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"Mich überkommt ein Gruseln vor diesen Deutschen"

03/08/2015 09:54 CEST | Aktualisiert 03/08/2016 11:12 CEST
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Ich fürchte mich. Vor diesem Deutschland. Wenn ich mir überlege, wie das zur letzten Bundestagswahl - vor nicht mal knapp zwei Jahren! - war, dann überkommt mich ein Gruseln vor diesen Deutschen.

Damit meine ich ausdrücklich nicht diejenigen, die sich engagieren für ein besseres Zusammenleben. Nein, es ist der braune Mob, der mir Sorgen macht. Vor zwei Jahren war Flüchtlingspolitik nicht mal ansatzweise irgendwo ein Thema. Heute tobten sich Rassisten, getarnt als Asylkritiker und besorgte Bürger, im Internet aus.

Ein kurzer Blick: Focus titelt „Förderschüler müssen Schule für Flüchtlinge räumen" - 221 Kommentare, die meisten im Tenor von „Kapieren die (gemeint sind die Politiker) es noch? Das Boot ist voll!"

298 Kommentare bei SPIEGEL ONLINE, die immerhin gegensteuern - dafür aber mit Lügenpresse, Lügenpresse abgestraft werden. Bei einem Artikel über das Verbot von Demonstrationen vor der Asylunterkunft in Freital.

Das BKA warnt derweil vor einer Ausbreitung von völkischer Ideologie, gerade auch in bürgerlichen Kreisen.

Dabei schweigt der Deutschen liebste Kanzlerin eisern. Was wirklich gespenstisch ist.

Zu den Fakten: Deutschland nimmt auf 1000 Menschen 2 Flüchtlinge auf.

ZWEI!

Z-W-E-I!

Wer hier von „Das Boot ist voll!" spricht - ernsthaft - hat wahlweise einen gewaltigen Knick in der Optik oder einen veritablen Sprung in der Schüssel.

Hier findet keine Islamisierung, keine Überfremdung statt. Jeder Wandertag einer Schulklasse veranstaltet mehr Chaos und Unsinn in einem von „aufrechten" Deutschen bewohnten Dorf.

Egal, wie man die Sache auch dreht und wendet: in einem Ort sind es 44 auf 6000, in größeren Städten 80-90 auf 16.000. Das sind Zahlen, die meist unter einem Prozent liegen und die so gar nichts mit Überfremdung zu tun haben.

Besonders bitter für mich sind die Meldungen aus Sachsen: waren die Ostdeutschen vor 25 Jahren selbst noch Flüchtlinge aus wirtschaftlichen Gründen, wird jetzt in widerwärtiger Art und Weise gegen „die" gehetzt, die eine hochriskante, oft lebensgefährliche Flucht aus einem verwüsteten Land hinter sich haben.

Werden - zurecht - Demonstrationen vor den Heimen verboten, handelt man in vielen dieser Augen verfassungsfeindlich, da man nicht mehr frei demonstrieren darf.

Artikel 1 reicht da aber schon: „Die Würde des Menschen ist unantastbar." Ja, die des Menschen. Nicht die des Deutschen. Würdelos verhalten sich hier die auf rechts drehenden Deutschen.

In Gerstungen in Thüringen formiert sich eine „Bürgerwehr", die „ausländisch wirkende Personen" protokolliert und (zumindest) das Internet in einer Facebookgruppe mit immerhin 2700 Mitgliedern verständigt.

Das ist eine Hetzjagd.

Man möge sich mal vorstellen, in Indien würde es Facebookgruppen geben, die Deutsche in gleicher Weise beschatten und protokollieren würden.

Hier freut man sich dann, wenn dann eine Serie von Einbrüchen, die offenbar von Kosovo-Albanern begangen worden ist, die augenscheinliche „Wichtigkeit" dieser Wehr bestätigt.

Schnell wird dann das kriminelle Verhalten von 4 Personen auf „alle" Ausländer umgelegt.

Und es scheint auch nur mehr eine Frage der Zeit, bis der/die Erste umgelegt wird. Man verteidigt sich ja nur gegen die Bedrohung.

Ja, nee. Is' klar.

Es entstehen hier Strukturen, die vor 75, 80 Jahren schon mal die Ouvertüre zu einem hysterischen Wahn waren, der Europa verwüstete.

Anfangs waren das auch nur Bürger, die sich sorgten, die vermeintliche Wahrheiten aussprachen. Am Ende waren es falsche Gefühle, die sich zu dieser völkischen Raserei emporschaukelten. Wie das endete, wissen wir alle.

Und am Ende war man es nicht. Da waren die Nazis andere. Und man konnte ja nichts tun - außer Wegsehen.

Ich glaube, so fing das damals auch an. Indem diese Menschenverachtung langsam einsickerte.

Das befürchte ich heute wieder.

Was wir nun brauchen, dringend, ist eine eindeutige Positionierung: wer sich vor Flüchtlingsheimen positioniert, diese Menschen niederbrüllt, wer in sozialen Netzwerken hetzt und dumpfe Ressentiments anspricht, betätigt sich als Türöffner der Barbarei.

Ja, auch die Wegseher oder die „Da-muss-es-doch-einen-dritten-Weg-geben"-Sucher sind hier in der Verantwortung, sich eindeutig zu positionieren. Klare Kante. Für eine zivilisierte Demokratie.

JETZT.

Dieser Artikel erschien zuerst auf deinespd.de.

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