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Es ist zu einfach, die Hälfte der amerikanischen Wähler für rassistische Dumpfbacken zu halten

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TRUMP VOTERS
ASSOCIATED PRESS
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Trump wird Präsident. Und nun? Können wir den Kopf schütteln. Die Dummheit der Amerikaner beklagen. Das Ende der freien Welt befürchten. Oder Obama folgen. Die Sonne geht morgen wieder auf. Und bei Licht betrachtet sieht man besser. Zeit, nach Ursachen zu forschen und nach der Bedeutung der Wahl für unsere Gesellschaft zu fragen.

Aus gutem Grund vorneweg: Mich eint vermutlich mit 90 Prozent der Leserinnen und Leser, dass ich das, was ich für Trumps Politik halte, ablehne. Abtreibung verbieten, Waffen erlauben, Klimaschutz beenden, Putin hofieren - nicht mit mir. Auch mich haben seine platten, verletzenden, selbstherrlichen Kommentare verstört.

Aber da er die Wahl gewonnenen hat, muss die erste Frage lauten: Wieso fanden das 49 Prozent der amerikanischen Wähler anziehend, und nicht abstoßend? Und wieso haben wir alle mit den Medien geglaubt, dass so ein Verrückter niemals gewählt würde?

Ich vermute, wir sind selbst einer Vereinfachung aufgesessen. Vielleicht haben diejenigen, die ihn wählten weil er starke Sprüche klopft, das getan, ohne zu glauben, dass er morgen den Welthandel beendet und elf Millionen Mexikaner deportiert, ihn sogar besser verstanden als wir?

Das Phänomen des "underreporting"

Es ist zu einfach, 49 Prozent der amerikanischen Wähler für rassistische Dumpfbacken zu halten. Dass Trump in den Umfragen so weit hinten lag und praktisch als erledigt galt, ist ein Fingerzeig.

Viele Menschen sagen bei Umfragen nicht was sie denken, wenn sie glauben es sei gesellschaftlich unerwünscht. Das Phänomen heißt "underreporting". Die Leute trennen also in zwei Sphären: eine öffentliche, in der man political correctness walten lässt, und eine halb öffentliche, in der man seine wahre Meinung kund tut. Das ist der ideale Nährboden für einen wie Trump.

Mehr zum Thema: Donald Trump ist der Präsident der Menschen, die in den Medien nicht vorkommen dürfen

Das Phänomen des Populismus ist auch bei uns auf dem Vormarsch. Trump hat gewonnen, weil er es geschafft hat, in großen Scharen Menschen zur Wahlurne zu bringen, die aus vielerlei Gründen in Opposition zum progressiven, großstadtgeprägten Mainstream stehen. Menschen, deren Haltung offensiv als rückständig und engstirnig gebrandmarkt wird.

Menschen, die eine Gelegenheit sahen, sich gegen subjektiv aufoktroyierte Modernisierungen zu wehren. Solche Menschen wählen bei uns AFD, in Frankreich Le Pen und in Österreich Hofer. Offenkundig sind das mittlerweile so viele, dass man sie nicht mehr ausgrenzen kann.

Der Donald Trump der Grünen

Wir brauchen eine Strategie, um den Teil dieser Menschen, der nicht extremistisch ist, zurück zu gewinnen. Das wird schwer. Aber so wie bisher geht es offensichtlich nicht weiter.

Niels Annen, SPD-Experte für die USA, hat mich vor kurzem als "Donald Trump der Grünen" bezeichnet. Das war eine neue Art der moralischen Keule. Er wollte mich brandmarken. Stumm machen. Was ich nun wohl nach Trumps Wahlsieg für ihn bin?

Wir haben auch in Deutschland eine öffentliche Unkultur entwickelt, unerwünschte Äußerungen durch Schmähung und Ausgrenzung unterdrücken zu wollen. Das kann dazu führen, dass sich eine Mehrheit der Menschen für jemanden wie Trump entscheidet, weil ihnen das nur noch auf die Nerven geht.

Wenn wir vermeiden wollen, dass wir durch eine intolerante und aggressive Verteidigung der offenen Gesellschaft irgendwann auch in rechtspopulistisch regierten Gesellschaften aufwachen, sollten wir das dringend überdenken.

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Günther Oettinger hat in Hamburg Mist geredet und das muss man ihm sagen. Einen Grund für den Rücktritt als Kommissar oder die Erforschung seiner dunklen Seele gibt das aber nicht her. Derartige Aufregung scheint Konsens in den Medien zu sein. Andere ballen aber die Fäuste und zücken den Stift in der Wahlkabine.

Ja, es gibt viele andere Gründe für Trumps Wahlerfolg. Aber davon ist wenig übertragbar. Wir haben kein Washington und keine Clinton-Dynastie. Das Problem einer "Infantilisierung des öffentlichen Diskurses" haben wir hingegen ganz genauso wie die USA.

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