Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Björn Süfke Headshot

Was es heute heißt, ein Mann zu sein

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MAN
Getty Images
Drucken

Der Zerfall der Traditionellen Männlichkeit: TIME TO SAY GOODBYE!

Eigentlich braucht es nur einen einzigen Beweis, um das Bröckeln der Traditionellen Männlichkeit zu verdeutlichen: Marlboro hat seinen testosterongeschwängerten Werbe-Cowboy in die Rente geschickt! Naja, vielleicht ist er auch an Lungenkrebs gestorben oder an Einsamkeit.

Auf jeden Fall wirbt Marlboro jetzt mit den gleichen platten Lebensweisheiten wie alle anderen Zigarettenmarken auch. Analog zur Gleichschaltung bundesdeutscher Fußgängerzonen ist das zwar bezeichnend für die Austauschbarkeit jeglicher Marken in der globalisierten Welt. Geschlechterrollenmäßig stellt es aber durch- aus einen Fortschritt dar.

Aber schauen wir uns doch einmal ganz genau an, inwieweit sowohl die Präambel als auch die beiden Oberparagraphen der Lex TM ihre Richtlinienkompetenz zu verlieren beginnen:

Gefühle sind okay - zumindest manchmal!

Die Relativierung des Leitsatzes Mann-Sein heißt, keine Gefühle zu haben ist sehr schön anhand der Veränderung von Männertypen in den Medien zu beobachten. Und zwar nicht nur in künstlerisch ambitionierten Produktionen, die ja schon länger emotional facettenreiche Männer porträtieren, sondern auch in Mainstream-Filmen.

Bei den Tatort-Kommissaren etwa werden offenkundige Beziehungsprobleme nicht mehr allein als ehrenvolle Priorisierung der so wichtigen Arbeit überhöht. Auch Ängste, Zweifel, Scham- und Schuldgefühle bekommen langsam, aber sicher mehr Spielzeit. Generell wird heute ein Tatort ohne jede Bezugnahme auf persönliche Probleme des männlichen Protagonisten als langweiliger Krimi von der Stange wahrgenommen.

Ähnliches gilt für einige amerikanische Fernsehserien. Wie schon Mafioso Paul Vitti in dem Film Reine Nervensache sollte der therapie- bedürftige Mafia-Boss Tony in Sopranos natürlich vor allem grotesk-komisch sein. Aber allein die Grundidee und die Vorstellung, damit eine ganze Staffel (beziehungsweise letztlich dann sechs Staffeln) füllen zu können, weist auf Veränderungen hin.

In Dexter wiederum ist die Hauptfigur ein frühkindlich traumatisierter Mann, der als Erwachsener ein nach außen hin unauffälliges Leben als sympathischer und kompetenter Blutspurenanalyst bei der Mordkommission führt.

In seiner Freizeit aber tötet er systematisch Menschen - allerdings nur böse Menschen, versteht sich. (Irgend- wie muss man sie doch einfach lieben, diese amerikanischen Drehbuchautoren, oder?) Mit etwas gutem Willen kann man es gerade- zu als Leitmotiv der insgesamt acht Dexter-Staffeln sehen, dass ein von seinen inneren Impulsen entfremdeter Mann versucht, seine Gefühlswelt und damit seine Menschlichkeit wiederzuentdecken. Erfolg heißt in dieser Serie eigentlich immer: etwas zu fühlen.

Sicherlich, sowohl Tony als auch Dexter bringen, wenn sie nicht gerade um die verstorbene Mutter trauern, so einige Menschen um die Ecke - natürlich fast ausschließlich Männer. Aber derart kleinkarierte Bedenken sollten uns nicht daran hindern, die grundsätzliche Entwicklung zu würdigen.

Apropos "umbringen": Auch der Mann mit der "Lizenz zum Töten" hat vor circa einem Jahrzehnt eine bemerkenswerte Wandlung durchlaufen. Während der James Bond früherer Zeiten ein glattrasierter, makelloser Frauenheld ohne jeden emotionalen Tiefgang war, verkörpert Daniel Craig nun einen Bond, dem man zumindest immer ein durchaus lebendiges Innenleben unterstellen kann.

Sowohl körperliche Schmerzen als auch Gefühle wie Liebe oder Rachsucht wer- den offen herausgearbeitet. Nicht umsonst hat man vor Casino Royale jemanden wie Daniel Craig gecastet und nicht etwa Hugh Jackman oder Jude Law.

Und wieder: Natürlich ist James Bond trotz allem ein Superheld mit übermenschlichen, ja, sogar übermännlichen Fähigkeiten geblieben, was erneut zeigt, dass das traditionelle Männerbild eben nicht abgelöst, sondern lediglich erweitert wurde. Auch ist die mit Casino Royale eingeläutete emotionale Entwicklung leider in den Folgepro- duktionen schon wieder rückläufig gewesen. Aber, wie gesagt, wir wollten ja nicht so pingelig sein ...

Sissy stuff ist okay - zumindest cooler sissy stuff!

Auch das Verbot, Dinge zu tun, die mit Frau-Sein assoziiert sind (§ ), ist an einigen Stellen ins Wanken geraten. Vorreiter ist dabei natürlich wie so oft die Mode. Ende der Achtzigerjahre nahmen noch so einige meiner Lehrer die Kombination aus meiner Langhaarigkeit und dem Kurzhaarschnitt meiner Freundin zum Anlass, um vor der versammelten Klasse laut darüber zu sinnieren, "wer denn da Männlein und wer Weiblein sei".

Sollten ebendiese Lehrer heute mal ein Modemagazin für Männer (wenngleich das für viele wahrscheinlich ein Widerspruch in sich ist!) zur Hand nehmen, dürften sie recht verwirrt sein angesichts all der pinkfarbenen T-Shirts, androgynen Haarschnitte und brusthaarbefreiten Männer-Models. Und der eine oder andere von ihnen dürfte während des Eurovision Song Contests 2014, den Conchita Wurst wohl weniger trotz als vielmehr wegen der bislang unüblichen Verbindung aus Vollbart und Abendkleid haushoch für sich entschied, massiv herzinfarktgefährdet gewesen sein.

Aber auch außerhalb der Know-no-limits-Welt der Mode-, Kunst- und Showbranche gibt es erste Alltags-Guerilla-Aktionen. Ich denke etwa an jenen Röcke tragenden Vater, über den vor einiger Zeit in der Zeitschrift Emma berichtet wurde.

Wie so viele Kinder, gleich ob Junge oder Mädchen, hatte der kleine Sohn dieses Mannes ein ausgesprochen starkes Interesse an Kleidern, Prinzessinnenkostümen und anderen Kleidungsstücken, die außerhalb Schottlands in der Regel Frauen vorbehalten bleiben. Besonders gerne trug der Junge wohl Röcke.

Als er schließlich den Wunsch äußerte, seine Lieblingsbekleidung auch in der Kita zu tragen, verzichtete der Vater auf den in solchen Situationen üblichen Gang zum Kinderpsychologen und besorgte sich stattdessen selbst einen Rock, in welchem er seinen Sohn zur Kindertagesstätte begleitete.

Auch zu dieser Geschichte muss natürlich angemerkt werden, dass es vermutlich nur in der Emma möglich war, sie mitfühlend und ohne ironische Zwischentöne zu veröffentlichen. Und vielleicht gibt es auch heute noch auf der ganzen Welt nur wenige Väter, die Ähnliches für ihre Söhne tun würden. Aber das ist hier nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass es gesellschaftlich möglich ist, so zu handeln. Dass es möglich ist, so zu denken. Dass es überhaupt Väter gibt, die auf diese Idee kommen.

Auch das lange tabuisierte Thema männlicher Opferschaft in der Kindheit kommt zeitweilig in die Öffentlichkeit, wenngleich es dafür weiterhin medienwirksamer Skandalfälle bedarf - wie etwa die sexuellen Übergriffe an der Odenwaldschule. Wenn diese Skandale dann nach einiger Zeit aus der medialen Berichterstattung verschwinden, wird leider auch die Auseinandersetzung mit dem Thema wieder beendet.

Immerhin: Im Zusammenhang mit den Enthüllungen über die Odenwaldschule wurde von der Bundesregierung sogar eine Hotline für Betroffene sexualisierter Gewalt eingerichtet, die sich explizit auch an männliche Opfer richtete. Ich erinnere mich noch sehr genau an die damaligen Poster und Aufklärungsflyer, die es tatsächlich in einer Version für Frauen und einer für Männer gab. Das zeigte doch sehr deutlich, dass Mitgefühl für Männer von staatlicher Seite aus kein Ding der Unmöglichkeit ist.

Über die gestiegene gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität müssen wir gar nicht groß reden: Homo-Ehe ist ein Wort, das sich nicht nur Grünen-Wähler und -Politiker mittlerweile in den Mund zu nehmen getrauen.

Der Fußballer Thomas Hitzlsperger konnte nach seinem Coming-Out im öffentlich-rechtlichen Fernsehen moderieren, und wenn Volker Beck bei einer Schwulen-Demonstration in Russland misshandelt wird, gibt es gar eine kleine Welle der Empörung. Dabei fällt mir ein: Ich habe auch schon lange nichts mehr von dem Bemühen gehört, ein Homosexualität verursachendes Chromosom zu finden ...

Versagen ist noch nicht okay!

Sehr viel schwerer fällt es mir, Beispiele zu finden, die eine Aufweichung des Verbots zu versagen (§ ) illustrieren. Es scheint, als täten sich für Männer zumindest theoretisch so einige neue Möglichkeiten auf - solange sie dabei erfolgreich sind! Vor einigen Jahren war ich zu einer Podiumsdiskussion anlässlich der Vorstellung einer großen Männerstudie des Allensbach-Instituts eingeladen und saß dort neben zwei weiteren Männern in der Runde:

Zum einen war da der Schauspieler Heiner Lauterbach, dem offenkundig die Rolle des Macho-Mannes zugedacht war, auf die er von den anwesenden Journa- listen dann auch penetrant festgenagelt wurde. Es war, ehrlich gesagt, derart peinlich, dass ich sofort solidarische Gefühle mit ihm entwi- ckelte, obwohl wir beide zu einigen Geschlechterthemen inhaltlich gewisse Differenzen haben dürften.

Zum anderen saß dort ein vierfacher Vater, der sich ausschließlich um Kinder und Haushalt kümmerte, während seine Frau vollzeitberufstätig war. Er diente also als Prototyp für das Arrangement "Rollentausch". Dieser Mann war, wenn ich das mal so einfach sagen darf, ein völlig normaler Mann im positiven Sinne des Wortes. Schon optisch: Mittelalt, mittelgroß, kräftige Statur, der heute übliche Quasi-Glatzenschnitt.

Alles, was er in der Folgezeit sagte, konnte diesen Eindruck eigentlich nur verstärken: Seinen männertypischen technisch-handwerklichen Beruf hatte er aufgegeben, als die Kinder kamen, weil sei- ne Frau als Beamtin schlichtweg deutlich besser verdiente.

Die Art, wie er von seinem Alltag und diesem noch immer recht unüblichen Geschlechter-Arrangement berichtete, war erfrischend unprätentiös. Natürlich hätte es Startschwierigkeiten gegeben, aber recht schnell hätte er sich eingelebt und den intensiven Kontakt zu den Kindern schätzen gelernt. Er zeigte sich weder stolz noch schambeladen und stilisierte die eher pragmatisch bedingte Arbeitsaufteilung nicht zu einem politischen Statement.

Das alles konnte aber nicht verhindern, dass sämtliche Kommentare, Fragen und Bemerkungen, die in seine Richtung gingen oder über seine Person abgegeben wurden, latent bis unverschämt offen abwertend waren. Natürlich nicht in Form von Beleidigungen oder Ähnlichem, aber mit jener Art von intellektueller Herablassung, die in witzig gemeinten ironischen Bemerkungen, in der Wortwahl oder der Art der Fragen aufscheint.

Ich glaube nicht, dass irgendwer ihn unsympathisch fand. Als Mann aber wurde er nicht ernstgenommen. Als er schließlich äußerte, mittlerweile habe er durchaus Spaß an einigen Haushaltstätigkeiten entwickelt und strebe nach der Kinderpha- se die Rückkehr in seinen Beruf nicht unbedingt an, versiegte sogar das journalistische Interesse an ihm abrupt. Dieser Kerl taugte ein- fach nicht als Bild für den "neuen Mann", weil er als Mann versagte.

Irgendwann schaltete ich mich ein, machte einige Von-Vater-zu- Vater-Bemerkungen und erzählte von meinem eigenen familiären Alltag. Ich war zwar eigentlich nur als Experte geladen, für den theoretischen Hintergrund, hatte aber irgendwie das Bedürfnis, mich solidarisch zu zeigen.

Das Ergebnis war erstaunlich: Ich selbst wurde von den Moderatoren und Journalisten unvermindert ernstgenommen, mein Vater-Kollege hingegen weiterhin ignoriert.
Die Botschaft war offensichtlich: Ein Mann, der sich sowohl um seine Kinder kümmert als auch beruflich erfolgreich genug ist, um als Experte zu so einer Runde geladen zu werden, so einer kann als Mann also durchgehen. Selbst wenn er beständig von Gefühlen schwafelt. Entsprechend kamen hinterher wieder einige Journalistinnen auf mich zu, um mir freudestrahlend meine "Lieblingsfrage" zu stellen: Ob ich denn nun so ein "neuer Mann" sei.

Es war geradezu widerlich. Selbst wenn wir mal beim Leistungsbegriff bleiben: Es ist doch keine größere Alltagsleistung, die ich im Verhältnis zu diesem voll familienorientierten Vater erbringe, sondern lediglich eine stärker aufgeteilte. Aber egal, wieviel dieser vierfache Vater auch leisten mag: Er verstößt einfach gegen zu viele Paragraphen der Lex TM.

Beim Leistungsprinzip scheint es vielmehr so zu sein, dass es nicht auf der Männerseite zu bröckeln beginnt, sondern von den Frauen bei der Neudefinition von Weiblichkeit übernommen wurde. Wie sehr auch Frauen heute diesem Leistungsprinzip unterworfen sind, merke ich an einer Selbsterfahrungsübung, die ich häufig in Fortbildungen mit den Teilnehmern durchführe.

Es geht dabei um Selbsteinschätzungen, inwieweit man - beziehungsweise eben auch frau - verschiedene männertypische Mechanismen der Gefühlsabwehr bei sich selbst zu entdecken vermag. Während bei Aspekten wie "Schweigen und Alleinsein" oder "Handlungsorientierung" in aller Regel ausschließlich Männer eine hohe Ausprägung bei sich erkennen, findet sich hinsichtlich einer "starken Leistungsorientierung" zunehmend eine geschlechtergemischte Gruppe zusammen.

Diese Entwicklung zeigt ebenfalls, wie sehr das Konzept Traditioneller Männlichkeit mit seiner extremen Leistungsfixiertheit immer auch von einer Nutzbarmachung des Mannes für die Gesellschaft geprägt gewesen ist. Heutzutage sind auch die Frauen für die Marktwirtschaft wertvoll, da sie für die Unternehmen wegen ihres hohen Bildungsniveaus und der nur noch geringen Ausfallzeiten im Zuge einer Mutterschaft attraktiver und verlässlicher geworden sind. Konsequenterweise wird das Leistungsprinzip einfach auf sie übertragen.

Zum Schluss dieses Kapitels sollte noch ein Bestandteil der Traditionellen Männlichkeit erwähnt werden, der schon so lange im Zerfall begriffen ist, dass man fast vergessen könnte, ihn zu erwähnen: die einstige Höherbewertung von Männern und angeblich männer- typischen Eigenschaften.

Erinnern Sie sich noch daran, dass Durchsetzungs- und Leistungsfähigkeit, Mut, Unabhängigkeit oder Bedürfnislosigkeit einstmals hochgepriesene "männliche Tugenden" waren? Nun denn, heute gelten Durchsetzungsfähigkeit und Mut als machomäßige Ellbogenmentalität, Unabhängigkeit als Bindungsunfähigkeit und Bedürfnislosigkeit als Zeichen von orientierungsloser Unreife. Wir werden auf diesen Aspekt im historischen Abriss der Männerabwertung noch intensiver zurückkommen. Dabei werden wir auch sehen, dass selbst gesellschaftliche Abwertung der Traditionellen Männlichkeit bislang relativ wenig anhaben konnte. Sie ist einfach ein ziemlich hartnäckiges Ding.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Männer. Erfindet. Euch. Neu." von Björn Süfke.

2016-06-01-1464800546-9208461-9783442392919.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Mann filmt riesige Wolfs-Spinne - doch damit hat er sicher nicht gerechnet

Lesenswert: