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Warum ich seit Tagen Opfer eines rechtspopulistischen Shitstorms bin

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PEGIDA HASS
Getty
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Die AfD finanziert sich im Landtagswahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern wieder einmal aus dubiosen finanziellen Quellen: eine zehnseitige Broschüre, die einerseits den AfD-Spitzenkandidaten hochleben lässt, andererseits versucht, mit Flüchtlingshetze zu "beeindrucken", geht in diesen Tagen an Haushalte in dem Bundesland. Von der AfD weiß niemand von nichts, der DGB spricht daher von Wählertäuschung.

Ein AfD-Vertreter hat damit kein Problem. Das sei schließlich freie Meinungsäußerung. Und das verteidigt er auch wortreich auf meinem Facebookprofil. Während seiner Arbeitszeit. Seinen Arbeitgeber erwähnt er auf seinem Profil.

Daraufhin stellte ich über Twitter folgende Anfrage an das Unternehmen:

@hawesko Einer Ihrer Kollegen verteidigt #AfD und Hetze über Flüchtlinge auf meinem Fb-Profil - während einer SAP-Schulung. Das OK f. Sie?

Die Antwort:

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Also: man ist politisch neutral, ansonsten gelte Meinungsfreiheit. Meine Folgefrage, ob das auch für Hetze gegen Flüchtlinge gelte, blieb unbeantwortet.

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Persönliche Klarstellung: Es liegt mir fern, das Unternehmen Hawesko selbst mit rechtsextremen Parteien oder Gedankengut in Verbindung zu bringen. Der Vorgang illustriert aber, was eine missglückte Unternehmenskommunikation auslösen kann.

Ein rechtspopulistischer Shitstorm

Was auch vollkommen nebensächlich wurde, denn der Vorgang erregte in der AfD-Community offenbar enorme Aufmerksamkeit: ein rechtspopulistischer Shitstorm ergießt sich seitdem über mein Profil bei Twitter: 20+ Erwähnungen in unter zwei Minuten sind seit Montagnachmittag völlig normal. Dienstagabend schwappte das zu Facebook hinüber.

Um die facettenreiche Diskussionskultur von AfD-Sympathisanten zu illustrieren, hier eine unvollständige und andauernde Liste an Begriffen, die mir entgegengebracht wurden:

• Nazi
• Denunziant
• Denunziantensau
• Blockwart
• Stasi
• IM
• peinliche widerliche Rotznase
• rote Denunziantensocke
• SPD-Denunziant
• Spezialdemokrat in freier Wildbahn
• Abschaum
• vertrottelter Denunziant
• Heulsuse
• „Halt die Fresse"
• Haltloses Geschwafel
• Mitläufer
• armselige Kreatur
• hätte sich beim MfS in der DDR wohlgefühlt
• Schurke
• Vollpfosten
• korrupter Verräter
• hat früher bestimmt seine Mitschüler verpfiffen, heiße Ohren kassiert
• feige Sau
• typisch für die Pack- und Arschaffen-SPD
• wie ein Kleinkind das zur Mama rennt
• dreckiger Denunziant
• Trottel
• Sind alle SPDler solche Deppen wie du?
• Sie wurden bestimmt von der Stasi geschult
• Bald wird gewählt, dann wird abgerechnet mit der SPD
• antidemokratisch, asozial und faschistisch
• Das größte Schwein im ganzen Land: der Denunziant
• Dumme Nazisau
• Der größte Lump im ganzen Land: der Denunziant
• Ab wann wird Dummheit strafrechtlich relevant?
• Löschen Sie sich einfach
• Du dreckiges Denunziantenschwein
• Du bist so eine Pfeife, so lächerlich
• Nazijäger mit Stasimethoden
• Von gebildet kann man bei dir auch nicht reden wenn du keine Ahnung hast wie in der NS Zeit
• Dumm sein ist schon schlimm, nix dazugelernt schlimmer!
• Linksversiffter Drecksassi
• in bester SPD Stürmer-Manier
• ich bin für eine köpferollende Generalrevolution
• Du Penner hetzt ja immer noch
• Denunziant mit intellektuellen Defiziten
• Widerwärtiges Pack
• weltfremdes Politikerbübchen
• kleiner feiger Spaßvogel

Die Personen, die sich so äußern, sind ein kompletter Bevölkerungsquerschnitt: alt, jung, Mann, Frau. An keinen physischen Ort gebunden.

Es läuft komplett unkontrolliert ab: jeder Beteiligte agiert autonom, es gibt keinen „Kopf", der das steuert. Viele Menschen werden zeitgleich - fast wie Schläferzellen - aktiviert, die sich alle in mehr oder weniger ähnlicher Weise äußern. Dadurch wird eine undefinierbare Masse an anonymen Accounts aktiviert, die sich weder aufhalten noch stoppen lässt. Einzige Option: ertragen.

Das nach Eigenaussage "politisch neutrale" Unternehmen Hawesko wurde für seine Reaktion währenddessen von Beatrix von Storch gelobt (durch den "Gefällt-mir"-Stern bei Twitter, dem Äquivalent zum Facebook-Like). Schenkt man den zahlreichen rechtspopulistischen Accounts Glauben, müsste Hawesko gerade in Weinbestellungen ertrinken - Lob für seine angeblich "demokratische" Haltung geht von der AfD-Spitze bis runter zu entsprechenden Sympathisanten. Alles streng rechtsaußen.

Währenddessen wütete der Sturm ungehindert weiter - und riss den stellvertretenden Bundesvorsitzenden der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung, Jürgen Presser, dazu hin, mich mit Stasi-Chef Erich Mielke zu vergleichen.

Bemerkenswert, wenn sich Vertreter der Regierungspartei in offizieller Position in dieser Weise über Mitglieder des Koalitionspartners äußern. Meine Intervention bei der MIT-Geschäftsstelle verlief freundlich. Man distanzierte sich - durchaus glaubwürdig! - von Inhalten der AfD (Danke dafür!), verwies aber darauf, dass Herr Presser das eigenverantwortlich mache.

Mein Versuch, ihm die Brisanz der Thematik klarzumachen - der Relativierung massenhaften DDR-Unrechts durch Gleichsetzung mit der berechtigten Frage nach dem Umgang mit Rassismus innerhalb einer Firma - schlug an der offensichtlichen Uneinsichtigkeit fehl. Ein erneuter Anruf in der Geschäftsstelle wurde nicht abgehoben.

Die Macht der braunen Bewegung

Daneben erreichten mich gestern zwei Anrufe: ein anonymer, der mich wüst auf dem Anrufbeantworter beschimpfte und mich in Züge setzen wollte (hier nach zuhören in der SoundCloud) und ein Anruf ohne unterdrückte Nummer, bei der mir der Anrufer mitteilte, er hätte jetzt genügend Beweise, die ihm bestätigten, ich sei Mitglied der gewaltbereiten Antifa und er werde all das dem Landeskriminalamt Stuttgart überantworten.

Zugegebenermaßen: das war hart.

Ich wäre beinahe vor Lachen vom Stuhl gefallen.

Trotzdem, beunruhigenderweise: der Mann meinte das bitterernst. Der war davon überzeugt.

Die gesamte Geschichte ist nach wie vor offen und dauert an, ich habe neben der Mittelstandsvereinigung auch die CDU angeschrieben.
Ich dokumentiere Teile des Hasses auf meinem Profil auf Facebook. Den Fortgang der Geschichte werde ich nach Sachlage ebenfalls veröffentlichen.

Für mich zeigt sich hier exemplarisch, welche Macht die braune Bewegung bereits jetzt schon hat: sie taucht unvermittelt auf, schießt sich auf einzelne Personen ein und versucht, sie mit der schieren Masse an Diffamierungen mundtot zu machen - oder zumindest massiv einzuschüchtern.

Hetze wirkt - wenn man sich einschüchtern lässt

Dabei wird aus einer berechtigten Rückfrage - wie in meinem Fall - ein Märchen von einer angeblichen "sozialdemokratischen Denunzierungskampagne", um einen "Vertreter einer demokratischen Partei wirtschaftlich und familiär zu vernichten." Das wird dann, tausendfach retweetet (und damit wiederholt) zu gefühlter Wahrheit. Ein Durchkommen mit Tatsachen? Schlicht unmöglich.

Die sind nämlich folgende:

Wer sich, während seiner Arbeitszeit, auf meinem öffentlich zugänglichen, persönlichen Profil in einer Art und Weise äußert, die rassistisch oder Rassismus verharmlosend aufgefasst werden könnte und dazu seinen Arbeitgeber im eigenen Profil nennt, wirft Fragen auf.

Um deren Beantwortung ich mich bemühe.

Jeder Erwachsene, jeder, der sich am politischen Austausch beteiligt, möchte respektiert und ernstgenommen werden, gerade auch mit seinen Ansichten. Das tue ich. Daher gehe ich davon aus, wenn sich jemand in entsprechender Weise äußert, er auch dahinter steht und keinen angeblich missverständlichen Witz macht, keinen Praktikanten beschäftigt und auch nicht Absatz für Absatz auf der Maus ausrutscht. Genau nach dieser Maßgabe verfahre ich.

Hetze wirkt - wenn man sich einschüchtern lässt, von der Masse an abfälligen Kommentaren (und Profilen, die sie abgeben). Das sollten wir alle nicht tun. Denn wir haben einen mächtigen Verbündeten, den man meines Erachtens nicht außer Acht lassen sollte: die Öffentlichkeit.

Wir leben in einer Gesellschaft des sozialen Zusammenhalts, der Menschlichkeit. Menschen hassen andere nicht "einfach so". Im Zweifelsfall ist die helfende Hand eher da als der überbordende Hass.

Deshalb rate ich euch: seid mutig, sucht die Öffentlichkeit. Sie wird euer Schutz und Verbündeter sein. Hilfe kommt von dort - übrigens egal, ob ihr von rechtspopulistischen Accounts drei Tage lang niedergemäht oder in eurer Schule wegen Nebensächlichkeiten gemobbt werdet.

Seid mutig! Einen Verbündeten habt ihr schon jetzt: mich.

Björn Uhde
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ist Herausgeber von Deine SPD und arbeitet jetzt die 102 neu aufgelaufenen Benachrichtigungen ab.

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Updates
• Die Firma Hawesko ist von der Facebookseite des AfD-Vertreters verschwunden
• Ein Radiosender aus Baden-Württemberg hat eine Anfrage an Hawesko gestellt - die Beantwortung läuft
• Eine Mediengruppe aus Rheinland-Pfalz ist ebenso an Hawesko herangetreten - die AfD hat den Fall in Rheinland-Pfalz aufgegriffen
• Deine SPD hat sich mit einer Anfrage an Hawesko gewandt
• Hawesko hat inzwischen alle Beitragsmöglichkeiten auf ihrer Facebookseite gesperrt

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Deine SPD.

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