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An die Münchner Krankenschwester, die ihren Patienten das Essen vom Tablett klaut

01/12/2017 16:38 CET | Aktualisiert 01/12/2017 18:02 CET
Rawpixel via Getty Images

Ich habe dich beobachtet. Als du den großen Servierwagen mit den vielen Tabletts auf die Station gerollt hast. Du arbeitest in einem großen Münchner Krankenhaus in der Frauenheilkunde. Die Klinik hat einen hervorragenden Ruf - im In- und im Ausland.

Ich habe gesehen, was du hinter dem Rücken deiner Patienten getan hast: Du hast die Kiwis, den Pudding und das Brot von einigen Tabletts geklaut.

Essen, das du eigentlich deinen Patienten bringen solltest. Den vielen Frauen, die aus den unterschiedlichsten Gründen auf deiner Station liegen. Weil sie krank sind oder ein Kind erwarten.

Genauso wie meine Freundin, die ich an jenem Tag besucht habe. Immer wieder muss sie für mehrere Tage ins Krankenhaus - weil ihr ungeborener Sohn seit geraumer Zeit nicht mehr wächst und nach 7 Monaten nur 1100 Gramm wiegt.

Wahrscheinlich wird er schon viel eher als geplant auf die Welt kommen. Sie macht gerade eine schwere Zeit durch.

Dass du ihr dann einfach so die Kiwi weggenommen hast und sie anschließend mit deiner Kollegen - die an deiner Aktion ebenfalls beteiligt war - im Aufenthaltsraum isst, finde ich rücksichtslos. Und sorgt nicht dazu, dass es ihr besser geht.

Trotzdem kann ich dich verstehen.

Du kommst so oft an deine Grenzen

Du arbeitest fast jeden Tag zwölf Stunden am Stück. Oft ohne Pause, weil deine Patienten dich brauchen, du einem Arzt helfen oder den leidigen Papierkram erledigen musst.

Oft kommst du an deine physischen und psychischen Grenzen, musst einen schweren Patienten ins Bett hieven, musst Angehörigen die Gegenstände eines verstorbenen Patienten übergeben. Du musst einer schwangeren Frau die Sorge vor einer Fehlgeburt nehmen und einem alten Menschen die Angst vor dem Tod.

Du schuftest dich jeden Tag auf Neue ab, ohne morgens zu ahnen, welche persönlichen Schicksale dich nachmittags erwarten.

Du machst diesen Knochenjob aber nicht, weil du damit viel Geld verdienst oder Karriere machen willst.

Du hast diesen Beruf gewählt, weil du Menschen helfen willst. Zumindest wolltest du das irgendwann mal. Das glaube ich zumindest.

"Danke" hast du schon lange nicht mehr gehört

Doch die Zeiten haben sich geändert. Du bekommst keine Blumen oder Pralinen von deinen Patienten mehr, weil sie dankbar sind. Überhaupt: Das Wort "Danke" hast du lange nicht mehr gehört. Stattdessen musst du dich beleidigen, manchmal sogar anspucken lassen.

Ein Krankenhaus in Baden-Württemberg hat sogar extra einen Sicherheitsdienst eingestellt, der Mitarbeiter wie dich schützen soll. Nicht nur Krankenschwestern, auch Sanitäter müssen immer wieder gegen Menschen ankämpfen, denen sie nur helfen wollen. Oft tragen sie bleibende körperliche Schäden davon.

Nein, es ist nicht okay, Essen von Patienten zu klauen. Dafür gibt es keine Rechtfertigung. Doch all das, was du und deine Kollegen Tag für Tag leisten - für uns alle -, ist viel mehr wert als ein Stück Obst.

Mehr zum Thema: Ich bin Krankenschwester - ihr werdet nie verstehen, was das wirklich heißt

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