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Hauptstadt der Rücksichtslosigkeit: Warum mich Berlin manchmal wirklich ankotzt

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BERLIN SKYLINE
Christian Science Monitor via Getty Images
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Der Anblick ist herzerweichend. Mühsam erklimmen der alte Mann und seine Frau den Bus. Kaum fährt der los, kämpfen sie heftig gegen die Schwerkraft, klammern sich an die Haltestangen.

Das alte Ehepaar ist gebrechlich, und selbst ohne Fremdeinwirkung, das ist ihnen anzusehen, sind sie nicht mehr völlig sicher auf ihren Beinen.

Umso erstaunlicher die Reaktion der anderen Passagiere im Bus 109 zum Flughafen Berlin Tegel: Obwohl auf mindestens drei Doppelsitzbänken noch ein Platz frei ist, kommt es offenbar keinem der anderen Fahrgäste in den Sinn, für die beiden alten Menschen zum Fenster zu rücken.

Auch ich reagiere falsch

Aber selbst wenn sie das täten - auch die Umstehenden machen den Weg für die beiden alten Menschen nicht frei - obwohl der Bus insgesamt nur halbvoll ist. Sie müssen notgedrungen ganz nah an der Tür stehen bleiben, wo das Festhalten besonders unbequem ist.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass auch ich der Unsitte fröne, gerne einen Sitzplatz neben mir mit meinem Gepäck zu besetzen - solange noch Plätze frei sind. Und dass ich auch jetzt falsch reagiere.

Aufstehen und den beiden den Weg freikämpfen - das wäre die einzige richtige Reaktion. Obwohl ich ein paar Reihen weiter sitze und vor mir noch genügend andere Plätze mit Gepäck belegt sind.

Doch statt beherzt einzuschreiten rücke ich zum Fenster und versuche, den beiden ein Handzeichen zu geben: „Kommen Sie her, ein Platz ist frei!"

Niemand will Platz machen

Doch sie sind so mit dem Festhalten beschäftigt, dass sie nicht reagieren.

Ich wende mich an den Mann auf der Doppelbank vor mir: „Könnten Sie nicht nach rechts rücken oder mich durchlassen, dann können der ältere Herr und die ältere Dame meine Sitzbank haben."

Der rüstige Rentner mit der Schnapsnase stößt einen Laut aus, den ich nicht verstehe.

Ich versuche es nochmal.

„Ich bin Schwerbehindert", sagt er vorwurfsvoll.

Mehr zum Thema: Das Irrenhaus Berlin: Warum die Hauptstadt ihre Probleme nicht länger verdrängen darf

„Das ist sehr bedauerlich, aber deswegen brauchen sie doch nicht zwei Plätze, und Sie können doch einen frei machen, damit die beiden alten Menschen sich setzen können."

"Beschweren Sie sich doch beim Busfahrer"

Die Antwort ist ebenso kurz wie eindeutig: „Nö!"

Ich versuche es nochmal.

Er sieht mich grimmig an und hält sich an der Stange fest, so als ob er Angst hätte, dass ich an ihm vorbeisteigen oder ihn auf den Nebensitz schieben würde: „Beschweren Sie sich doch beim Busfahrer", raunzt er laut.

Seine weiteren Äußerungen hier wiederzugeben verbietet mir meine Erziehung.

Keiner der Umstehenden sagt auch nur ein Wort. Alle tun so, als würden sie nichts hören. Obwohl die Unterhaltung laut war. Keine Bewegung.

Jetzt endlich mache ich das, was ich gleich hätte tun sollen: Ich stehe auf und rufe den beiden Senioren zu, dass sie meinen Platz haben können.

Den Senioren ist die Szene offenbar peinlich

Aber niemand von den Fahrgästen, die zwischen uns stehen, bewegt sich.

Die beiden Senioren blicken betreten weg. Ihnen ist die Szene ganz offensichtlich peinlich.

Wieder bremst der Bus, wieder kämpfen die beiden mit allen Kräften gegen die Schwerkraft.

Haltestelle. Und Gott sei Dank steigt eine Frau aus, die eine Doppelsitzbank direkt vor den beiden mit ihrem Rucksack besetzt hatte.

Erleichtert lassen sich die beiden alten Menschen in die Sitze fallen.

Leider sind solche Szenen in Berlin keine Ausnahme.

Mehr zum Thema: Ein Abschiedsbrief an das Berlin, das ich liebte

Die 12-jährige Tochter von Bekannten wurden in einer voll besetzten S-Bahn sexistisch angemacht - und alle, die in der Nähe saßen, schauten zu Boden und taten so, als hörten sie nichts.

Eine Freundin wurde Zeuge, wie eine Touristin ihre Tasche in einer U-Bahn vergaß. Als sie das bemerkte, waren die Türen schon geschlossen. Sie setzte gerade dazu an, die Tasche in Sicherheit zu nehmen, um sie später abzugehen.

Da ging ein äußerlich gepflegt wirkender Mann zu der Tasche, öffnete sie, nahm Geldbörse und Telefon heraus und setzte sich dann seelenruhig mit beidem wieder an seinen Platz.

Rücksichtslosigkeit nimmt zu

Keiner der anderen Fahrgäste sagte auch nur ein Wort. Auch meine Bekannter nicht. "Ich war mit meinem Baby unterwegs, darum hatte ich Angst, dass der aggressiv wird. Wäre ich alleine da gewesen, ich hätte was gesagt."

Dass an U-Bahnsteigen geraucht wird, auch wenn Kinderwagen direkt danebenstehen, ist in Berlin inzwischen eher Regel als Ausnahme. Ebenso dass niemand etwas sagt.

Eine ukrainische Bekannte erlebte einen dreisten Diebstahl in der U-Bahn. Sie rannte dem Dieb hinterher, versuchte, ihn zu stellen. "Alle anderen blieben völlig unbeteiligt, taten so, als sähen sie nichts", erzählt sie.

Als sie ein Polizist später als Zeugin vernahm, tadelte der sie: "Das war riskant, was Sie da gemacht haben! Sie hätten sich nicht einmischen dürfen!"

"Ist das euer Ernst hier in Deutschland?"

Die junge Frau aus der Ostukraine kann das nicht nachvollziehen: "Ist das euer Ernst hier in Deutschland? Und wenn ich mal in einer Notsituation bin, oder meine Kinder - sollen dann auch alle wegsehen?"

Angst in solchen Situationen ist gut nachvollziehbar. Nicht verständlich dagegen ist das Wegsehen, wenn Helfen kein Risiko bedeuten würde:

Eine Verwandte von mir stürzte vor einiger Zeit im Tiergarten in Berlin vom Rad, ihr Kopf blutete - und minutenlang gingen die Passanten vorbei, als hätten sie nichts gesehen. Es dauerte eine Weile, bis italienische Touristen halfen.

Mehr zum Thema: Stadtteil der Extreme: Die HuffPost war eine eine Woche in Berlin-Hohenschönhausen

Ich habe 16 Jahre in Moskau gelebt und mich dabei viel über die Gleichgültigkeit und Ruppigkeit in der Öffentlichkeit dort aufgeregt.

Heute muss ich sagen: Eine Szene wie die mit den beiden alten Menschen im Bus wäre in Moskau zwar möglich, aber weitaus unwahrscheinlicher gewesen.

Ich hatte Deutschland anders in Erinnerung. Hat es sich in den 16 Jahren, die ich in Russland gelebt habe, so stark verändert?

Die Rücksichtslosigkeit ist eine große Gefahr

Handelt es sich - wie ich hoffe, um ein Problem, dass spezifisch ist für Berlin? Oder für Großstädte?

Ich halte diese Gleichgültigkeit und Rücksichtslosigkeit für eine große Gefahr.

Und was mich am meisten erschreckt: Ich spüre, wie ansteckend diese Unsitte ist. Und wie sie sich, ganz schleichend, auch in mir selbst breitmacht. Wie ich anfange, wegzusehen.

Unsere Umgebung formt uns.

Deshalb sollten wir gegenhalten, solange es nicht zu spät ist.

Wir müssen die Gleichgültigkeit abschütteln

Es ist wie bei einem See - wenn es zu wenig Sauerstoff gibt, kippt er irgendwann.

Wir müssen den Mund aufmachen, auch wenn es schwerfällt.

Wir müssen die Gleichgültigkeit abschütteln.

Wir müssen wieder hinsehen.

Und unser eigenes Verhalten kritisch hinterfragen - weil man schlechte Beispiele allzu leicht nachahmt.

Heute werden es uns die Schwachen danken; morgen unsere Kinder und Enkel.

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Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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