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Be Nice: Hört bitte auf, unsere Welt mit Trauerphrasen zu überfluten

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NIZZA ANSCHLAG TERROR
Björn Uhde
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Trauer. Entsetzen. Betroffenheit. Wieder "Beten für...". Paris. Brüssel. Istanbul. Jetzt Nizza. Zwischendrin Bagdad und Bangladesch. Seid mir nicht böse, aber als "Bystander", als jemand, der das aus den Nachrichten erlebt und eben "dabeisteht", wird es mit der Betroffenheit und der Trauer langsam etwas schwer. Auch wenn ich gerade zu Nizza eine persönliche Beziehung habe und mich das daher schon berührt.

Meine Beziehung startete nämlich gar nicht so "Nice", wie die Stadt im Englischen und Französischen heißt.

Ich konnte nämlich kein Französisch. Sollte dort aber zwei Wochen hin, um diesen Misstand zwecks schulischer Bildung aufzuholen. Was prinzipiell für mich auf dem gleichen Level wie ein Horrortrip rangierte. Fremdes Land. Fremde Sprache. Fremde Währung (ja, damals zahlte man mit Franc!).

"Nizza war für mich kein Sehnsuchtsort"

Und ich im Flieger. Mit diesem kleinen gelben Langenscheidt-Wortführer. Meiner letzten Rettung. Dachte ich. Nein, Nizza war für mich nicht die pittoreske Cote d'Azur, kein Sehnsuchtsort. Wirklich nicht.

Nachdem ich nach der Landung ins Stadtleben eintauchte, wurde ich mehrmals von französischen Sprach-Tsunamis überschwemmt. Erste Erkenntnis: Wenn Franzosen reden, reden sie französisch. Zweite: Und das vor allem furchtbar schnell. Ich war gedanklich vollkommen lost in translation.

Wann es "Klick" gemacht hat, kann ich bis heute nicht genau sagen. Das Meer vor Nizza ist wirklich engelsgleich blau. Die Lebensart in dieser Stadt ist ein einzigartiger Mix aus französischem Savoir-vivre und italienischem Temperament.

Ich weiß nicht, ob es an dem großartigen Wein (vom Kiosk, für 3 Franc!) und den Nächten an eben jener Promenade des Anglais lag, wo wir gemeinsam in die laue Nacht philosophierten (und uns öfters die Klamotten vom Leib rissen und badeten). Vielleicht war es der Geruch der Märkte, der beschwingte Sommerduft.

Sicherlich auch der britische Friedhofsgärtner, auf dessen Balkon wir über ein Dach klettern durften - und der mir den Gemeinschaftsraum der anglikanischen Kirche öffnete, damit ich dort nachmittags Klavier spielen konnte.

Nizza ist ein Juwel

Das ist jetzt 21 Jahre her. Diese Stadt hat mich in zwei Wochen geprägt. Nizza ist ein Juwel. Ein Kleinod. Ja, es ist Sehnsuchtsort. Nizza ist und bleibt eine der schönsten Städte am Mittelmeer. Nizza fasziniert. Nizza inspiriert.

Und das bleibt auch so. Gerade jetzt.

Tut mir einen Gefallen: geht, wenn Ihr da seid, in die Rue du Congrès. Dort habe ich gewohnt, nicht weit weg von der Promenade des Anglais. An der Ecke zur Rue de la Buffa findet sich die anglikanische Kirche. Im Gemeinschaftsraum, unter dem Balkon, habe ich Klavier gespielt. Geht in die Kirche, haltet einen Moment inne und zündet eine Kerze an.

Tut mir einen weiteren Gefallen, danach: lasst euch bitte wieder verzaubern. Bei aller Schwere dieser Tage. Von dieser Stadt. Genießt, bei aller Trauer, das Leben. Flaniert unter Palmen, lacht, weint, redet, haltet zusammen. Gerade Nizza ist ein Ort, um das Leben in vollen Zügen zu genießen. Savoir-vivre. Wenn man es lernen kann, dann dort.

All diese Städte, die in letzter Zeit durch wahnsinnige Taten Einzelner getroffen wurden, sollten wir - bei aller Trauer - anders darstellen. Auch in Verantwortung für die, die jetzt nicht mehr unter uns sein können.

Einzigartige Lebensarten

In Paris pulsiert das Leben (und die Liebe, was man so hört ❤️). Bagdad wird auch wieder auf die Beine kommen. Ich habe Bemerkenswertes über Aleppo und Damaskus gehört. Auch das kriegen wir, als Menschen, wieder in Ordnung. Istanbul ist, trotz seltsamer Landesregierung, Brückenbauer zwischen Asien und Europa. Auch Brüssel ist, das habe ich gehört, Herzensstadt einer meiner Freunde - er wird nicht der einzige sein. Seid zuversichtlich. Und zeigt, worauf es ankommt.

Lasst all diese Städte, ihre einzigartige Lebensart, ihre einzigartigen Menschen, hochleben! Zeigt das Beste, was sie zu bieten haben! Das wäre im Sinne der, die dieses Leben, diese Welt liebten und lieben.

Seid natürlich solidarisch mit den Toten. Aber bedeckt unsere Welt nicht zweiwöchentlich mit Trauerflor und Banderolen, mit Ergriffenheit und Bestürzung.

Feiert das Leben! Gerade dort, wo man es uns allen nehmen möchte.

Kein #prayforNice.
Sondern ein #BeNice.

Gerade für Nizza.

On vive. Feiern wir das!

Dieser Beitrag erschien auch auf deinespd.de.

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