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Die Politik vernachlässigt die Integration tausender Flüchtlinge - also kümmern wir uns selbst darum

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REFUGEE HELP GERMANY
Hannibal Hanschke / Reuters
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Seit rund zwei Jahren wird in Deutschland und Europa diskutiert: Über Flüchtlingswellen, Flüchtlingskrisen, Obergrenzen, Ausländerkriminalität und natürlich Integration.

Politiker jeder Couleur füllten mit diesen Themen etliche Talkshows, während überall im Land Menschen mit der wahrscheinlich größten Herausforderung der letzten Jahrzehnte ringen: die gesellschaftliche Integration hunderttausender Menschen aus dem Nahen Osten, Nordafrika und Osteuropa.

Doch während die mit dieser Herausforderung verbundenen Maßnahmen im tagespolitischen Geschäft kaum noch eine Rolle zu spielen scheinen, wachsen die Probleme in vielen deutschen Großstädten an - und das nicht erst seit 2015.

Armer Norden, reicher Süden

Bereits lange bevor sich die sogenannte Flüchtlingskrise in Deutschland ereignete, kämpften Großstädte mit akuter Wohnungsnot, rasant steigenden Mieten, einer immer breiter werdenden Schere zwischen Arm und Reich und der Entwicklung von prekären Stadtvierteln, fast immer mit einem hohen Anteil an Migranten.

Gerade in der Stadt Essen, in der ich lebe und als Vorstand des örtlichen Caritas-Verbandes arbeite, spricht man in diesem Bezug oft von einem "Nord-Süd-Gefälle".

Oder einfacher gesagt: armer Norden, reicher Süden.

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Und auch wenn es sich nicht so ganz einfach nach Himmelsrichtungen aufteilen lässt: Es gibt hier Viertel, in denen beträgt die Armutsrate bei Kindern fast 70 Prozent, während es woanders keine 10 Prozent sind.

Aktuelle Statistiken besagen, jedes dritte Kind ist von Armut betroffen. Hinzu kommt ein Mangel an günstigem Wohnraum und sozialem Wohnungsbau, sowie die drohende Gentrifizierung von renovierten Stadtteilen.

Die Isolation von Migranten ist ein Problem

Überall in der Stadt haben sich in den vergangenen Jahrzehnten unterschiedliche Milieus angesiedelt, in denen bestimmte Merkmale besonders häufig anzutreffen sind.

In dem einen Quartier hohe Einkommen, gute Schulbildung und zahlreiche Einfamilienhäuser, in dem anderen hohe Arbeitslosigkeit, viele Schulabbrecher und steigende Kriminalitätsraten. Nur selten kommt es zwischen Bürgern der jeweiligen Viertel zu Begegnungen und Austausch.

Gerade Erwachsene aus Nahost-Ländern können beispielsweise in Teilen von Essen ganz unter sich bleiben.

Es gibt einen arabischen Metzger, einen arabischen Supermarkt, der Vermieter spricht die gleiche Muttersprache und der Nachbar kommt aus dem ehemaligen Nachbarland.

In diesen Gemeinschaften sind es am ehesten noch die Kinder, die durch die Schule oder die Kita mit der deutschen Sprache und Kultur regelmäßig in Kontakt kommen.

Ich möchte das niemandem vorwerfen - aber das unter sich Bleiben und damit die Isolation von Menschen mit Migrationshintergrund bleibt hier, wie in ganz Deutschland, ein großes Problem - und der Zustrom von Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan, Irak und Nordafrika wird das mit Sicherheit nicht erleichtern.

Wir wollen das ändern

Um das zumindest in ersten Ansätzen zu ändern, haben wir als ein Beispiel zusammen mit den Essener Rotary-Clubs ein neues Projekt ins Leben gerufen: Die Essener Begegnungen. Denn viele reden über Flüchtlinge, aber nur die wenigsten haben tatsächlich Kontakt zu ihnen.

Deswegen bringen wir Essener Familien mit neu hinzugekommenen geflüchteten Familien zusammen. Ganz unverbindlich. Um besser herauszufinden, wer mit wem gut zusammenpasst füllen Interessierte bei uns einen Fragebogen aus mit Angaben zu Alter, Beruf, Hobbys und Interessen.

An ein bis zwei Wochenenden im Monat haben die Familien oder auch Einzelpersonen dann die Chance, für ein paar Stunden gemeinsam etwas zu unternehmen.

Zuerst trifft man sich begleitet von einer unserer Mitarbeiterinnen an einem zentralen Ort in der Stadt und lernt sich kennen. Alles was danach kommt, überlassen wir den Teilnehmern selbst.

Wir waren vor den ersten Begegnungen selbst sehr gespannt, wie sich das Projekt entwickeln würde. Doch die Geschichten, die uns Teilnehmer schon jetzt erzähten, überzeugen uns sehr: Nahezu alle Teilnehmer haben Telefonnummern ausgetauscht und sind in Kontakt geblieben.

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Die Einen verabreden sich inzwischen regelmäßig zum Sport, die Anderen wurden von einer syrischen Familie zum Abendessen eingeladen. Eine Frau berichtete uns sogar, sie sei dadurch in einem Stadtteil von Essen gewesen, in dem sie vorher noch nie war.

Genau das ist unser Anspruch: Menschen wieder dazu zu bringen, aufeinander zuzugehen, neugierig zu sein und sich gegenseitig etwas von ihren jeweiligen Lebenswelten zu zeigen.

Nur so können wir in der Bevölkerung überhaupt die Bereitschaft und Motivation schaffen, das Mammutprojekt Integration anzunehmen. Denn Vielen ist die akute Situation nicht wirklich bewusst.

Seit 2014 gibt es in Essen rund 20.000 neue Bürger mit Migrationshintergrund, die meisten davon Geflüchtete.

Die Erstunterbringung dieser Menschen ist im Vergleich mit der dauerhaften Integration noch ein vergleichsweise Leichtes gewesen - besonders im Verhältnis zu dem, was uns jetzt in der Wirklichkeit vor Ort bevorsteht: Wir brauchen neue Kita-Plätze, mehr Schulklassen, mehr Mitarbeiter, bezahlbaren Wohnraum, Sprachkurse, Arbeitsplätze....

Das Thema Integration ist unsexy geworden

Deutschland hat eine gigantische Aufgabe vor sich. Die Bewältigung dieser Herausforderung wird viel mehr Ressourcen und Einsatz erfordern, als wir bislang bereit sind zu investieren.

In der Politik scheint niemand so richtig zu wissen, wer genau wofür zuständig ist. Der Bund, das Land, die Kommunen - alle schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu und der bürokratische Aufwand ist immens.

Man hat den Eindruck, je näher die Landtags- und Bundestagswahl kommt, umso weniger spielt es eine Rolle.

Klar, durch den Rechtsruck und die Ängste vieler Bürger ist das Thema für die deutschen Politiker unpopulärer geworden. Damit gewinnt man heute keinen Blumentopf mehr. Fakt ist aber auch, dass man es nicht ignorieren kann.

Wenn wir jetzt nicht die richtigen Bedingungen schaffen, dann wird es mit der Zeit immer schwieriger, unsere neuen Mitbürger vor allem auch in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Denn egal wie motiviert jemand zu Anfang noch ist - wer zwei oder drei Jahre keinen Job und keine Aufgabe bekommt, der findet andere Wege und Möglichkeiten, sich damit zu arrangieren.

Die Wahrscheinlichkeit, sich in den normalen Arbeitsmarkt einzugliedern sinkt dann rasant. Das kennen wir genau so auch in Bezug auf Menschen, die hier in Deutschland aufgewachsen sind.

Im Zentrum steht also die Frage, ob wir bei der Integration unserer neuen Mitbürger die selben Fehler machen wollen, wie in den vergangenen Jahrzehnten, oder ob wir mutig genug sind, mit sehr viel Aufwand und Energie neue Wege zu gehen.

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Ich sage oft: Ja wir können das schaffen, aber wir schaffen das nicht einfach so nebenbei! Das Thema Integration muss in allen politischen Feldern eine zentrale und übergreifende Rolle spielen und darf in einem so reichen Land auf keinen Fall an Ressourcen scheitern.

Unser Projekt "Essener Begegnungen" ist da nur ein beispielhafter erster Tropfen auf den heißen Stein. Es muss bundesweit noch viel mehr passieren.

Wir müssen die Probleme klar benennen, wir dürfen nicht wegschauen. Denn wenn wir die Wohlfahrtsverbände, ehrenamtlich Engagierte, die Einrichtungen des Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesens und unsere neuen Mitbürger damit alleine lassen, dann gefährden wir die soziale Zukunft Deutschlands - und das gilt es um jeden Preis zu verhindern.

Der Beitrag wurde von Julius Zimmer aufgezeichnet.

(jz)

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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