärte das ZDF auf Anfrage: "Das Interview mit dem russischen Freiwilligen war weder vorher geprobt noch in seinem Verlauf abgesprochen. Er hat im Gegenteil aus freien Stücken und ausführlich erklärt, wie und warum er in die Ostukraine ging." Ebenso unhaltbar sei der Vorwurf, rund um das Interview sei irgendetwas inszeniert worden. Der russische Freiwillige habe im Interview, das im ZDF-Studio Moskau geführt worden sei, "den Sachverhalt genauso dargestellt, wie das ZDF es gesendet hat. Unser Rohmaterial bestätigt das in vollem Umfang."

"Russen unterstellen deutschen Journalisten ihre eigenen Arbeitsweisen"

"Diese Reaktion Moskaus auf die deutsche Doku war ziemlich vorhersehbar", meint der frühere russische Vize-Premier Alfred Koch, der heute im Exil in Bayern lebt: "Der Staatssender unterstellt den deutschen Journalisten genau die Arbeitsweisen, die die 'Informationskrieger' des Kreml selbst anwenden. Für deutsche Betrachter mag das absurd wirken, aber Russland ist unter Putin zu einer Bühne des Absurden geworden."

So berichteten Schauspielerinnen vor russischen Fernsehkameras von angeblichen Gräueltaten der Ukrainer oder gar von Kreuzigungen von Kindern. Die Liste der russischen Propagandalügen ist lang.

In letzter Zeit reagiere der Kreml auf jede Kritik „mit dem dummen Trotz von pubertierenden Raufbolden", so Ex-Vize-Premier Koch: "Man stellt offensichtliche Fakten in Abrede und reagiert mit billigen Flegeleien nach dem Motto: ,Du bist selbst ein Idiot´!" Der Ratschlag des früheren Vize-Regierungschef: "In so einer Situation ist das einzige, was man tun kann, die Position des Kremls und der von ihm gesteuerten Medien zu ignorieren."

Drohung mit "radioaktivem Staub"

Tatsächlich wirkt die Häme von Chef-Propagandist Kisseljow etwas hilflos: "Ungeachtet der Bemühungen der deutschen Journalisten, Russland als die Quelle des Bösen auf der Welt darzustellen, ist die ZDF-Sendung ein Reinfall gewesen, die Quoten doppelt so niedrig wie sonst."

Dass parallel zur ZDF-Doku ein Bayern-Spiel übertragen wurde und trotzdem mehr als zwei Millionen den Film sahen, fast genauso viele wie zwei Wochen zuvor eine andere Doku ohne Fußball-Konkurrenz - darüber kein Wort von dem Mann, der schon mal drohte, die USA in radioaktiven Staub zu verwandeln, und forderte, die Herzen von homosexuellen Unfallopfern nicht für Transplantationen zu nutzen, sondern "zu verbrennen oder zu vergraben, weil sie zum Leben nicht taugen".

Bizarr: Kisseljows Leute haben offenbar nicht aufgepasst, und ich werde als einer der Macher des Films aufgeführt. Es ist sogar mein Bild zu sehen, und ein Zitat von mir wird eingeblendet mit dem Hinweis, die "Macher" der Doku würden ihre Ziele nicht einmal verbergen: "Zu viele Menschen in Deutschland unterstützten Putin. Ich wünsche mir eine härtere Politik. Sie ist noch zu weich. Ich wünsche mir mehr Sanktionen." Der erste Satz ist frei erfunden. Und zur Herstellung des Films habe ich keinerlei Beziehung.

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"Großer Affenzirkus" und "antirussischer Mainstream"

Vor den Angriffen durch den Moskauer Sender haben bereits Putins Propaganda-Outlets in Deutschland den Film heftig attackiert. "Von Wladimir Wladimirowitsch persönlich dazu gezwungen, musste sich die RT Deutsch-Redaktion das Machwerk anschauen und sich mit den zahllosen Verdrehungen im Film auseinandersetzen", schreibt etwa RT, das frühere Russia Today.

Die ZDF-Doku wird dort als "großer Affenzirkus", "antirussischer Mainstream" und "Stimmungsmache der plumpen Art" bezeichnet. Als Gegenargumente werden dann die hinlänglich bekannten Putin-Verteidiger im Westen aufgeführt - mit Aussagen, die längst widerlegt sind.

Hasserfüllt waren auch die Reaktion auf diversen Internet-Portalen, die regelmäßig Moskauer Propaganda verbreiten sowie gegen kremlkritische Journalisten hetzen (und dabei offensichtlich über größere Finanzmittel verfügen, aber sich hinter der Anonymität amerikanischer Server verstecken).

Auf einer dieser Seiten beschimpft der Verfasser die ZDF-Putin-Doku als "öffentlich-rechtliches Schmierenstück" und "billige Feindpropaganda" - ohne den Film gesehen zu haben, wie er selbst zugibt. Das weckt Erinnerungen an einen bekannten Ausspruch in der UdSSR über die kremlkritischen Nobelpreisträger Boris Pasternak und Alexander Solschenizyn: "Ich den Schund zwar nicht gelesen, aber ich verurteile ihn auf das Schärfste."

Das ZDF hat "alles richtig gemacht"

Auf kremlkritischen Seiten ernteten die Propaganda-Attacken gegen das ZDF viel Spott. "Die Reaktion zeigt den Wahrheitsgehalt. Kisseljow kann sich nicht beherrschen", schreibt etwa Thomas-Erich Claas. "Wo die Lächerlichkeit keine Furcht mehr haben muss, sich lächerlich zu zeigen, beginnt die ganz große Gefahr", kommentiert Armin Huttenlocher.

Jana Salgovic meint: "In dem Vesti.ru - Artikel steht nichts zum Inhalt des Films, zum Gesagten, keine Gegenargumente, nur Hetze und die sehr lange Fabel um Igor alias Jurij, gefühlte 4/5 des Beitrags." Helga Leutnecker kommentiert lakonisch: "Na da hat aber jemand das Muffensausen bekommen! Das gibt der Dokumentation jede Menge Glaubwürdigkeit. Alles richtig gemacht."

Daniel M. Porcedda fordert, wir in der der EU müssten reagieren und „endlich einmal damit beginnen, in ,unseren´ Medien den täglich von den russischen Staatsmedien verbreiteten haarsträubenden Unwahrheiten über Europa, die offenen Drohungen, die Hetzkampagnen, vehement entgegenzutreten und richtigzustellen.

Wie wäre es mit einer Headline in großen Tageszeitungen mit dem Titel ,Rußland diskreditiert die EU zum wiederholten Male´ oder ,Wie das russische Volk zum Hass gegen die EU manipuliert wird´? Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen beim ZDF sich wehren gegen die Anschuldigungen aus Moskau - und diese breit publik machen."

Hier geht es zu der Doku

Menschenrechtler alarmiert: Mit diesem Gesetz hebelt Putin internationale Gerichte aus

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