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Bettina Steinke Headshot

"Ich wollte wissen, wer ich im früheren Leben war - und sah, wie ein Mann mich vergiftete"

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"Marie, was siehst du?", fragt mich der Therapeut. Seit über einer Stunde liege ich auf seinem Sofa.

Ich bin aber nicht Marie. Mein Name ist Bettina. Und ich bin 29 Jahre alt.

Doch auf dem Sofa des Therapeuten bin ich Marie. Und lebe vermutlich im Mittelalter und spreche deutsch. Er ist nämlich kein normaler Therapeut - er ist ein Hypnosetherapeut.

Gemeinsam mit Thomas Klinzner, der die Praxis Zeitraum in München führt, möchte ich herausfinden, wer ich in meinem früheren Leben war. Dazu hat er mich in Trance versetzt. Meine Augen sind geschlossen.

Trance ist der Zustand zwischen Bewusstsein und Hypnose, ein Zustand in dem der Patient keinen Einfluss mehr über sich hat. Bis zuletzt habe ich daran gezweifelt, dass es überhaupt möglich ist, mich in Trance zu versetzen. Geschweige denn, mich in den Körper einer Person zu begeben, die ich früher einmal gewesen sein soll.

Offenbar habe ich mich geirrt.

Nach rund 15 Minuten ist es soweit: Ich spüre meine Beine, meine Arme, meinen Brustkorb nicht mehr. Ich weiß, dass ich noch auf dem Sofa liege. Aber vor meinem inneren Auge bin ich woanders: Weit weg in einer anderen Zeit. In dem außergewöhnlichsten Leben, das ich je geführt haben soll.

Obwohl mein Körper noch auf dem Sofa in der Münchner Praxis liegt, bin ich in Gedanken eine andere Person: Marie, die gerade ihren sechsten Geburtstag feiert. Sie hat sich ein Puppenhaus gewünscht - und ist sich auch sicher, dass sie dieses bekommen wird.

Ich fühle mich wohl. Denn Marie scheint es gut zu gehen. Viele Menschen sind gekommen, um ihren Geburtstag mit ihr zu feiern.

Mein Therapeut und ich haben vereinbart, dass jedes meiner früheren Leben an meinem sechsten Geburtstag beginnen soll. An Maries sechstem Geburtstag sollte aber nichts Außergewöhnliches mehr passieren.

Plötzlich breitet sich ein beklemmendes Gefühl in mir aus

Also führt mich der Therapeut zum nächsten wichtigen Tag in Maries Leben. Plötzlich ist Marie keine sechs Jahre mehr alt, sondern 14.

Ich erfahre, dass ihre Familie viel Einfluss hat. Denn eine ihrer zwei Schwestern ist mit einem König verheiratet.

Plötzlich breitet sich ein beklemmendes Gefühl in mir aus. Der Tagtraum, der so gut begonnen hatte - als unbeschwertes Kind - nimmt eine beängstigende Wendung.

Denn: Der König, mit dem Maries große Schwester verheiratet ist, ist kein guter Mensch. Im Gegenteil. Er tut ihr weh. Was er ihr genau antut, möchte sie nicht sagen. Trennen kann sie sich nicht von ihm. Doch er will sie loswerden.

Denn er soll eine Geliebte haben.

Wir machen einen Zeitsprung, Marie ist mittlerweile über 20. Ihre große Schwester lebt nicht mehr, sie wurde vergiftet.

Und ich sehe unweigerlich in den menschlichen Abgrund von Marie. Mittlerweile träume ich einen Alptraum.

Denn es wird klar: Marie ist die neue Frau des Herrschers, obwohl er ihre Schwester vergiftet hat. Vielleicht hat sogar Marie selbst dabei mitgeholfen, ihre Schwester zu töten. Mit Kräutern vom Markt.

Ich werde unruhig auf dem Sofa. Das belegen auch die Tonbandaufnahmen, die ihr euch im Video oben anhören könnt.

Marie ist jetzt Königin. Aber die neue Königin wird nicht mehr lange leben. Nach dem nächsten Zeitsprung ist sie Mitte 30.

Meine Augen brennen, ich versuche mich dagegen zu wehren

Dann muss ich erleben, wie sich der eigene Tod anfühlt.

Maries Tod ist grausam. Vermutlich wurde auch sie vergiftet, genauso wie ihre Schwester. Sie hat hohes Fieber und starke Schmerzen. Mir wird heiß, während ich auf dem Sofa liege.

Kontrollieren kann ich diese Gefühle nicht. Meine Augen brennen, ich versuche mich dagegen zu wehren. Aber ich schaffe es nicht. Ich möchte den Tod hinter mir lassen, einfach nur aus diesem Zimmer entkommen, in dem sich die letzten Momente in Maries Leben abspielen. Aber ich schaffe es nicht. Aus eigener Kraft kann ich mich nicht befreien.

Dann greift mein Therapeut ein. Er holt mich aus dem schlimmen Traum.

Mehr zum Thema: Wiederbelebter berichtet, wie sich der Tod wirklich anfühlt

Doch auch wenn die unmittelbare Gefahr vorbei ist, lässt mich dieser Albtraum nicht mehr los.

Schließe ich meine Augen, sehe ich auch Tage später noch die Bilder: das Schloss, den Herrscher, den eigenen Tod. Höre ich die Aufnahmen, werde ich unruhig. Ich erkenne meine eigene Stimme nicht, weil sie sich so brüchig und leise anhört.

Wo kommen diese Erinnerungen her?

Ich habe beschlossen, Belege dafür zu suchen, dass es Marie tatsächlich gegeben hat. Stundenlang habe ich das Internet durchforstet, Bücher gelesen, Filme angeschaut, Freunde in meine Suche eingeweiht.

Ergebnislos. Aber ich will nicht aufgeben. Es muss einen Weg geben, Marie zu finden.

Oder hat Marie einfach nie existiert und war nur ein Hirngespinst?

Das zu glauben fällt mir schwer.

Weil mir keine vergleichbare Geschichte einfällt, die ich irgendwann einmal gelesen oder gesehen habe und die mit Maries Geschichte übereinstimmt und deren Bilder mein Gehirn unter Trance hätte projizieren können.

Wo also kommen diese Erinnerungen her?

Das dürften sich auch die Eltern des kleinen Luke aus Ohio gefragt haben. Der damals zweijährige Junge fing im Jahr 2015 plötzlich an, über eine Frau namens Pam zu reden. "Er sagte Dinge wie: 'Als ich eine Frau war, hatte ich schwarze Haare'. Oder: 'Ich hatte die gleichen Ohrringe, als ich eine Frau war'."

Das alles erzählte seine Mutter Erika Ruehlman dem amerikanischen Fernsehsender Fox.

Erika Ruhelmann stellte ihren Sohn auf die Probe

Auch an seinen Tod konnte sich Luke sehr gut erinnern. "Er sah mich an und sagte: 'Ja, es war ein Feuer.' Dabei machte er mit einer Handbewegung deutlich, dass er vom Haus gesprungen sei", sagte seine Mutter.

Ruehlmann fing an zu recherchieren, ob es wirklich eine Pam gab, auf die Lukes Geschichte zutrifft. Und sie fand eine: Pamela aus Chicago, die im März 1993 bei einem Brand in ihrem Haus ums Leben kam. Sie war aus dem Haus gesprungen - genau wie in Lukes Erinnerung.

Erika Ruehlman beschloss, ihren zweijährigen Sohn auf die Probe zu stellen. Sie druckte mehrere Bilder von Personen aus, eine davon war Pam. Dann bat Ruehlman ihren Sohn, das Foto von Pam rauszusuchen. "Ich glaubte nicht daran, dass er das richtige auswählt", sagte sie.

Was dann geschah, lässt sich nicht erklären. Luke wählte unter allen Fotos jenes aus, das Pam zeigte. Er sagte zu seiner Mutter: "Ich erinnere mich daran, wie das hier aufgenommen wurde."

Das war für Erika Ruehlman der letzte Beweis. Sie war sicher: Ihr Sohn Luke wurde wiedergeboren.

Auch für die junge Inderin Shanti Devi stand fest: Sie war schon mal auf der Welt, in einem anderen Leben, nämlich als Lugdi. Lugdi starb während der Geburt ihres Sohnes - ein Jahr, zehn Monate und sieben Tage vor Shantis Geburt.

"Dies ist nicht mein wirkliches Zuhause"

Der Fall der Inderin Shanti gilt bis heute als das berühmteste Beispiel einer möglichen Reinkarnation und wurde bereits von hunderten Forschern untersucht.

Erst als Shanti vier Jahre alt war, fing sie an zu sprechen. Sie behauptete immer wieder, ihre Eltern seien nicht ihre richtigen Eltern. Oder: "Dies ist nicht mein wirkliches Zuhause. Ich habe einen Ehemann und einen Sohn in Mathura. Ich muss zu ihnen zurückkehren."

Die Eltern gingen davon aus, dass ihre Tochter Wahnvorstellungen habe. Doch sie konnte sich nach und nach an immer mehr Details aus ihrem angeblich früheren Leben erinnern. Eines Tages traf sie dann den Sohn und den Ehemann von Lugdi, Kedarnath Chobey. Chobey zog sich mit Shanti in ein Zimmer zurück und stellte ihr intime Fragen. Die Antworten darauf könne nur seine Frau kennen, sagte er.

Shanti konnte sie alle beantworten. Sie fragte Chobey unter anderem, warum er nochmal geheiratet habe - sie hatten doch vereinbart, dass er nicht mehr heiraten würde. Ab dem Zeitpunkt war sich Kedarnath Chobey sicher, dass das Mädchen vor ihm seine wiedergeborene Frau ist.

Sowohl die Geschichte von Luke Ruehlman als auch die von Shanti Devi lassen sich nicht beweisen oder endgültig durch Fakten belegen.

"Es gibt diese Indizien, die in Betracht gezogen werden müssen"

Wissenschaftler versuchen aber, das Phänomen der Wiedergeburt zu erklären. Einer dieser Forscher ist Jim Tucker. Der Kinderpsychiater und Autor sammelt seit mehr als 15 Jahren Berichte von Kindern wie Luke.

70 Prozent von ihnen sollen im früheren Leben einen unnatürlichen Tod gestorben sein. Außerdem betrage die Zeit zwischen Tod und Wiedergeburt im Durchschnitt 16 Monate, so seine Erkenntnis. Bei der Inderin Shanti Davi wäre sie dann sechs Monate länger gewesen.

Tucker will zudem auffällige Geburtsmerkmale bei den untersuchten Kindern gefunden haben, die mit tödlichen Wunden aus einem früheren Leben übereinstimmten.

Sind das Beweise, dass Menschen nach ihrem Tod in einem anderen Körper wiedergeboren werden? "Mir ist bewusst, welch großen Schrittes es bedarf, um zu folgern, dass es etwas jenseits von den Dingen gibt, die wir sehen und berühren können", sagt Tucker. "Dennoch gibt es diese Indizien, die in Betracht gezogen werden müssen. Und wenn wir uns diese Fälle sorgfältig anschauen, so macht das Übertragen von Erinnerungen als Erklärung den meisten Sinn."

Eine Rückführung in ein früheres Leben bleibt vorerst eine Glaubensfrage, das steht für mich fest.

Es wird Menschen geben, die das Gesehene für real halten. Die wirklich denken, dass sie ein König, Ritter, Bauer oder Bettler in einem anderen Jahrhundert waren.

Und es gibt Menschen wie mich: Die Fakten brauchen, um wirklich an eine solche Geschichte glauben zu können. Vielleicht werde ich Marie irgendwann finden.

Wenn nicht, dann ist es für mich auch nicht schlimm. Immerhin habe ich an jenem Samstagmorgen die intensivste Erfahrung gemacht, die ich je hatte. Zumindest in diesem Leben.

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(lm)