Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Boris Reitschuster Headshot

So versucht Putin, deutsche Kritiker zum Schweigen zu bringen

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
PUTIN
Getty
Drucken

Nach der Ausstrahlung eines Kreml-kritischen Beitrags im ZDF wurde der Journalist Boris Reitschuster zum Ziel von Wladimir Putins Propaganda. In seinem Blog-Beitrag erkl├Ąrt er, wie der russische Pr├Ąsident versucht, deutsche Kritiker mundtot zu machen.

Nach der kritischen Doku "Machtmensch Putin" schie├čt sich die russische Propaganda auf den Mainzer Sender ein. Putins Chef-Propagandist Dmitri Kisseljow h├Âchstselbst warf gestern in seiner Wochenschau im Sender "Rossija" dem ZDF massive vors├Ątzliche Manipulation und Desinformation vor.

Der Sender wies die Vorw├╝rfe zur├╝ck. Auch Kreml-Kritiker wie der Ex-Vize-Premier Alfred Koch halten die Anschuldigungen f├╝r absurd und sprechen von gezielter Verleumdung.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Der Moskauer Staatskanal machte den jungen Russen ausfindig, der in dem ZDF-Film Kronzeuge f├╝r die russische Milit├Ąrpr├Ąsenz in der Ostukraine war.

Diese hatte Moskau bislang vehement bestritten, bevor sie Pr├Ąsident Putin am Freitag auf seiner Pressekonferenz ├╝berraschend selbst einr├Ąumte. Juri Labyskin, in dem ZDF-Film "Igor genannt", widerruft in dem "Rossija"-Beitrag seine Aussagen. Er sei bestochen worden vom ZDF, so der 27-J├Ąhrige, angeblich ein Arbeitsloser in Existenznot. Mitarbeiter des Mainzer Senders h├Ątten tagelang mit ihm ein Drehbuch ge├╝bt und ihm Zitate in den Mund gelegt.

Haltlose Vorw├╝rfe gegen das ZDF

Das ZDF habe eine Frau angeheuert, die er als seine Gattin ausgeben sollte, und auch ein Kind habe er auf Wunsch des Mainzer Senders in den Armen halten m├╝ssen, behauptet Labyskin. Bei den Interviews habe ihm das ZDF gar souffliert, weil er teilweise seinen Text vergessen habe. Ihm sei auch erkl├Ąrt worden, wie er das Maschinengewehr zu halten habe.

(unter dem Video geht's weiter)

Russe behauptet: Das ZDF hat mich bezahlt, damit ich die Unwahrheit ├╝ber die Ukraine sage

"De facto habe ich einfach gelogen. Sie haben mir gesagt, wenn Du schneller an dein Geld kommen willst, sag, dass im Donbass die russische Armee ist", wirft der junge Russe dem ZDF vor: "Nach dem Drehbuch sollte ich angeblich verwundet worden sein, obwohl ich nie Verwundungen habe."

Die Vorw├╝rfe entbehrten jeglicher Grundlage, erkl├Ąrte das ZDF auf Anfrage: "Das Interview mit dem russischen Freiwilligen war weder vorher geprobt noch in seinem Verlauf abgesprochen. Er hat im Gegenteil aus freien St├╝cken und ausf├╝hrlich erkl├Ąrt, wie und warum er in die Ostukraine ging." Ebenso unhaltbar sei der Vorwurf, rund um das Interview sei irgendetwas inszeniert worden. Der russische Freiwillige habe im Interview, das im ZDF-Studio Moskau gef├╝hrt worden sei, "den Sachverhalt genauso dargestellt, wie das ZDF es gesendet hat. Unser Rohmaterial best├Ątigt das in vollem Umfang."

"Russen unterstellen deutschen Journalisten ihre eigenen Arbeitsweisen"

"Diese Reaktion Moskaus auf die deutsche Doku war ziemlich vorhersehbar", meint der fr├╝here russische Vize-Premier Alfred Koch, der heute im Exil in Bayern lebt: "Der Staatssender unterstellt den deutschen Journalisten genau die Arbeitsweisen, die die 'Informationskrieger' des Kreml selbst anwenden. F├╝r deutsche Betrachter mag das absurd wirken, aber Russland ist unter Putin zu einer B├╝hne des Absurden geworden."

So berichteten Schauspielerinnen vor russischen Fernsehkameras von angeblichen Gr├Ąueltaten der Ukrainer oder gar von Kreuzigungen von Kindern. Die Liste der russischen Propagandal├╝gen ist lang.

In letzter Zeit reagiere der Kreml auf jede Kritik ÔÇ×mit dem dummen Trotz von pubertierenden Raufbolden", so Ex-Vize-Premier Koch: "Man stellt offensichtliche Fakten in Abrede und reagiert mit billigen Flegeleien nach dem Motto: ,Du bist selbst ein Idiot┬┤!" Der Ratschlag des fr├╝heren Vize-Regierungschef: "In so einer Situation ist das einzige, was man tun kann, die Position des Kremls und der von ihm gesteuerten Medien zu ignorieren."

Drohung mit "radioaktivem Staub"

Tats├Ąchlich wirkt die H├Ąme von Chef-Propagandist Kisseljow etwas hilflos: "Ungeachtet der Bem├╝hungen der deutschen Journalisten, Russland als die Quelle des B├Âsen auf der Welt darzustellen, ist die ZDF-Sendung ein Reinfall gewesen, die Quoten doppelt so niedrig wie sonst."

Dass parallel zur ZDF-Doku ein Bayern-Spiel ├╝bertragen wurde und trotzdem mehr als zwei Millionen den Film sahen, fast genauso viele wie zwei Wochen zuvor eine andere Doku ohne Fu├čball-Konkurrenz - dar├╝ber kein Wort von dem Mann, der schon mal drohte, die USA in radioaktiven Staub zu verwandeln, und forderte, die Herzen von homosexuellen Unfallopfern nicht f├╝r Transplantationen zu nutzen, sondern "zu verbrennen oder zu vergraben, weil sie zum Leben nicht taugen".

Bizarr: Kisseljows Leute haben offenbar nicht aufgepasst, und ich werde als einer der Macher des Films aufgef├╝hrt. Es ist sogar mein Bild zu sehen, und ein Zitat von mir wird eingeblendet mit dem Hinweis, die "Macher" der Doku w├╝rden ihre Ziele nicht einmal verbergen: "Zu viele Menschen in Deutschland unterst├╝tzten Putin. Ich w├╝nsche mir eine h├Ąrtere Politik. Sie ist noch zu weich. Ich w├╝nsche mir mehr Sanktionen." Der erste Satz ist frei erfunden. Und zur Herstellung des Films habe ich keinerlei Beziehung.

2015-12-21-1450713690-8270217-kiseljow.jpg

"Gro├čer Affenzirkus" und "antirussischer Mainstream"

Vor den Angriffen durch den Moskauer Sender haben bereits Putins Propaganda-Outlets in Deutschland den Film heftig attackiert. "Von Wladimir Wladimirowitsch pers├Ânlich dazu gezwungen, musste sich die RT Deutsch-Redaktion das Machwerk anschauen und sich mit den zahllosen Verdrehungen im Film auseinandersetzen", schreibt etwa RT, das fr├╝here Russia Today.

Die ZDF-Doku wird dort als "gro├čer Affenzirkus", "antirussischer Mainstream" und "Stimmungsmache der plumpen Art" bezeichnet. Als Gegenargumente werden dann die hinl├Ąnglich bekannten Putin-Verteidiger im Westen aufgef├╝hrt - mit Aussagen, die l├Ąngst widerlegt sind.

Hasserf├╝llt waren auch die Reaktion auf diversen Internet-Portalen, die regelm├Ą├čig Moskauer Propaganda verbreiten sowie gegen kremlkritische Journalisten hetzen (und dabei offensichtlich ├╝ber gr├Â├čere Finanzmittel verf├╝gen, aber sich hinter der Anonymit├Ąt amerikanischer Server verstecken).

Auf einer dieser Seiten beschimpft der Verfasser die ZDF-Putin-Doku als "├Âffentlich-rechtliches Schmierenst├╝ck" und "billige Feindpropaganda" - ohne den Film gesehen zu haben, wie er selbst zugibt. Das weckt Erinnerungen an einen bekannten Ausspruch in der UdSSR ├╝ber die kremlkritischen Nobelpreistr├Ąger Boris Pasternak und Alexander Solschenizyn: "Ich den Schund zwar nicht gelesen, aber ich verurteile ihn auf das Sch├Ąrfste."

Das ZDF hat "alles richtig gemacht"

Auf kremlkritischen Seiten ernteten die Propaganda-Attacken gegen das ZDF viel Spott. "Die Reaktion zeigt den Wahrheitsgehalt. Kisseljow kann sich nicht beherrschen", schreibt etwa Thomas-Erich Claas. "Wo die L├Ącherlichkeit keine Furcht mehr haben muss, sich l├Ącherlich zu zeigen, beginnt die ganz gro├če Gefahr", kommentiert Armin Huttenlocher.

Jana Salgovic meint: "In dem Vesti.ru - Artikel steht nichts zum Inhalt des Films, zum Gesagten, keine Gegenargumente, nur Hetze und die sehr lange Fabel um Igor alias Jurij, gef├╝hlte 4/5 des Beitrags." Helga Leutnecker kommentiert lakonisch: "Na da hat aber jemand das Muffensausen bekommen! Das gibt der Dokumentation jede Menge Glaubw├╝rdigkeit. Alles richtig gemacht."

Daniel M. Porcedda fordert, wir in der der EU m├╝ssten reagieren und ÔÇ×endlich einmal damit beginnen, in ,unseren┬┤ Medien den t├Ąglich von den russischen Staatsmedien verbreiteten haarstr├Ąubenden Unwahrheiten ├╝ber Europa, die offenen Drohungen, die Hetzkampagnen, vehement entgegenzutreten und richtigzustellen.

Wie w├Ąre es mit einer Headline in gro├čen Tageszeitungen mit dem Titel ,Ru├čland diskreditiert die EU zum wiederholten Male┬┤ oder ,Wie das russische Volk zum Hass gegen die EU manipuliert wird┬┤? Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen beim ZDF sich wehren gegen die Anschuldigungen aus Moskau - und diese breit publik machen."

Hier geht es zu der Doku

Menschenrechtler alarmiert: Mit diesem Gesetz hebelt Putin internationale Gerichte aus

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter
blog@huffingtonpost.de
.