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Aus dem Alltag eines Pansexuellen

24/02/2017 19:29 CET | Aktualisiert 24/02/2017 19:29 CET
Gallo Images via Getty Images

Bevor ich bei Jugend gegen AIDS anfing zu bloggen, interviewte mich Vanessa zu meiner Sexualität. Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, Menschen die Realität aufzuzeigen.

Vanessa: Die meisten können mit dem Wort "Pansexualität" nichts anfangen. Andere haben mal etwas darüber gehört, kennen aber den Unterschied zwischen Pansexualität und Bisexualität nicht. Wie würdest Du persönlich den Begriff definieren?

Billy: Ja, das kenne ich auch aus meinem näheren Umfeld. Pansexualität bedeutet für mich persönlich, dass ich die Liebe zu einem Menschen vollkommen unabhängig vom Geschlecht dieser Person empfinde.

Ich verliebe mich in die Person, wobei mir das Geschlecht dabei „egal" ist. Während Bisexualität nur das männliche und das weibliche Geschlecht einbezieht, umfasst Pansexualität sämtliche Menschen, auch die, die sich keinem Geschlecht zuordnen möchten oder beide Geschlechtsmerkmale besitzen.

Vanessa: Sicherlich ist es ein langer Prozess, bis man bemerkt, dass man pansexuell ist. Wie sah dieser Prozess denn bei Dir aus?

Billy: Das ist richtig! Und der Prozess ist für mich damit bestimmt noch nicht endgültig abgeschlossen.

Begonnen habe ich eigentlich mit der Liebe zu einem Mädchen in der 7. Klasse. Die erste Liebe ist ja was ganz Besonderes und bleibt einem für immer in Erinnerung.

Auf diese Liebe folgte dann allerdings eine lange Zeit, in der ich nur an Jungs interessiert war. Damals habe ich mich dann auch als schwul geoutet - was im Nachhinein betrachtet ziemlich dumm war.

Als ich meine Erzieherausbildung begonnen habe, habe ich dann ein zweites Mal in meinem Leben wieder Gefühle zu einem Mädchen bzw. einer Frau entwickelt. Nur war ich die Jahre davor nur an Jungs interessiert und der festen Überzeugung, ich sei schwul. Das hat mir die Chancen leider verbaut.

Genau das war der ausschlaggebende Punkt. Ich war mir bisher nicht wirklich bewusst, was es bedeutet, wenn deine sexuelle Orientierung dir Chancen verbaut. Mittlerweile schließe ich keinen Menschen mehr als potenzielle*n Partner*in aus und bezeichne mich deswegen als pansexuell.

Vanessa: Was ist Dir bei Deinem Partner besonders wichtig und was findest du anziehend?

Billy: Das Wichtigste ist, dass er*sie mit meiner Sexualität leben kann, das ist manchmal leider nicht einfach. Natürlich gelten typische Werte wie Treue, Romantik, Aufgeschlossenheit und gegenseitiges Interesse in jeder Beziehung - unabhängig von der sexuellen Orientierung.

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Attraktiv finde ich vor allem Wissen. Er*Sie sollte sich ausdrücken können und wir sollten voneinander profitieren können, sowohl intellektuell, als auch in jeder anderen Hinsicht. Zudem sollte mein*e Partner*in aufgeschlossen sein und meine Interessen berücksichtigen.

Vanessa: Welche Erfahrungen hast Du bezüglich festen Beziehungen gemacht?

Billy: Bisauf eine Beziehung im letzten Jahr keine großen. Die Liebe zu den beiden Mädchen war vergebens und mit den Jungs lief es bisher auch nur bedingt besser. Vier Wochen als Beziehung zu bezeichnen, wäre absurd.

Ich habe mich letztes Jahr über vier Wochen regelmäßig mit einem Jungen getroffen. Es ist ein schönes Gefühl sich mehrere Wochen Zeit zu nehmen und sich so intensiv kennenzulernen, bevor man eine Beziehung eingeht. Letzten Freitag war es aber „endlich" soweit. Er ist übrigens auch der erste, der mich persönlich gefragt hat - viele einigen sich ja heute über Chat auf eine feste Beziehung. Das fanden wir beide doch zu einfach und unromantisch. Auch wenn die Beziehung nicht all zu lange hielt, so hatten wir doch eine sehr schöne Zeit miteinander.

Vanessa: Könnte man sagen, dass es als Pansexueller leichter wäre, einen Partner zu finden? Oder sorgt die Pansexualität eher für Beziehungsprobleme?

Billy: Das kommt stark auf die jeweiligen Personen an, die man kennt bzw. kennenlernt. Ich habe mich erst vor zwei oder drei Monaten als pansexuell geoutet und habe daher noch nicht so viele Erfahrungen in Bezug auf eine Beziehung als Pansexueller gemacht.

Allerdings kam schon hin und wieder mal die Frage bzw. die Verunsicherung, dass ich mich als Pansexueller doch jederzeit in ein anderes Geschlecht verlieben könnte. Sowas muss man aber locker sehen und sich davon nicht selbst verunsichern lassen.

Es ist natürlich Unsinn, dass ich mich jederzeit in ein anderes Geschlecht verliebe, nur weil ich „mehr Auswahl" habe. Wie oben erwähnt, sind mir dieselben Werte (Treue, gegenseitiges Interesse etc.) wichtig, wie für eine*n Hetero- oder Homosexuelle*n.

Vanessa: Für einige Eltern oder für konservative Großeltern scheint es schon schwierig zu sein, die Homo- oder Bisexualität seines Kindes/Enkelkindes zu akzeptieren. Wie haben Deine Familie, Freunde und Bekannte auf Deine Pansexualität reagiert?

Billy: Das ist einer der Gründe warum ich meine Familie so sehr schätze! Niemand, von meinen Eltern über meine Tanten und Onkels, bis zu meinen Großeltern hat bei meinen zwei Outings irgendetwas Negatives gesagt.

Schon als ich mich als schwul geoutet habe, war meine Familie sehr aufgeschlossen.

Ich werde mich wohl für immer an ein Erlebnis mit meiner Großmutter aus Berlin erinnern; Sie sagte immer gern „Sachsen, wo die schönen Mädchen wachsen.", weil ich ja aus der Umgebung von Dresden komme.

Irgendwann habe ich sie korrigiert, dass das mit den Mädchen aber nichts wird, woraufhin sie nur meinte „Achso, na dann: Sachsen, wo die hübschen Jungs wachsen.". Das war schon sehr süß.

Auch meiner Pansexualität stehen sie offen gegenüber. Ich muss zwar hin und wieder nochmal erklären, was genau Pansexualität ist, aber keiner in meiner Familie hat ein Problem damit.

Vor meinen Freunden habe ich mich kurz vor Ende der Oberschule geoutet.

In der Öffentlichkeit dann schließlich kurz nach Abschluss der Oberschule - das ist auch so eine Geschichte für sich. Die erzähle ich aber ein anderes Mal.

Jedenfalls wurde ich vor meinem Coming-Out mehr gehänselt und geärgert, als danach. Deine Klasse weiß es einfach früher als du selbst. Das ist oft so.

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