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Ein Brief an den faulen Paketboten

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  • Viele Kunden ärgern sich, wenn ihr Paket nicht rechtzeitig oder gar nicht zugestellt wird
  • Oft richtet sich ihre Wut dann gegen die Paketboten
  • Im Video oben seht ihr, wie unverschämt die Kuriere teilweise von Kunden angegangen werden

Es ist 16 Uhr. Seit acht Stunden warte ich auf mein Paket. Ich habe mir frei genommen, weil es heute ankommen soll. Langsam werde ich nervös, die unterschiedlichsten Fragen gehen mir durch den Kopf. Wird mein Paket überhaupt noch geliefert? Werden Sie, lieber Paketbote, heute noch bei mir klingeln?

Oder - wie die letzten Male - einfach nur eine Benachrichtigung in meinen Briefkasten schmeißen und das Paket der Einfachheit halber in der nächsten Filiale abgeben? Weil Sie keine Lust auf den Weg zu mir in die zweite Etage haben.

Ich habe mitbekommen, wie die Nachbarn über Sie denken.

Sie stehen oft im Flur und sagen, Sie seien faul. Sie können nicht verstehen, wieso ausgerechnet der Paketbote ständig ihre freie Zeit so überstrapazieren muss. Meine Nachbarn fragen sich, wieso Ihr Arbeitgeber Sie nicht schon längst entlassen hat.

Ich bin auch genervt. Denke darüber nach, Ihnen zu raten, sich einfach einen neuen Job zu suchen, wenn ich Ihnen mal begegne.

Aber wissen Sie was? Das werde ich nicht tun. Stattdessen überlege ich mir, wie ich in Ihrem Job wäre.

Vielleicht wäre ich auch nicht mehr nett


Vielleicht würde ich die Pakete auch nicht immer rechtzeitig ausliefern. Bei allen Parteien eines Mehrfamilienhauses läuten. Nachdem ich zweimal durch alle Seitenstraßen gefahren bin, weil irgendein Falschparker den Weg versperrt.

Vielleicht wäre ich auch nicht mehr nett und freundlich. Und würde der alten Dame im vierten Stock das Paket nicht hochbringen. Auch, weil ich in Ihrer Situation gar nicht wissen kann, dass sie alt ist.

Vielleicht würde ich ihr einfach nur eine Benachrichtigung in den Briefkasten schmeißen. Wie allen anderen auch.

Vielleicht würde ich einfach kündigen


Vielleicht würde ich auch einfach kündigen. 1600 Euro brutto, mehr verdienen viele Paketboten nicht, sind das alles wirklich nicht wert.

Vielleicht würde ich dann aber keinen neuen Job finden. Könnte die Rechnungen nicht mehr bezahlen. Den Kindern keinen Schulausflug ermöglichen.

Also würde ich wohl weiterhin jeden Tag Benachrichtigungen in Briefkästen stopfen oder direkt an die Eingangstür kleben.

Ist es so schwer, mal "Danke" zu sagen?


Vielleicht merken Ihre Kunden irgendwann, dass es nicht an Ihnen liegt. Dass es an dem Knochenjob liegt, den Sie jeden Tag erledigen. Für sie.

Damit sie sich samstags, wenn sie endlich mal frei haben, nicht durch die vollen Läden in der Innenstadt kämpfen müssen. Weil ich ihnen liefere, was sie sonst selbst besorgen müssten.

Damit sie am Geburtstag ein Päckchen an Verwandte senden können, die auf der anderen Seite Deutschlands leben.

Damit sie in der Vorweihnachtszeit ihre freien Stunden mit ihrer Familie verbringen können, anstatt in der überfüllten Einkaufsstraße.

Vielleicht lästert ihr, liebe Nachbarn, in Zukunft nicht mehr über den Paketboten. Sondern sagt einfach mal "Danke".

Mehr zum Thema: An alle, die ständig über uns Paketboten schimpfen: Das Problem seid ihr selbst

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