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Die Großstadtsklaven: Wie Obdachlose in Deutschland systematisch ausgebeutet werden

11/08/2017 16:21 CEST | Aktualisiert 11/08/2017 16:21 CEST
Yorgos Karahalis / Reuters

Sie sind die Sklaven unserer Zeit - Menschen, die in illegalen Arbeitsverhältnissen gefangen sind und für ihre Leistungen kein Geld bekommen. Wer glaubt, dass das in Deutschland nicht passiert, liegt falsch.

In München ist diese Form der Ausbeutung an der Tagesordnung - und hat wohl System. Ich erlebe das selbst mit: In der bayerischen Landeshauptstadt arbeite ich bei der Bahnhofsmission. In unsere Einrichtung am Gleis 11 kommen täglich zwischen 200 und 300 Menschen.

Viele stärken sich dort nur mit Brot und Tee, holen sich frische Kleidung oder ruhen sich in unserem Aufenthaltsbereich aus - einige suchen auch in einem Beratungsgespräch Hilfe. Dafür steht unsere Tür allen Menschen und Problemlagen offen. In letzter Zeit suchen jedoch immer mehr Opfer illegaler Arbeitsverhältnisse bei mir und meinen Kollegen Rat.

Der Wohnungsmarkt ist ein Teufelskreis

Im vertraulichen Gespräch mit uns müssen sie nichts befürchten und sprechen ihre schwierige Lebenssituation oft offen an.

Viele von Ihnen sind in die Großstadt gekommen, weil es dort Arbeit im Überfluss gibt. Die Menschen gehen immer dahin, wo es Arbeit gibt. Sie wissen nicht, dass es für sie schier unmöglich werden wird, eine Wohnung zu finden. Denn: in München ist Wohnraum knapp und teuer.

Wer auf seiner Selbstauskunft nicht einen festen Job und ein solides Gehalt vorweisen kann, findet hier keine Wohnung. Seriöse Arbeitsverhältnisse sind wiederum an den Nachweis eines festen Wohnsitzes gekoppelt.

Ein Teufelskreis, der sowohl in der Immobilienbranche als auch auf dem Arbeitsmarkt ausgenutzt wird.

Sie erhoffen sich das schnelle Geld

Um dann ein völlig überteuertes Zimmer zu bezahlen, wird ein zwielichtes Arbeitsangebot angenommen. Meist sind das Jobs auf dem Bau, im Service oder in der Reinigung.

Sie erhoffen sich das schnelle Geld - werden oft jedoch bitter enttäuscht. Denn nicht selten prellen diese Arbeitgeber systematisch den Lohn oder zahlen ihren Arbeitern viel zu wenig, als dass es zum Leben reichen würde.

Das ist die Gefahr der illegalen Arbeit: Viele haben zu Beginn eine temporäre Unterkunft irgendwo, wenn der versprochene Lohn dann ausbleibt, landen sie auf der Straße.

Mehr zum Thema: "Wir fühlen uns schuldig für unsere Armut" - was es bedeutet, in einer armen Familie zu leben

Dort einmal angekommen, geraten sie in den Teufelskreis, aus dem es nicht leicht ist, wieder herauszukommen. Ohne Wohnsitz, kein Job - ohne Job, keine Wohnung.

So landen diese Menschen nicht selten bei uns, am Gleis 11 am Hauptbahnhof. Dann bitten sie um Geld, Unterstützung oder einen Schlafplatz - das Angebot ist in München jedoch sehr begrenzt und an Bedingungen geknüpft.

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Von diesen Fällen erreichen uns in letzter Zeit sehr viele. Wir gehen daher davon aus, dass die Menschen in illegalen Arbeitsverhältnissen systematisch ausgebeutet werden.

Unsere Anlaufstelle ist 24 Stunden geöffnet und durch die zentrale Lage am Hauptbahnhof, sind wir sehr nah an den Menschen dran. Wir bekommen gesellschaftliche Entwicklungen meistens früher mit als Politik und Verwaltung.

Deshalb ist es jetzt unsere Aufgabe, das Problem anzupacken. Wir versuchen, ganz konkret zu helfen und gleichzeitig durch Mitarbeit in Gremien und Arbeitskreisen sowie durch unsere Öffentlichkeitsarbeit auf eine Verbesserung der Situation hinzuwirken.

Der Text wurde von Franziska Kiefl aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

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