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Ich als Israeli habe Angst, dass sich die Geschichte wiederholt

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Als ich am Sonntagabend die Wahlergebnisse sah, konnte ich die Balken, die Zahlen, den rechten Jubel erst nicht glauben.

Ich hätte nie gedacht, dass die AfD eine solch hohe Zustimmung bekommen würde.

Allerdings hätte ich ahnen können, dass in Deutschland ein Rechtsruck möglich ist. Denn kurz nachdem ich Anfang 2015 nach Berlin zog, hatte ich ein Schlüsselerlebnis, das mich bis heute schockiert.

Ich wartete an einem Informationsschalter in einem Berliner Bahnhof. Vor mir stand ein Mann, der mit einer Bahn-Mitarbeiterin auf Englisch diskutierte. Der Mann wurde zunehmend wütender, bis er schließlich ging.

Dann sah und hörte ich, wie die Mitarbeiterin plötzlich sagte: "Jüdisches Schwein". Ich zuckte zusammen, obwohl ich wusste, dass sie vermutlich nur ihren angestauten Frust loswerden wollte.

Doch die zwei Worte hatten mich getroffen: Ich erkannte, dass die Abneigung gegen Nicht-Deutsche und Juden noch immer existiert in Deutschland und dass viele noch immer zwischen Einheimischen und Einwanderern unterscheiden.

Deren Devise: "Du sollst dich wie ein Gast benehmen oder wir schmeißen dich aus dem Land."

Mehr zum Thema: "Die Gegenrevolution hat begonnen": Wie der Einzug der AfD in den Bundestag Deutschland verändern wird

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Boaz Balachsan in seinem Studio

Ich verstehe, warum manche der AfD ihre Stimme geben

Nun, mit dem Wahlerfolg der AfD, bekommt diese kleine Szene für mich eine größere Bedeutung.

Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, mit ihren zahlreichen und dramatischen Wendungen in den letzten anderthalb Jahrhunderten, ist die Wahlentscheidung so vieler Millionen Deutscher für die AfD vor allem eins: Eine Ohrfeige.

Das starke Ergebnis für die AfD ist ein Affront für alle jene, die in Deutschland leben - egal ob Flüchtling, Migrant oder Deutscher.

Dennoch: Ich kann in gewisser Weise verstehen, dass so viele Menschen die AfD gewählt haben - gerade in Ostdeutschland.

Denn genau dort, wo die Menschen kaum mit Ausländern, Menschen mit Migrationshintergrund und am allerwenigsten mit Muslimen in Berührung kommen, ist es am einfachsten, angestauten Frust gegen Einwanderer zu lenken. Denn man muss seine Vorurteile nicht mit der Realität abgleichen.

Geschichte wiederholt sich

Außerdem sind viele Millionen Menschen mit ihrer wirtschaftlichen Situation unzufrieden, sie haben auch wenig Hoffnung, dass sich die Situation bessert.

Und die AfD hat es mit ihrer radikalen Ansprache an die Wähler am besten verstanden, von der Situation zu profitieren.

Einige Politiker versuchen die ökonomischen Probleme an der Wurzel zu packen, was langwierig und mühsam ist. Auch die Bekämpfung der Fluchtursachen wird dauern.

Andere, wie die Politiker der AfD, suchen währenddessen nach äußeren Faktoren, wie eben den Flüchtlingen - das ist wesentlich leichter.

Die Geschichte neigt dazu, sich zu wiederholen - genau das passiert gerade. Das macht mir Angst.

Wir alle wissen, wie das Ende der Weimarer Republik und der Anfang der Nazi-Herrschaft ausgesehen hat. Die Ereignisse haben gezeigt, wie leicht es ist, große Macht auf der Basis von Angst aufzubauen.

Mehr zum Thema: Mit der AfD im Bundestag, werden sich die Rassisten in Deutschland nicht mehr verstecken

Viele sehen zum ersten Mal einen Juden

Ganz so weit wird es aber nicht kommen. Das spüre ich, wenn ich heute durch Deutschland reise - selbst in den AfD-Hochburgen Sachsen oder Thüringen.

Dort reagieren gerade die Jüngsten mit viel Interesse, wenn sie mich treffen. Viele treffen zum ersten Mal in ihrem Leben einen Ausländer oder einen Juden.

Bleibt zu hoffen, dass es nicht das letzte Mal für sie ist.

Das Gespräch wurde von Marco Fieber aufgezeichnet.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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