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Vor sechs Jahren hat ein Terrorist auf meinen Kopf gezielt und abgedrückt

26/07/2017 16:20 CEST | Aktualisiert 26/07/2017 17:43 CEST

breivik

Jedes Jahr um diese Zeit werde ich gebeten, etwas zu schreiben. Einen Text anlässlich des Jahrestags des Terroranschlags in Norwegen im Jahr 2011.

Der Tag, an dem mein Leben beinahe vorbei gewesen wäre. Weil ein Terrorist mit einer Pistole auf meinen Kopf zielte - und dann daneben schoss.

Für gewöhnlich werde ich darum gebeten, etwas zu schreiben, das an dieses Ereignis erinnert. Ich soll darüber sprechen, was passiert ist. Über die vielen Menschen, die völlig sinnlos ihr Leben lassen mussten. Über den Schmerz, die Trauer, das Trauma, über die Vergangenheit.

Es ist an der Zeit, über die Zukunft zu sprechen

Es ist jetzt sechs Jahre her. Es ist an der Zeit, über etwas anderes zu schreiben und über die Zukunft zu sprechen, statt über die Vergangenheit.

Denn die Art, wie wir uns über Vergangenes äußern, kann dazu beitragen, dass unsere Zukunft weniger von Gewalt und Hass bestimmt wird. Denn diese Gewalt und der Hass haben in den letzten Jahren weltweit viel zu viele Opfer durch Terroranschläge gefordert.

Ich habe die letzten sechs Jahre an solch einer Zukunft gearbeitet. Ich habe mich unermüdlich dafür eingesetzt, unseren gemeinsamen Werkzeugkasten mit dem nötigen Wissen, den Fähigkeiten und den Technologien auszustatten, die wir brauchen, um den Kampf gegen gewalttätigen Extremismus gewinnen zu können. Wie auch immer dieser Extremismus auch aussehen mag.

Ich habe mit Politikern, mit Technologen, mit ehemaligen Extremisten und Terroristen, mit Jugendlichen und mit verschiedenen Glaubensgemeinschaften zusammengearbeitet.

Hinter meiner Trauer steckt sehr viel Kraft

Über die Jahre hinweg habe ich Geschichten von überall auf der Welt gesammelt. Geschichten über Verluste, über Trauer, über Söhne und Töchter, die von zu Hause weggelaufen sind, weil sie sich von Lügen beeindrucken lassen haben, von einer Vision der utopischen Dystopie, die vom Terror regiert wird.

Ich habe Geschichten von Eltern gehört, die ihre Kinder in sinnlosen Gewaltakten verloren haben. Geschichten von Familien, die zerrüttet wurden, von Freunden und Nachbarn, die zu Feinden wurden. Ich habe von Ländern gehört, die am Ende von schrecklicher Gewalt zwischen den Trümmern und dem Leid von Konflikten und Kriegen nach einer Vision für die Zukunft suchen.

All dies erfüllt mich mit Kummer. Doch hinter dieser Trauer steckt auch sehr viel Kraft, Inspiration und sogar Optimismus.

Winter has come! #Norway #Giantsbane #icybeard #beard #snow #winter

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Es gibt immer einen Funken Licht

In unseren dunkelsten Stunden, in der Zeit direkt nach den Anschlägen, die wir in den vergangenen Jahren erleben mussten, fällt es uns oft schwer, optimistisch zu bleiben.

Doch es gibt immer einen Funken Licht, und wir können ihn in der Widerstandsfähigkeit der Völker, der einzelnen Menschen und der Gemeinschaften sehen, die Opfer von Gewalt geworden sind und die es dennoch irgendwie schaffen, in Würde weiterzugehen.

Vor sechs Jahren bin ich dem Tod gerade noch einmal entkommen. Ich kehrte zu meiner Familie zurück, die am Telefon erfahren musste, dass ich beinahe getötet worden wäre.

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Ich kehrte zu meinen Freunden von überall auf der Welt zurück, die mir Nachrichten geschickt hatten, in denen sie ihre Liebe und ihre Besorgnis ausgedrückt hatten. Die nach irgendeinem Lebenszeichen von mir gesucht hatten und die auf meine Facebook-Statusmeldung gewartet hatten, die ihnen um 2:30 Uhr nachts endlich verkündete: "Ich bin zu Hause und es geht mir gut."

Meine Gemeinschaft hat die Prüfung bestanden

Ich kehrte in eine Gemeinschaft zurück, zu meinen Angehörigen, zu den Menschen, die bereit waren, mich in den schweren Zeiten zu unterstützen, die mir bevorstanden. Es war nicht leicht. Weder für mich, noch für sie. Doch mittlerweile sind sechs Jahre vergangen und ich bin ihnen unendlich dankbar dafür, dass sie mich kontinuierlich unterstützt haben.

Meine Gemeinschaft hat die Prüfung bestanden. Wir sind mit Würde weitergegangen. Wir hatten Angst, wir haben gelitten, doch wir haben uns nicht der Gewalt, dem Hass oder der Rachsucht hingegeben.

Wir haben unsere Kraft lieber dafür eingesetzt, uns zusammenzuschließen und uns zu überlegen, was wir unternehmen können, um sicherzugehen, dass kein anderer mehr das erleben muss, was wir an diesem Tag vor sechs Jahren erleben mussten.

Warum wurde Breivik doch so anders als ich?

Die Frage, was man tun kann, ist sehr komplex. Ich habe erst einmal versucht, das Problem zu verstehen. Rein auf dem Papier gibt es gar nicht einmal so viele Unterschiede zwischen Anders Behring Breivik (der jetzt Fjotolf Hansen heißt) und mir.

Warum wurde er doch so anders als ich? Warum gewann er die Überzeugung, dass er sein Selbstempfinden, seine Zugehörigkeit und seine Identität nur durch den Einsatz von Waffen 'verteidigen' konnte?

Ich habe sein Manifest gelesen, weil ich ihn verstehen wollte. Ich bin zu der Gerichtsverhandlung gegangen, weil ich zum einen eine Zeugenaussage machen musste und mir zum anderen auch anhören wollte, was Breivik zu sagen hatte.

Schließlich weitete ich meine Untersuchungen aus. Ich beschäftigte mich mit anderen Menschen, denen es genauso ging wie Breivik.

Ich traf mich mit ehemaligen Extremisten: mit Rechtsextremen wie Breivik, mit Linksextremen, mit politischen Gruppierungen wie der IRA, sowie mit islamistischen und auch anderen religiösen Gruppen.

Ich lernte durch diese Treffen unglaublich viel hinzu. Ich eignete mir Wissen an, ich verstand plötzlich sowohl mich selbst als auch meine Mitmenschen besser und ich konnte die Gedankengänge von Extremisten besser nachvollziehen.

Durch Breivik gewann ich ein komplexeres und differenzierteres Bild von Extremismus. Wir konnten Breivik nicht einfach als eine Gefahr aus dem Ausland abstempeln, als etwas, das eigentlich ganz weit weg ist, wie wir das bei islamistischen Terroranschlägen oft tun. Selbst dann, wenn die Attentäter in unserem eigenen Land aufgewachsen sind, wie es in Paris und Brüssel der Fall war.

Terrorismus kann in den verschiedensten Formen auftreten

Breivik war der einzige Terrorist, der es geschafft hatte, das Hauptgebäude einer amtierenden nationalen Regierung in die Luft zu sprengen und im Anschluss bei einem Amoklauf insgesamt 77 Menschen zu töten. Im Vergleich dazu waren die Ausmaße der meisten anderen Terroranschläge sehr viel geringfügiger.

Breivik hat uns gezeigt, dass Terrorismus in den verschiedensten Formen auftreten kann. Und dass er auch aus unserer Mitte entstammen kann.

Wenn wir darauf vorbereitet sein wollen, was als Nächstes kommen wird, oder wenn wir uns, wie ich hoffe, sogar mit den Ursachen auseinandersetzen, bevor sie zum Problem werden, müssen wir hinter die Oberfläche von bestimmten Ideologien blicken.

Wir müssen uns auf die Merkmale konzentrieren, die alle Extremisten vereinen. Und wir müssen uns selbst beobachten und hinterfragen, inwiefern diese Merkmale sich auch in unserem persönlichen Umfeld verbreiten könnten.

Außerdem müssen wir uns überlegen, was wir als verantwortungsvolle Bürger dagegen unternehmen können, dass Extremismus - egal welcher Art - überhaupt erst entsteht.

Ich hatte vor sechs Jahren das Glück, in eine Gemeinschaft zurückkehren zu können, die mich unterstützte und die sich nicht der Angst, der Rachsucht und dem Hass hingab.

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Eine Gemeinschaft, die keine vorbeugenden Maßnahmen ergriff und sich auf sämtliche Menschen stürzte, die sie als Verbündete von Terroristen erachteten, wie dies in so vielen anderen Gemeinschaften der Fall ist. Und zwar insbesondere dann, wenn die Täter sich leichter als Ausländer identifizieren lassen.

Wir ließen uns nicht von Angst und Hass entzweien. Stattdessen hielten wir zusammen, in unserer ganzen Verschiedenheit, über die Grenzen von verschiedenen Ländern, Glaubensrichtungen und Ethnien und andere Taktiken hinweg, die rein zu dem Zweck entwickelt wurden, Menschen auseinanderzubringen.

Meine Gemeinschaft definiert sich nicht über nationale Grenzen oder über Sozialgeographie. Sie ist vielmehr international und existiert über die Körperlichkeiten der Welt hinaus. Als Netzwerk, das von zwischenmenschlichen Verbindungen sowie Technologien gestützt wird.

Dieses Netzwerk existiert in Norwegen, in Großbritannien, in der Türkei und in Schweden, an den Orten, an denen ich gelebt habe und an den Orten, die ich liebe. Es existiert überall da, wo ich hingereist bin und neue Menschen kennengelernt habe. Und es existiert auch darüber hinaus, mit Gruppen und Knotenpunkten überall da, wo seine Mitglieder hinziehen oder hinreisen.

Widerstand gegen die, die uns durch Terror entzweien wollen

In meiner Gemeinschaft existiert unglaublich viel Widerstand gegen Gewalt und gegen Menschen, die versuchen, andere durch Terror zu entzweien. Und diese Widerstandskraft gibt es überall.

Man spürt sie in den Coffee Shops in den Ausläufern Galatas, wo das Leben nach den Anschlägen und Putschversuchen in der Türkei weitergeht.

Man findet sie in den Büros und in den Straßen Londons, wo Freunde sich nach den Anschlägen, die die Stadt in den vergangenen Monaten erleben musste, miteinander treffen und Pläne schmieden, was sie unternehmen können, um die Stadt wieder zu heilen.

Man findet sie in Cafés, Restaurants, Diskotheken und auf Konzertbühnen in und um Paris und in den Häusern und Autos, die nach dem schrecklichen Terroranschlag in Manchester vergangenen Mai für Fremde geöffnet wurden.

Die Widerstandsfähigkeit meiner Gemeinschaft beleuchtet jedoch eine der schwierigeren Fragen, die unsere sich immer stärker vernetzende Welt sich stellen muss. Wie kann es in einer globalen Gemeinschaft passieren, dass einige Menschen außen vor bleiben, während sie unsere Gemeinschaft mit Misstrauen, Angst und Hass in ihrem Herzen beobachten und nur das eine Ziel haben, durch Akte der Gewalt und des Zorns für Zerstörung, Entwurzelung und Spaltung zu sorgen?

Diese Frage ist schwer zu beantworten, denn sie führt uns zum Unvermeidlichen. Wir müssen uns selbst hinterfragen, wir müssen uns im Spiegel anschauen und uns mit den dunklen Seiten unserer Gemeinschaft auseinandersetzen.

Warum haben wir andere ausgeschlossen?

Wir müssen uns fragen, warum wir andere ausgeschlossen haben, warum wir als Gemeinschaft daran gescheitert sind, uns selbst und unseren Besitz zu schützen, indem wir andere außen vor gelassen haben. Und in Folge dessen müssen wir gemeinsam die Verantwortung dafür tragen.

Die Antworten auf diese Fragen können schmerzhaft sein. Wir können nicht einfach immer behaupten, dass jeder Terrorangriff auf kulturelle Konflikte zurückzuführen ist. Oder Menschen dafür verantwortlich machen, die Probleme mit ihrem Zugehörigkeitsgefühl haben und deshalb entweder 'für uns oder gegen uns' sind, wie so viele Politiker verlauten ließen, wenn sie die ausgebrochene Panik in den Griff bekommen wollten.

Wir brauchen Differenziertheit, Verständnis und Menschlichkeit, und zwar gerade dann, wenn wir am stärksten an der Existenz dieser Dinge zweifeln.

Unsere eigenen Fehler anzuerkennen kann schmerzhaft sein. Es kann uns jedoch auch viel Kraft verleihen. Vielen von uns mag dies als ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen.

Wir müssen genauer hinsehen

Es wird technologische Veränderungen nach sich ziehen, wenn wir in unserer sich immer stärker vernetzenden Welt Vertrauen und Wissen aufbauen und die Grenzen von Informationsblasen und Echokammern durchbrechen, in denen Fake-News und alternative Fakten vor sich hingären.

Es bedeutet, dass wir genauer hinschauen müssen, welche Geschichten über uns selbst und unser Verständnis von unserem Platz auf der Welt von den Medien und der Unterhaltungsindustrie verbreitet werden. Im kommenden Jahr werde ich mich insbesondere auf diese beiden Einrichtungen konzentrieren. Wir brauchen größere, systematische Veränderungen.

In der Zwischenzeit möchte ich jeden einzelnen von uns auffordern, sich zu überlegen, was er oder sie selbst tun kann.

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Die meisten Heldentaten fangen im Kleinen an

Und ich verspreche dir, dass du sehr viel mehr finden wirst, als du vielleicht anfangs denkst. Du fragst dich möglicherweise: 'Was kann ich als einzelner Mensch ohne Macht und Einfluss in diesem großen System denn schon tun, um etwas so Großes und Erschreckendes wie Terrorismus zu bekämpfen?'

Der springende Punkt ist jedoch der, dass jeder einzelne von uns die Macht hat, das Leben seiner Mitmenschen, seiner Familien und seiner Nachbarn zu verändern. Fang im Kleinen an. Selbst die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt, so sagt man.

Das vielleicht Wirkungsvollste, was wir gemeinsam unternehmen können, ist es, uns gegenseitig in schweren Zeiten, in Glaubenskrisen, im Leid und im Schockzustand zu unterstützen. Wir können Menschen die Hand reichen, die in einer Krise stecken oder die ihr Zuhause in Angst verlassen mussten.

Wir können einem älteren Nachbarn helfen, der jemanden braucht, mit dem er sich bei einer Tasse Tee unterhalten kann. Wir können für ein Familienmitglied da sein, das Probleme hat.

Die meisten Heldentaten fangen im Kleinen an, nämlich bei uns zu Hause. Sei auch du ein Held und mach es wie meine Freunde, meine Familie und meine Gemeinschaft und schenke denjenigen, die es brauchen, ein Gefühl des Zusammenhalts und der Zugehörigkeit, anstatt Angst, Hass und Gewalt zu verbreiten.

Als Lohn dafür wirst du dann auch wieder die guten Zeiten erleben. Hoffen wir, dass in den kommenden Jahren wieder bessere Zeiten anbrechen.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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