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Deshalb ist Kindererziehung nicht immer leicht

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KIDS WITH MUM
Thanasis Zovoilis via Getty Images
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Vor kurzem hatten mein Mann und ich einen Streit. Unser Sohn hatte eine Arbeit geschrieben und in den Augen seines Vaters eine zu schlechte Note mit nach Hause gebracht. Auch wurde der Vorwurf ganz deutlich an mich gerichtet, weil ich angeblich viel zu wenig mit ihm gelernt habe und somit auch meinen Teil zum "schlechten" Ergebnis beigetragen habe. Abends bin ich in den Garten gegangen, um die Pflanzen und den Rasen zu gieĂźen.

Ich liebe Gartenarbeit und kann dabei prima entspannen und nachdenken. Während ich den Rasen wässerte, konnte ich meinen Gedanken freien Lauf lassen und es fühlte sich einfach toll an. Wenn ich es mir recht überlege, ist unser Sohn wie der Rasen in unserem Garten. Versteht mich bitte nicht falsch: Natürlich liebe ich den Rasen nicht so wie mein Kind, aber vielleicht könnt ihr euch bildlich vorstellen, was ich damit meine.

Wir Eltern sind die Erde, das Fundament, in dem unser Kind aufwächst. Durch die Erde haben wir ihm verschiedene Erbanlagen, Stärken und Schwächen mit auf den Weg gegeben. In uns findet er Halt, Sicherheit, Geborgenheit und kann seine Wurzeln entfalten. Wir sorgen dafür, dass er gute Nahrung erhält, die er zum Wachsen braucht.

Aber nicht immer ist die Erde perfekt. Manchmal hat sie auch Schwachstellen, an der sich das Gedeihen als sehr mühsam herausstellt. Diese Stellen brauchen besonders viel liebevolle Pflege und selbst wenn sie sie bekommen, wird hier der Rasen trotzdem nie satt grün werden. Die Pflanze kann an dieser Stelle gar nichts dafür, denn wenn die Erde einfach zu marode ist und kein Wasser speichern kann, ist das Wachsen kaum möglich. Aber auch dieser Teil des Rasens gehört ganz klar zu unserem Garten dazu.

Es gibt Tage, da stört mich das kleine Stück vertrockneten Grases überhaupt nicht. An anderen Tagen kann ich es kaum ertragen und versuche mit allen Mitteln, diesen unschönen Fleck zu entfernen. Ich dünge ihn, gebe ihm besonders viel Wasser, aber alles hilft nichts. Er bleibt so, wie er ist.

Manchmal aber, verändert sich so ein Stückchen des Rasens von ganz alleine, ohne dass ich etwas dazu getan hätte. Vielleicht haben die Rahmenbedingungen gestimmt. Es hat genug geregnet, die Sonne hat geschienen, aber nicht zu heiß, und es wehte stets ein laues Lüftchen. Dann freue ich mich riesig über das grüne Stück und wünsche mir, dass es immer so schön bleibt.

Eigentlich denke ich stets, ich behandle meinen ganzen Rasen ums Haus immer gleich. Aber das Ergebnis zeigt mir immer wieder etwas anderes. Jeden Sommer gibt es Stellen, die schöner sind, als andere. Und in jedem Jahr scheint er immer wieder anders zu sein.

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Es kommt auch immer auf meine eigene Stimmung an, wie ich den Rasen wahrnehme. Manchmal stört mich Unkraut überhaupt nicht. Warum soll es denn nicht hier wachsen? Ist doch eigentlich eine schöne Pflanze. Manchmal habe ich gar keine Zeit, mich über das Unkraut aufzuregen und wieder ein anderes Mal kann ich es nicht ertragen, hole den Eimer und zupfe jedes Pflänzchen, das hier nicht hingehört, heraus. Dabei muss ich immer wieder feststellen, dass ich nicht jedes an der Wurzel packen kann und deshalb wird es bald wieder wachsen.

Manchmal wächst das Gras total schnell und ich mähe es zweimal pro Woche. Dann wieder kommt es vor, dass ich nicht mal wöchentlich mähen muss, weil es zu heiß war, nie geregnet hat und das Gras deshalb nicht wächst. Ich kümmere mich aber immer darum. Dann gieße ich halt stundenlang, aber es wächst trotzdem kaum.

Es kommt auch vor, dass auf unserem Rasen viel los ist. Dann wird er ganz schön strapaziert. Bei einer Sommerparty, oder wenn die Jungs Fußball spielen, ist am nächsten Tag alles platt gedrückt und einzelne Stellen haben ein Loch. Dann hilft meist einfach nur Ruhe und das Gras erholt sich bald von selbst.

Am nächsten Tag habe ich meinem Mann von meinen Gedanken berichtet. Er konnte es total gut annehmen, wusste nun, dass er auch seinen Teil zu der Note beigetragen hatte, dass es immer im Auge des Betrachters liegt und dass alles immer Pflege und Liebe braucht.

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So in meinen Gedanken versunken habe ich überlegt, dass der Name Kindergärtner doch eigentlich eine prima Berufsbezeichnung ist. Ich selbst habe diesen Beruf vor 20 Jahren gewählt und eine Ausbildung gemacht. Aber es ist total verpönt, wenn man jemanden Kindergärtnerin nennt. Wir pädagogischen Fachkräfte legen Wert darauf, dass wir Erzieher genannt werden.

Warum eigentlich? Man konnte sich doch bei dem vorherigen Text so schön vorstellen, wie die Kindergärtner jeden Grashalm pflegen und auf ihn achten. So ein Gärtner ist ja auch total wichtig. Stellt euch mal einen großen Rasen vor, der nicht durch einen Gärtner gepflegt wird. Aber alles kann auch ein Gärtner nicht geradebiegen. Wenn die Erde einfach keinen guten Halt bietet, wird der Gärtner es auch nicht hinbekommen, dass der Grashalm stark und sattgrün im Wind steht.

Mir ist nur eine Antwort eingefallen. SpĂĽrt ihr auch den Unterschied?
„Hallo, mein Name ist Birgit Wenz. Von Beruf bin ich Kindergärtnerin." Oder „Hallo, mein Name ist Birgit Wenz, von Beruf bin ich Erzieherin."

Obwohl sich Erzieherin viel strenger und wenig liebevoll anhört, habe ich bei meiner Aussage das Gefühl, einen Beruf erlernt zu haben, der Wertschätzung verdient hat. Sage ich jedoch Kindergärtnerin, hört sich alles nach Leichtigkeit und Spiel an. Aber wie ihr vorher schon gelesen habt, ist es harte Arbeit und nicht immer möglich, einen schönen grünen Rasen hinzubekommen.

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